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Aus: Ausgabe vom 21.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Messias des Tages: Giovanni Infantino

Von Michael Merz
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Giovanni Infantino (Doha, 19.11.2022)

Giovanni Infantino gehört zu jenem Schlag Menschen, die sich – mit einem gewaltigen Hang zur Egomanie – gern selbst reden hören. Derartige Zeitgenossen glauben, ihre bloße Anwesenheit würde schon einen Hauch Genialität verströmen. Wenn sie dann auch noch den Mund aufmachen, würden Zuhörer sowieso an ihren Lippen kleben. Die Aufmerksamkeit, die dem Auftritt des FIFA-Chefs am Sonnabend galt, ist aber eher darauf zurückzuführen, dass solche Pressekonferenzen einem Unfall gleichen, bei dem man nicht wegschauen kann. Obwohl Infantino in manchen Punkten – z. B. was die Heuchelei des Westens in bezug auf die WM in Katar angeht – recht hatte während seines einstündigen Monologs mit anschließender Fragerunde, konnte er nicht verhehlen, welch Wahnsinn in ihm schlummert.

Mit reichlich bedeutungsschwangeren Pausen wollte er Einblick in seine Gefühlswelt geben: »Heute fühle ich mich katarisch, heute fühle ich mich arabisch, heute fühle ich mich afrikanisch, heute fühle ich mich schwul, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Gastarbeiter.« Der mafiöse Boss einer Maschinerie, bei der es nur ums Geldverdienen geht, wollte damit wohl Empathie ausdrücken. Sein Rhetorik-Coach hatte aber etwas zu tief in die Trickkiste gegriffen, als er Infantino seine aufgewühlte Gefühlswelt damit begründen ließ: Schließlich habe der junge Gianni im schweizerischen Wallis auch unter Hänseleien wegen seiner »roten Haare« und »Sommersprossen« zu leiden gehabt. Sein Selbstvertrauen fand Infantino dann auch gleich wieder. »Wenn ihr jemanden kritisieren wollt«, dröhnte er ins FIFA-Medienzentrum, »dann kritisiert nicht die Spieler, nicht die Trainer. Kritisiert nicht Katar!« Sondern den Messias selbst: »Kritisiert mich. Ihr könnt mich ans Kreuz nageln! Ich bin für alles verantwortlich.« Das hat dann leider keiner gemacht.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (21. November 2022 um 09:23 Uhr)
    Offene Türen Einrenner des Tages: Michael Merz. Medienecho vom 20. November 2022: Tagesspiegel: »Neues aus der Lügenwelt von Infantino: Verhöhnender kann eine Rede kaum sein«. Blick: »Die Reaktionen auf Gianni Infantinos wirre Rede«. Sportschau: »Reaktionen auf Infantino-Rede – von Verwunderung bis Fremdschämen«. Express: »Fans zerreißen wirre Rede von FIFA-Boss Infantino«. Focus online: »Gianni Infantino hält irre Rede in Katar«. Yahoo Sport: »Diese Pressekonferenz von FIFA-Chef Infantino macht fassungslos«.

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