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Aus: Ausgabe vom 22.11.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Plattformökonomie

Elefantenhochzeit auf Rädern

Lieferdienste Getir und Just Eat Takeaway verabreden enge Kooperation. Gemeinsames Angebot startet in Bundesrepublik
Von Gerrit Hoekman
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Getir will in der Bundesrepublik mit der deutschen »Just Eat Takeaway«-Tochter Lieferando kooperieren (Düsseldorf, 14.4.2022)

Die niederländische Bestellplattform für Mahlzeiten Just Eat Takeaway arbeitet in Zukunft eng mit dem Lebensmittellieferanten Getir zusammen. Die am Montag zunächst zwischen Getir und der deutschen Just-Eat-Takeaway-Tochter Lieferando begonnene Kooperation wurde von den Lieferdiensten in der vergangenen Woche mitgeteilt und soll bald auf andere europäische Staaten ausgeweitet werden.

Das rund 2.000 Artikel umfassende Supermarktangebot von Getir können Kunden in der BRD nun auch über Lieferando bestellen. Die Waren werden von Getir-Kurieren innerhalb von einer Viertelstunde ausgeliefert, so das Versprechen. Zunächst soll die Kooperation in Berlin, Köln und Düsseldorf starten. Ab Dezember dann auch in Hamburg, München, Dortmund und Nürnberg, berichtete die Wirtschaftswoche am Donnerstag. Der Mutterkonzern will die Liaison dann auf Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien ausweiten.

Die Niederlande fehlen in dieser Reihe. »Wir starten in Deutschland, weil wir dort nicht viel mit traditionellen Supermarktketten zusammenarbeiten«, sagte ein Sprecher von Just Eat Takeaway gegenüber De Telegraaf. In den Niederlanden kooperiert »Thuisbezorgd«, das niederländische Pendant zu Lieferando, mit den Supermärkten des Marktführers Albert Heijn und der Kaufhauskette Blokker. Die Zusammenarbeit sei eine »Win-Win-Situation für beide Parteien«, zitierte die niederländische Börsenseite ABM Financial News den Getir-Generalmanager Turancan Salur. Kunden von Just Eat Takeaway erhielten eine größere Auswahl an Lebensmitteln, während Getir »von der großen Kundenbasis profitieren und in Europa weiter wachsen« könne.

Getir wurde 2015 in Istanbul gegründet und ist erst seit Juli 2021 in der BRD aktiv. Nun will das Unternehmen offenbar auch den Marktkonkurrenten Gorillas übernehmen, wie die US-Nachrichtenseite Bloomberg als erste am 10. Oktober berichtete. Zu den Verhandlungen halten sich beide Seiten bedeckt, laut Bloomberg ist nicht abzusehen, ob es tatsächlich zur Übernahme kommt. Gorillas unterhält in 21 deutschen Städten Warenlager. In Münster, Bochum, Dortmund und Gelsenkirchen lief das Geschäft allerdings wohl so schlecht, dass Gorillas sie dort nach nur einem Jahr komplett schloss, berichtete der Nachrichtenblog Ruhrbarone Anfang August.

Während der Pandemie boomte das Liefergeschäft. Seit Läden und Restaurants wieder geöffnet haben, stagniere das Wachstum der Expresslieferungen, so die niederländische Nachrichtenagentur ANP am Donnerstag. Gorillas habe Personal abbauen und sich von einigen seiner Märkte zurückziehen müssen, »nachdem es schnell Kapital verbrannt hatte«, stellte Bloomberg fest. Auch Getir entließ im großen Stil Beschäftigte. Laut Wirtschaftswoche will Getir höchstens 600 Millionen Euro für Gorillas hinblättern. Vergangenes Jahr wurde das Unternehmen noch auf drei Milliarden Euro geschätzt.

Die versprochenen superkurzen Lieferzeiten lassen sich nur einhalten, wenn der Weg vom Lager zu Kunden kurz ist. Deshalb schießen in den Wohngebieten der Großstädte die Warenlager wie Pilze aus dem Boden. In den Niederlanden beschweren sich immer mehr Anwohner über Lärmbelästigung durch an- und abfahrende Lieferanten und von Lastenfahrrädern zugestellte Bürgersteige.

Der Stadtrat von Amsterdam verbot Anfang des Jahres vorerst, neue Lager zu eröffnen. Bereits bestehende sollten geschlossen werden, falls der Lärmpegel zu hoch ist. Die Lokalpolitiker in Amsterdam arbeiten unterdessen an einer Verordnung, die die Lager in Gewerbegebiete verdrängt. Andere niederländische Städte planen ähnliche Maßnahmen. Lieferzeiten von 15 Minuten wären dann in der Innenstadt wohl illusorisch.

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