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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Kostet ja nix

Es geht das Gerücht, dass bei der WM in Katar auch Fußball gespielt wird. Eine Annäherung. Die Gruppe E im Prophetendiskurs
Von Felix Bartels
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Deutsche WM-Touristen üben Katar-Kritik

Mittwoch, 14 Uhr, Deutschland – Japan

Mittwoch, 17 Uhr, Spanien – Costa Rica

Schöner Scheiß, jetzt muss ich ein paar WM-Tage lang die Sibylle zu machen. Was hab’ ich denn noch mit Fußball zu schaffen? Johan Cruyff? Tot. Arsène Wenger? Bei der FIFA, also untot. Willi Reimann? Im Ruhestand. Der Fußball hat seine Götter verloren.

Und dann Katar. Sandland mit Promo. Wahnsinnige Projekte in die Wüste ballern. Sich von der FIFA greenwashen lassen. Homosexuelle verfolgen. ­Frauen unter Vormundschaft ihrer Männer halten. Sklaverei kultivieren. Sich eine WM kaufen. Immerhin wurde untersagt, dass das Land sich wie bei der Handball-WM 2015 nahezu vollständig mit im Eilverfahren eingebürgerten Legionären bestückt. Eine Einbürgerung, die 90 Prozent der gewöhnlichen Bevölkerung dieses Landes verwehrt bleibt. Diese Fußball-WM, so liest und hört man heute, ist auf Sand, auf Öl, auf Blut gebaut.

Alle sind sich einig. Okay, der Hoeneß nicht. Will sich den Spaß nicht verderben lassen. Er, dessen letztes aktenkundiges Lachen vom 19. Juni 1976 datiert. Oder der Merz, der Friedrich. Ermahnte wenige Tage vor dem Turnier die deutschen WM-Touristen, das Ereignis nicht für Demonstrationen zu missbrauchen. Schließlich gehe es da um Sport und nicht um Politik (Gags kann er).

Also abgesehen vom Merz und vom Hoeneß sind sich alle einig: Katar geht gar nicht. Das Emirat, das mit den Ländern des freien Westens in munterer Handelsbeziehung bei Waffen, Öl und Erdgas steht, das bei allen NATO-Kriegen der jüngeren Geschichte im Hintergrund assistiert hat, soll jetzt die rote Linie markieren, die keinesfalls zu überschreiten sei. In Deutschland regiert das gute Gewissen. Eine Nation kritisiert sich gesund. Reinigt sich. Katarsis today (Gags kann ich auch).

Katar, das konsensfähige Feindbild. Alle fühlen sich besser, ohne dass es was kostet. Höchstens ein paar Abende Netflix statt Public Viewing. 70 Prozent der Deutschen wollen gar nicht hinsehen. Und da das hier ein Prophetentext ist, sag’ ich gleich mal was voraus: Mit dem Einstieg der deutschen Elf ins Turnier wird das Interesse wachsen. Nicht alle, aber viele werden doch hingucken. Je nachdem, wie weit die sich »Mannschaft« nennende Mannschaft kommt. Und wenn sie dann draußen ist, wird all den Dochhinguckern wieder einfallen, wie schlecht sie dieses Turnier eigentlich schon immer gefunden haben.

Was irgendwie auch sympathisch ist. Aus Inkonsequenz folgen weitaus seltener Übel denn aus Eiferei. Nehmt euch ein Bier, Freunde, und freut euch über jedes Tor, jede Glanzparade, jede rote Karte. Feuert an, wen immer ihr wollt. Verschüttet Erdnüsse in die Sofaritzen. Pöbelt gegen den Schiedsrichter. Prügelt euch mit dem Nachbarn. Jeder sollte tun, was er am besten kann.

Da es aber keinen Unsinn gibt, der nicht noch unsinniger wird, wenn er durch die Rohre der Taz gejagt wird, las man ebenda zuletzt: »Wir gucken! Und zahlen 5 Euro ›Eintritt‹ pro Spiel an Amnesty International. Jugendliche bis 18 die Hälfte (…) Gutverdiener*innen zahlen 10 Euro oder mehr – freiwillig. Ersatzweise gibt es eine Flatrate für die vollends Fußballsüchtigen: Ganze WM 150 Euro, Thema abgehakt.«

Thema abgehakt. Wer, nur mal so weitergesponnen, hindert die Urheber dieser Zeilen eigentlich daran, die 150 Tacken zu spenden und trotzdem nicht hinzugucken? Taz-Feuilletonisten wollen uns vor den Übeln der Welt schützen? Und wer schützt uns vor ihnen?

Horrido, da hab’ ich die Zeilen ja gut voll bekommen. Filibuster off.

Deutschland – Japan 0:11

Spanien – Costa Rica 0:0

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