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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Kinderarbeit

Schule oder Essen

Die Realität der israelischen Besatzung zwingt Minderjährige in Palästina zu Erwerbsarbeit
Von Shir Hever
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Der siebenjährige Mohammad hilft als Wasserträger auf dem Friedhof (Gaza-Stadt, 11.9.2022)

Kinderarbeit ist in jeder Demokratie illegal. In Ländern mit schwacher sozialer Unterstützung müssen aber noch immer Millionen von Kindern arbeiten, um sich und ihre Familien zu ernähren – und nicht zu verhungern. Für einen Vortrag zu Kinderarbeit in Palästina bei der GEW in Heidelberg erhielt ich Ende Oktober ohne Begründung eine Absage.

In den letzten Monaten ist die tödliche Gewalt gegen Palästinenser im Westjordanland eskaliert, die sowohl von radikalen Siedlern als auch von israelischen Soldaten verübt wurde. Die Notlage der palästinensischen Kinder in Armut war dagegen weniger präsent. Man darf jedoch nicht vergessen, dass viele palästinensische Kinder nach wie vor zwischen Schule und genug Ernährung entscheiden müssen. Ein Beispiel für die Realität der Kinderarbeit in Palästina ist die Geschichte des zwölfjährigen Mahmoud Sammoudi. Er verkaufte in Jenin im Westjordanland regelmäßig Wasser an vorbeifahrende Autofahrer. Am 28. September schossen israelische Soldaten vor der Muntaha-Al-Hureini-Grundschule für Mädchen auf ihn, er starb am 10. Oktober an seinen Verletzungen.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) warnt seit Jahren vor Kinderarbeit unter gefährlichen Bedingungen in Palästina. In dem kleinen Dorf Yatta in der Nähe von Hebron etwa durchsuchen Kinder den Müll aus den illegalen Siedlungen auf einer gefährlichen Mülldeponie nach Metallteilen. An israelischen Checkpoints ist es Kindern bis 16 Jahren erlaubt, einen Erwachsenen mit einer Genehmigung zu begleiten und den Kontrollpunkt zu passieren. Familien ohne Arbeitserlaubnis sind manchmal gezwungen, Kinder unter 16 Jahren zu schicken, um Arbeiter mit Genehmigung zu begleiten. Die Kinder betteln dann in Jerusalem, putzen Autos oder verkaufen Kaugummi oder Feuerzeuge für ein paar Schekel, die für die Familien wesentlich sind.

Der belagerte Gazastreifen bietet für Erwachsene wie für Kinder wenig Arbeitsmöglichkeiten. Wann immer es eine vorübergehende Gnadenfrist Israels gibt, Landwirte einen Teil ihrer Ernte exportieren oder Fischer fischen dürfen, müssen Kinder die Schule verlassen und ihren Eltern helfen. Denn sie müssen die kurze Zeitspanne nutzen, bevor die Checkpoints wieder geschlossen oder der Fischfang wieder verboten wird.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte 2015 einen umfassenden Bericht über Kinderarbeit und wählte das Jordantal im besetzten Westjordanland als Hauptfallstudie. Ich selbst habe das große Problem der Kinderarbeit im Jordantal beobachten können. Die palästinensische Bevölkerung ist dort nach Vertreibung und Landnahme auf etwa 60.000 Menschen geschrumpft. Die verbliebenen Dorfbewohner leben in kleinen Gemeinden, umgeben von großen israelischen Siedlungen. Auch wenn es nur 9.000 Siedler dort gibt, so verfügen sie jedoch über das beste Land und nahezu den gesamten Wasserzugang. In der Erntezeit beschäftigen sie ihre Nachbarn, die ihr Land und ihren Zugang zu Wasser verloren haben. Die Erntehelfer werden dann pro Kilogramm und nicht pro Stunde bezahlt. Familien bringen ihre Kinder mit, die bei der Ernte helfen, um ein paar Schekel mehr zu verdienen.

Das US-Außenministerium berichtete, die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) habe im Westjordanland im Kampf gegen Kinderarbeit »minimale Fortschritte« erzielt. Kinderarbeit im Gazastreifen wurde nicht ermittelt. Auch nicht Kinderarbeit innerhalb des Staates Israel, wo ebenfalls viele palästinensische Kinder arbeiten. 2021 hat die PA im Westjordanland 51 Fälle von Kinderarbeit aufgedeckt, in 19 Fällen wurden Strafen verhängt.

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