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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Melnyks »Denkanstoß-Dreck«

Von Arnold Schölzel
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Am 6. April ernannte FAZ-Außenpolitikchef Nikolas Busse den damaligen ukrainischen Botschafter in der Bundesrepublik Andrij Melnyk zum »Chef der Opposition« hierzulande. Der nimmt das ernst und vergibt weiterhin auf Twitter Kopfnoten zur deutschen Politik, wenn er nicht gerade wie am 8. Oktober ein Video von der Sprengung der Krim-Brücke postet und jubelt: »Shaka laka boom boom. Die Befreiung der Krim beginnt. Jetzt.« Russland reagierte auf den Anschlag mit Beschuss der Energieinfrastruktur der Ukraine und verstärkte das, als am 29. Oktober von der Ukraine und von britischen Soldaten gesteuerte Drohnen die russische Schwarzmeerflotte im Hafen von Sewastopol angriffen.

Melnyk weiß sich mit dem deutschen Kriegspressekorps einig: Die Attacken vom 8. und 29. Oktober dürfen nicht erwähnt werden. Nur »Putin« schießt. Das Problem: Die in Kiew regierende Clique ist auf Eskalation und Kriegsverlängerung angewiesen. Tote russische Zivilisten? Wenn Annalena Baerbock (»Unsere Waffen helfen, Menschenleben zu retten«) nazimäßig Russen kein Recht auf Leben zubilligt, darf Bandera-Fan Melnyk nicht zurückstehen. Kiew lässt seit acht Jahren in die Wohngebiete des Donbass hineinschießen, wo 2014 ein Aufstand gegen die Putschisten vom Februar jenes Jahres stattfand, – russischsprachige Ukrainer sind im Kiewer Regierungsjargon »Unrat«. Da lässt sich fragen, warum Russland acht Jahre lang zugesehen hat. Melnyk, der gern Fotos von Bierflaschen und guter Stimmung in Kiewer Edelkneipen auf Twitter verbreitet, war auch am Dienstag zum Raketeneinschlag in Polen mit Kriegslaune zur Stelle: »Die NATO muss auf diesen gezielten Angriff Russlands in Polen mit sehr schmerzhaften Konsequenzen reagieren. Ich bin da eher skeptisch. Aber sehen wir mal.«

Ist Melnyk wichtig? Als durchgeknallte Propagandafigur nicht, als Taktgeber und Sprachregler für die deutsche Kriegspresse von Taz bis FAZ und Bild schon. Beispiel: Da sich nach den Lügen Selenskijs über einen russischen Raketenangriff in Polen und der vom Pentagon verkündeten Unfähigkeit Kiews, militärisch zu siegen, die Stimmen mehren, die auf einen diplomatischen Ausweg aus dem Krieg drängen, verlangt Kiew, also Melnyk, darüber nicht zu reden. Am Mittwoch rempelte er daher den langjährigen Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger an. Der hatte einen Artikel des britischen Journalisten Lionel Barber, der am Dienstag in der Onlinezeitung theneweuropean.co.uk erschien und den Titel trug »Wa­rum die USA das Undenkbare über einen Waffenstillstand in der Ukraine denken«, mit den Worten gelobt: »zum Nachdenken anregend – danke @lionelbarber«. Melnyk teufelte: »Lieber Kollege Ischinger, vielleicht irre ich mich, aber Sie scheinen in der letzten Zeit beinahe besessen zu sein von der Idee eines Waffenstillstandes mit Russland. Die Ukraine gibt keinen Deut auf diesen ›Denkanstoß‹-Dreck von Lionel Barber.«

Barber zitierte US-Generalstabschef Mark Milley, der am 10. November bei einer Rede in New York an das Ende des Jahres 1915 erinnert hatte. Bis dahin seien im Ersten Weltkrieg insgesamt mehr als eine Million Soldaten gestorben, bis 1918 mehr als zehn Millionen. Milley erklärte nun, auch in der Ukraine sei ein eindeutiger militärischer Sieg für keine der beiden Seiten möglich. Jetzt, da der Winter einsetze und die Fronten sich stabilisierten, gebe es eine Chance: »Wenn es eine Gelegenheit zu Verhandlungen gibt, wenn Frieden erreicht werden kann, sollte man sie nutzen.« Und weiter: »Ergreift den Moment.«

Als Kleinfaschist ist Melnyk zu feige, Milley anzugreifen, prügelt also auf Ischinger und Barber ein. Und mit Erfolg: In der deutschen Presse wird das «Undenkbare» totgeschwiegen. Frieden ist bedrohlich.

Als Kleinfaschist ist Melnyk zu feige, Milley anzugreifen, also prügelt er auf Ischinger und Barber ein. Und hat Erfolg damit.

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