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Aus: Ausgabe vom 21.11.2022, Seite 1 / Titel
Erdogan im Wahlkampfmodus

Bomben auf Kobani

Tote nach schweren türkischen Luftangriffen auf Nordsyrien und Nordirak. USA gaben offenbar grünes Licht
Von Nick Brauns
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Spontane Demonstration gegen den türkischen Angriffskrieg am Sonntag in Frankfurt am Main

Die türkische Luftwaffe hat in der Nacht zum Sonntag die seit Jahren schwersten Luftangriffe auf die Selbstverwaltungsregion in Nord- und Ostsyrien geflogen. Bombardiert wurden bei den Attacken mit Dutzenden Kampfflugzeugen und Drohnen unter anderem die Städte Kobani und Derik sowie die Schahba-Region nördlich von Aleppo. Auch auf das Asos- sowie das Kandilgebirge im Nordirak, wo sich das Hauptquartier der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) befindet, erfolgten Luftangriffe.

Nach Angaben des Pressesprechers der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK), Farhad Shami, vom Sonntag mittag wurden in Syrien 27 Menschen getötet, darunter elf Zivilisten, ein SDK-Kämpfer sowie 15 syrische Regierungssoldaten. Bei Derik, der nahe der Grenze zum Irak gelegenen Partnerstadt des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, kam es zu einem Massaker. Dabei starben neun Zivilisten. Dorfbewohner hatten die Insassen eines zuvor beschossenen Fahrzeugs bergen wollen, als ein weiterer Luftangriff auf den Ort erfolgte. Zerstört wurde zudem zivile Infrastruktur, so das Kraftwerk von Derik, ein Krankenhaus in Kobani sowie Getreidesilos.

Es sei »Abrechnungszeit« hatte das türkische Verteidigungsministerium über Twitter die Angriffe mit der »Neutralisierung« von »terroristischen Elementen« begründet. Es handele sich um Vergeltung für einen Bombenanschlag in Istanbul am vergangenen Sonntag, bei dem sechs Menschen getötet und mehr als 80 verletzt wurden. Während YPG und PKK sich umgehend von dem Anschlag distanziert hatten, wiesen Spuren der mutmaßlichen Attentäterin in Richtung der mit Ankara verbündeten dschihadistischen Söldner in Nordsyrien und eines Politikers der faschistischen Grauen Wölfe.

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Zerstörtes Umspannwerk im syrischen Dorf Tekil Bekil am Sonntag

»Wir sind sicher, dass die Explosion in Istanbul letzte Woche von der AKP und der MHP inszeniert wurde«, gab Remyize Mihemed, Sprecherin des in der Selbstverwaltungsregion einflußreichen Frauenverbandes Kongra Star, am Sonntag gegenüber jW der islamistisch-faschistischen Regierungsallianz in Ankara die Verantwortung. Die Türkei plane seit langem weitere Teile Nordsyriens zu besetzen, so Mihemed. Angesichts der Wahlen im kommenden Jahr und der tiefen Wirtschaftskrise und der im Nordirak steckengebliebenen Offensive gegen die kurdische Guerilla brauche die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan Erfolge, um wieder Zustimmung zu gewinnen. Mihemed ist sich sicher, »dass es Absprachen zwischen Amerika und der Türkei für diese Angriffe gab«. So hatte das US-Konsulat im nordirakischen Erbil bereits am Freitag seine sich im Land aufhaltenden Bürger vor einem bevorstehenden türkischen Angriff auf Nordsyrien und den Nordirak gewarnt.

Bemerkenswert sei, dass sowohl die USA als auch Russland den jeweils von ihnen kontrollierten Luftraum für die türkische Luftwaffe freigegeben hätten, betonte Servan Roni, ein Internationalist der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), am Sonntag gegenüber jW. Er erklärt sich dies mit der geopolitischen Bedeutung der von beiden Seiten umworbenen Türkei. Bezeichnend sei das Schweigen der Bundesregierung zur Bombardierung von Kobani als weltweit bekanntem Symbol für den Sieg über den »Islamischen Staat«, so der aus Deutschland stammende YPG-Kämpfer.

Am Montag reist Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zu Gesprächen mit ihrem Amtskollegen Süleyman Soylu über »Terrorismusbekämpfung« und Migrationsabwehr nach Ankara.Siehe Interview Seite 2

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  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (20. November 2022 um 20:23 Uhr)
    Ich bin gespannt, wann unsere Spitzenpolitiker anfangen, wieder tränenreich von Zeitenwende zu reden. Allerdings erwarte ich das nicht sofort. Wohl eher am Sanktnimmerleinstag. Schließlich bombt ein Verbündeter, dessen Waffen wohl nicht Grauen, sondern Gerechtigkeit schaffen. Zumindest sollen wir das glauben.

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