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Aus: Ausgabe vom 21.11.2022, Seite 10 / Feuilleton

Eine Niederlage am Strom

Von Erwin Riess
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Im Donaukanal an der Nussdorfer Schleuse (Postkarte)

Aufmerksam beobachtete Groll am Nussdorfer Spitz den Schiffsverkehr. Der Dozent hatte eine Flasche Urgesteinsriesling aus der Wachau auf einem Markierungsstein abgestellt und entnahm seinem Rucksack zwei Weingläser aus Bleikristall. Das Trinkverhalten des Dozenten entsprach seiner noblen Erziehung im Theresianum. Er trank wenig, das aber mit Stil. Bei Groll verhielt es sich genau umgekehrt. Während er den Wein einschenkte, fragte der Dozent seinen Freund, ob er vom Schiffsunglück des Schubschiffes »Linz« gehört habe. Er sei Augenzeuge gewesen und habe die Daumen gedrückt, sagte Groll und setzte den Feldstecher ab. Das könne er sich lebhaft vorstellen, erwiderte der Dozent. Er wisse um Grolls Liebe zur Binnenschiffahrt, eine Havarie zu beobachten, müsse ihm fast körperliche Schmerzen bereiten. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, sagte Groll. Er habe Daumen gedrückt, nicht aus Angst vor der Havarie, sondern aus Angst, dass die Havarie nicht stattfinde.

»Ich hoffte, die losgerissenen Kähne würden in das Schulschiff krachen und dieses Schandmal von der Uferbefestigung losreißen.«

»Was stört Sie an ›Bertha von Suttner‹«? fragte der Dozent erstaunt.

»Nichts. Aber an der ›Bertha von Suttner‹, die unterhalb der Floridsdorfer Brücke am Ufer der Donauinsel liegt, stört mich alles. Ja, ich gehe so weit zu sagen: Ihre Existenz verdunkelt den Horizont!«

Es gebe nichts friedvolleres und nützlicheres als ein Schulschiff, erwiderte daraufhin der Dozent.

»Die ›Suttner‹ ist aber kein richtiges Schiff«, beharrte Groll, »sie ist bloß eine Schiffsattrappe, ein Gymnasium auf dem Wasser, ein Turnsaal über dem Morast, aber kein funktionstüchtiges Schiff. Sehen Sie, es gibt in jeder Marine der Welt Schulschiffe, egal, ob Handels- oder Kriegsmarine. Ich denke an die russische ›Krusenstern‹, die polnische ›Dar Mlodarczyk‹, die ›Gorch Fock‹ und die ›Rickmer Rickmers‹ aus Deutschland, die ›Amerigo Vespucci‹ aus Italien und einige Dutzend weitere. Bei den großen Windjammertreffen vor Southampton oder in der Kieler Förde können Sie die Königinnen der See paradieren sehen. Auch auf der Donau gibt es Schulschiffe, die ›Tutrakan‹ aus Ruse in Bulgarien, zum Beispiel, ein umgebauter Schlepper. Jahrzehntelang wurden auf ihr Matrosen ausgebildet, auf ihren Schulfahrten kam sie immer wieder in die Wachau, wo ich an den Gestaden des Stromes aufwuchs. Ich erinnere mich, vor vielen Jahren die Mannschaft in Stein an der Donau in volltrunkenem Zustand bei einem Heurigen, wohin sie der Kremser Stadtrat eingeladen hatte, angetroffen zu haben. Die ›Tutrakan‹ ist ein vollwertiges Wasserfahrzeug, eine Zierde ihrer Zunft. Die ›Suttner‹ aber hat keinen Motor, keine Schrauben, kein Radar, kein Steuerhaus. Sie ist eine Hülle ohne Inhalt, eine gigantische Luftburg, mit einem Wort: eine Niederlage im Wortsinn. Sie finden auf diesem hässlichen Riesenbaby, diesem Schiffstorso, der an einen gestrandeten Wal erinnert, was sage ich Wal, an einen gestrandeten Koloniakübel« –

»Ein rassistisches Wort«, unterbrach der Dozent.

»Drittweltkübel, wenn Ihnen das lieber ist«, korrigierte Groll und fuhr fort. »Die «Bertha von Suttner» ist ein Unschiff, eine Beleidigung für den Strom. Welch Demütigung muss es für die Korneuburger Werftarbeiter gewesen sein, als letzten Auftrag vor der verbrecherischen Schließung der ruhmreichen Werft ein Schiff ohne Motor und Steuereinheit, einen Schiffskrüppel, bauen zu müssen!«

»Für einen Rollstuhlfahrer ist Ihre Wortwahl, gelinde gesagt, erstaunlich«, sagte der Dozent ernst.

»Auch ich bin von mir schockiert«, gab Groll zu. »Sie können daran das Ausmaß meiner Enttäuschung ablesen.«

»Enttäuschung? Worüber?«

»Dass die Lastkähne der ›Linz‹ zwar, wie von mir erhofft, ans nördliche Ufer trieben, aber die ›Bertha von Suttner‹ verfehlten. Um eine Handbreite! Zwischen der Fortdauer einer unerträglichen Schande und der Herstellung stromgemäßer Verhältnisse lag nur eine Handbreite! Die Rettung war nah, aber sie ist vorüber getrieben. Seit dem Eisstoß von 1703, der Prinz Eugens Kriegsflottille im Winterhafen von Fischamend zerstörte, ist dem Strom nicht so übel mitgespielt worden.«

»Sie sind verrückt«, sagte der Dozent und stieg aufs Rad.

»Und Sie sind aus Hietzing«; sagte Groll. »Eine verschmockte Landratte. Prost!«

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