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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Einfache Kleidung

Die Weigerung, das Badezimmer zu verlassen. Die Gruppe F im Prophetendiskurs
Von Jürgen Roth
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Besser als WM in der Wüste: Geschlechtsleben im Bad

Mittwoch, 11 Uhr, Marokko – Kroatien

Mittwoch, 20 Uhr, Belgien – Kanada

Der namenlose, siebenundzwanzig und bald neunundzwanzig Jahre alte Ich-Erzähler in dem 1985 erschienenen Roman »Das Badezimmer« von Jean-Philippe Toussaint, geboren in Brüssel, erinnert sich daran, wie er begann, seine »Nachmittage im Badezimmer zu verbringen«. Dort verlebte er »angenehme Stunden«. Seine Frau Edmondsson begrüßte das gewissermaßen. Er scherzte nun, und beide lachten.

Sie meinte zwar, dass in seiner »Weigerung, das Badezimmer zu verlassen, etwas Lähmendes liege«, doch sie sorgte weiterhin, ohne Klage zu führen, für den Unterhalt, »indem sie halbtags in einer Kunstgalerie arbeitete«.

Er beobachtete die Wand, die »kleine Risse« aufwies, und sein Gesicht »in einem Taschenspiegel«. Auch »das Rücken des Zeigers« seiner Armbanduhr fand seine Aufmerksamkeit.

Er war mit einem Teil seiner Bibliothek ins Badezimmer gezogen, fortan las er dort, »die Füße auf dem Wasserhahn gekreuzt«. Schließlich allerdings benachrichtigte Edmondsson seine Eltern. Die Mutter kam mit Kuchen und riet ihm, »Sport (zu) treiben, was weiß ich«. Er erwiderte, er fürchte »nichts mehr (…) als Ablenkung«.

An zwei Tagen der Woche hörte er »bei ausgeschaltetem Licht« Fußball, im Radio (wo sonst?), weil der Fußball »in der Vorstellung nur gewinnen« könne.

Auf der Durchreise besuchte ihn im Badezimmer in der Wohnung in Paris ein Freund. Der »berichtete (ihm), dass es regne«.

Er trug im Badezimmer »einfache Kleidung«, eine Leinenhose, ein Hemd, eine Krawatte. Er »lag ausgestreckt und entspannt da« und dachte »an eine Dame Blanche« (eine Kugel Vanilleeis mit heißer Schokolade) und verglich die Dame Blanche mit einem Brathähnchen, das, »bei aller Liebe«, dem Vergleich nicht standhielt.

Edmondsson, die einmal zu bedenken gab, das Leben »in einer Badewanne« sei möglicherweise nicht sehr zuträglich, erklärte er, er müsse das »Wagnis« eingehen, die »Seelenruhe« seines »abstrakten Lebens aufs Spiel zu setzen«.

Am folgenden Tag verließ er das Badezimmer. In der Küche saß der polnische Maler (Künstler) Witold Kabrowinski. Dieser (da recht mittellos) war von Edmondsson gebeten worden, die Küche zu streichen (ein Akt der Güte?), zusammen mit einem weiteren Polen. Edmondsson indes hatte vergessen, ­Farbe zu besorgen.

Er hockte auf seinem Bett, und »gelegentlich klopfte Kabrowinski bei mir an, streckte seinen Kopf durch die halbgeöffnete Tür und stellte mir Fragen, auf die ich auf das allerfreundlichste antwortete, ich hätte keine Ahnung«.

Kurz darauf erschien Edmondsson und bekundete fröhlich, den Beischlaf vollziehen zu wollen. Durch Kabrowinskis Beschwerde (er warte seit dem Morgen auf die Farbe, trotz geschlossener Tür gut vernehmbar) wurde dies vereitelt, weshalb man gemeinsam zu Abend aß.

Bei Spaghetti alle vongole und lauwarmem Bier fragte Kabrowinski, wo es bei der Beschaffung der Farbe hake. Sie, Edmondsson, habe »sich noch nicht für einen Farbton entschieden«. Daraufhin Kabrowinski (ein Nicht-Bartleby): Es sei dringend geboten, »so früh wie möglich mit dem Streichen (zu) beginnen«.

Nun sollte die geschlechtliche Vereinigung stattfinden, allein, »Kabrowinski zögerte seinen Abschied weiter hinaus; durch den winzigen Türspalt (Schlafzimmertür) hindurch bedankte er sich für das Abendessen und empfahl, was die Farbe anbelangte, in distanziertem Tonfall Beige«.

Während Edmondsson »ihr Höschen auszog«, erhob Kabrowinski noch einmal die Stimme (deutlicher) und »verlangte einen Vorschuss auf den versprochenen Lohn (…). Edmondsson ließ sich nicht darauf ein.«

Sie verriegelte die Tür, und jetzt wurde gebumst.

Marokko – Kroatien 1:3

Belgien – Kanada 8:0

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