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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 12 / Thema
Fußball

WM des Westens

Zu Beginn der Weltmeisterschaft in Katar ist die Stimmung dahin. Selbst DFB und Bundesregierung üben sich in Kritik, verschweigen aber deutsche Interessen am Turnier im Emirat
Von Glenn Jäger
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Haben gut lachen. Katars Premierminister Khalid bin Khalifa bin Abd Al-Asis Al Thani und FIFA-Präsident Gianni Infantino, Doha, März 2022

Die »beste WM aller Zeiten« erwartet FIFA-Präsident Gianni Infantino in Katar. Doch Kulturstaatsministerin Claudia Roth ist etwas unwohl: »Angesichts der Debatte um Korruption im Weltverband bei der Vergabe und der vielen Menschenrechtsverletzungen« blicke sie »mit Bauchschmerzen« auf das Turnier, so die Grünen-Politikerin im Vorwort des Sammelbandes »Das rebellische Spiel«.

Die Bundesregierung handelte sich Anfang November seitens des Außenministers von Katar in der FAZ (6.11.2022) den Vorwurf der »Doppelmoral« ein. Falsch ist das nicht. Wen die Schelte indessen nicht trifft: einmal jene, die zur Kooperation mit dem Golfstaat stehen. Sigmar Gabriel (SPD) etwa, 2020 jeweils von der Deutschen Bank und von Siemens Energy als Aufsichtsrat bestellt. Beide Dienstherren stehen über Aktienanteile bzw. Aufträge mit Katar im Geschäft. Die »Arroganz gegenüber Katar ist ›zum Ko…‹«, twitterte der frühere Bundesaußenminister Ende Oktober. Das gereichte einem Uli Hoeneß zur Ehre: »Das ist der Fußballklub Bayern München und nicht die Generalversammlung von Amnesty International«, bügelte der einstige Aufsichtsratsvorsitzende des Vereins Mitte Oktober die Kritik an der Katar-Kooperation seines Vereins ab.

Wer sich den Schuh mit der »Doppelmoral« auch nicht anzuziehen braucht: Jene, die aus grundsätzlichen Erwägungen die WM am Golf ablehnen. Vor allem Faninitiativen laufen Sturm – mit Choreographien in den Kurven, Veranstaltungen mit Arbeitsmigranten oder einer »Boycott Qatar 2022«-Kampagne, die von rund hundert Gruppen und mehreren tausend Einzelpersonen unterstützt wird. Sie zeigen auf: Auch im Fußball ist der Kapitalismus zu sich selbst gekommen.

Dabei hätte es doch so schön sein können für Politik und Wirtschaft, als deren Abbild die FIFA oder der DFB erscheinen: Zu lukrativen Bau- und Planungsaufträgen, zur Erschließung von Märkten, zur Vertiefung von Partnerschaften hätte noch ein Hauch von »1.001 Nacht« kommen können. Statt dessen ist die Stimmung dahin. Gewohnt, in wichtigen Fragen gegen Bevölkerungsmehrheiten zu regieren, erreicht die Classe politique nicht einmal mehr »Fußballdeutschland«. Bei einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des WDR befürworteten im Mai 2021 65 Prozent der Befragten, dass die deutsche Elf nicht nach Katar reist. Besser ist es kaum geworden, in vielen Kneipen bleibt der Beamer aus. Je lauter die Proteste werden, desto mehr sehen sich Politik und Fußball veranlasst zu reagieren. Ob man es dem DFB abnimmt? Oder einer Bundesregierung, die gestern noch Rüstungsexporte an den Golf bewilligte und heute Menschenrechtsverletzungen anmahnt? Den Westen als Good Guy zu präsentieren, erscheint vertrackt. Mitunter führt das zu Doppelmoral. Oder zu Bauchschmerzen.

Deutscher Druck

Muss, wer den Finger gegen Katar hebt, nicht die Hand gegen den Westen richten? Profitieren nicht auch europäische Konzerne von den Arbeitsbedingungen am Golf? Und hatte Katar nicht bei mehreren Gelegenheiten die Kriegspolitik der NATO unterstützt? Beherbergt das Land nicht einen zen­tralen US-Luftwaffenstützpunkt? Im geschundenen Irak weiß man davon. Freilich bedingt militärische Verlässlichkeit nicht gleich einen Vorteil bei der WM-Vergabe, zumal sich die USA selbst um das Turnier beworben hatten. Doch die Visitenkarte schmückt es allemal, und es mochte andere westliche Akteure darin bestärkt haben, auf ein befreundetes Katar zu setzen. Denn bei allem, was das Emirat selbst in Bewegung setzte: Ohne die Rückendeckung insbesondere der beiden wirtschafts- und fußballpolitischen Schwergewichte Deutschland und Frankreich wäre die WM am Golf kaum denkbar.

In Berlin herrschte wenige Monate vor der WM-Vergabe rege Betriebsamkeit. Im März 2010 reiste Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, mit der Führung von VW und Porsche ins Emirat. Im Mai bestaunte Kanzlerin Angela Merkel in Katar »beeindruckende Projekte«, an denen die »deutsche Wirtschaft natürlich Anteil haben« wolle. Im September bekundete Wulff dann als Bundespräsident im Schloss Bellevue vor dem Emir und deutschen Wirtschaftsvertretern, man habe Interesse am »Zugang zu den katarischen Gasvorkommen« und könne »an der weiteren Modernisierung« des Landes mitwirken. Der damalige Vorstandschef von Hochtief, Herbert Lütkestratkötter, tagte mit der Kanzlerin und der katarischen Führung. Deutsche Planungs- und Architekturbüros, so »AS und P – Albert Speer und Partner«, hatten für Katar bereits die Bewerbungsunterlagen für die WM verfasst. Schon Anfang 2011 sollte der FC Bayern erstmals sein Trainingslager in Katar aufschlagen. Bald vertieften nicht nur die Münchner die Zusammenarbeit mit dem Emirat: 2018 empfingen die Kanzlerin und der Emir bei einem milliardenschweren deutsch-katarischen Investorengipfel in Berlin rund tausend Gäste. Präsent waren die Führungskräfte von Siemens, Hapag-Lloyd und Co., mittenmang Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge. Zuzüglich zu den großzügigen Aktienanteilen, die Katar an VW, Porsche oder der Deutschen Bank hält, zeichnete die Katar Investment Authority diesen Herbst bei RWE eine 2,43 Milliarden Euro schwere Pflichtwandelanleihe und wurde so zum größten Aktionär des Energiekonzerns.

Wer behauptet, der damalige FIFA-Delegierte Franz Beckenbauer habe bei der WM-Vergabe in der entscheidenden Runde für Katar gestimmt, ergänzt aus juristischen Gründen besser ein »mutmaßlich«. Neben der Verflechtung des DFB mit Politik und Wirtschaft können für das Votum des »Kaisers« als Indizien gelten: die Interessen seines Vereins, also die zeitliche Nähe zur Bayern-Kooperation mit Katar; oder die ominösen Überweisungen unter Beteiligung Beckenbauers: »Die WM-2006-Organisatoren hatten, falsch etikettiert, Millionen gezahlt, die bei Mohammed bin Hammam in Katar landeten«, wie die Süddeutsche Zeitung zusammenfasste (17.3.2016); oder das persönliche Engagement. Beckenbauer agierte rund ein halbes Jahr nach der WM-Vergabe »als Vermittler für Geschäfte im siegreichen Katar (…). Demnach hat er den Hamburger Reeder Erck Rickmers nach Doha begleitet und für ihn dort Kontakte hergestellt. Wie es heißt, habe Rickmers zuvor eine namhafte Summe an die Franz-Beckenbauer-Stiftung gespendet: eine Viertelmillion US-Dollar«, so das Portal German Foreign Policy im Juni 2014.

Sarkozy gab »zu verstehen«

Keinen Hehl machte der französische FIFA-Delegierte Michel Platini aus seinem Wahlverhalten. Die Gründe dafür benennt ein Bericht von »Hakluyt and Company«, einer Sicherheitsfirma aus dem Dunstkreis des britischen Geheimdienstes MI6. Darauf verweisen Heidi Blake und Jonathan Calvert in ihrem Buch »The Ugly Game« (2015). Demzufolge stand Platini »unter starkem politischem Druck des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, für Katar zu stimmen – im Tausch gegen große wirtschaftliche Investitionen in Frankreich«. Platini selbst bekannte später: »Sarkozy hat es mir zu verstehen gegeben.« Der einstige FIFA-Präsident Joseph »Sepp« Blatter erklärte, Katar habe »aufgrund höchster politischer Interventionen von französischer Seite gewonnen. Das weiß man.« Die Interessen beruhten schon auf Gegenseitigkeit, als bin Hammam und Platini am Rande der WM 2010 in Südafrika eine Audienz im UEFA-Hauptquartier vereinbarten – für eine Präsentation des katarischen Bewerbungsteams.

Sarkozy hatte schon 2007, gerade frisch im Amt, den Emir empfangen. Im Jahr darauf erließ Paris ein Gesetz, wonach katarische Investitionen in Frankreich steuerfrei blieben. Im September 2022 beliefen sich die Vermögenswerte Katars in Frankreich laut dem Portal Qantara auf 25 Milliarden Euro. In den Jahren rund um die Vergabe war die Qatar Investment Authority »Großaktionär etwa bei (dem Baukonzern) Vinci, Total (Öl), bei den Energie-, Technologie-, Wasser- und Medienkonzernen Veolia, Vivendi und Engie SA, beim weltweit operierenden Verlags-, Medien- und Sportrechtekonzern Lagardère, bei Air Liquide (Industriegase), beim Atomkonzern Areva, bei Technip (Anlagenbau), beim Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus Group, (…) bei France Telecom« (jW, 29.12.2015). Auch das Immobiliengeschäft florierte. Mitte der 2010er Jahre gab es rund 50 Unternehmen in Katar, »die französischen Investoren gehören«, darunter die Energiekonzerne Veolia, Vivendi und Engie SA, »hinzu kommen gut 100 Joint Ventures« (ebd.). Nicht nur deutsche Rüstungskonzerne wie Krauss-Maffei Wegmann oder Rheinmetall profitierten von Waffenexporten, sondern auch Konzerne wie Dassault oder Nexter. Im Mai 2022 tagte die 14. Ausgabe der »Milipol Qatar«, ein Messeformat, das sich im Jahresturnus mit der »Milipol Paris« abwechselt und Schnittstellen zwischen Polizei, Gendarmerie, Rüstungsindustrie und Politik bedient.

Im November 2010 waren es nur noch wenige Tage bis zur WM-Vergabe, als es zu einem Spitzentreffen im Élysée-Palast kam. Neben Präsident Nicolas Sarkozy waren der damalige Emir Hamad bin Al Thani und Michel Platini zugegen. Es war die Zeit, da die Übernahme des Vereins Paris St. Germain (PSG) an eine katarische Investorengruppe eingefädelt wurde. Die Posten des PSG-Präsidenten Nasser Al-Khelaifi sprechen für sich: Vorsitzender von Qatar Sports Investment (QSI), CEO des katarischen Medienkonzerns Be in Media, Vorsitzender der European Club Association, Mitglied des UEFA-Exekutivkomitees und des FIFA-Organisationskomitees der Klubweltmeisterschaft, nebenbei Teil der Regierung Katars als Minister ohne Geschäftsbereich. Und Platinis Sohn Laurent? Der wurde wenige Wochen nach der WM-Vergabe Europachef der QSI.

Windige WM-Vergabe

Von den 24 FIFA-Vertretern waren bei der Abstimmung zur WM 2022 zwei unter Korruptionsvorwürfen gesperrt. Mit bin Hammam nahm einer aus Katar selbst teil. Nicolás Leoz (Paraguay), Ricardo Teixeira (Brasilien) und Julio Grondona (Argentinien) stimmten für das Emirat, alle drei sollen »betrogen haben«, so eine Meldung unter vielen. Grondona habe für seine Stimme »eine Million Dollar bekommen, sagte Burzaco unter Eid aus« (SZ, 15.11.2017; der argentinisch-italienische Geschäftsmann Alejandro Burzaco wurde ein wichtiger Zeuge bei den Ermittlungen gegen die FIFA). Kurz vor der Vergabe war es in Doha zu dem Testspiel Argentinien gegen Brasilien gekommen (1:0, Messi), die Gelder flossen auf dem Weg über Übertragungsrechte. Spannender noch: das verschlungene Geflecht zwischen Rio de Janeiro, Miami, den Cayman Islands, Katalonien und Katar, das SZ-Redakteur Thomas Kistner in seinem Buch »Die FIFA-Mafia« nachzeichnet. Inmitten des Netzwerks aus Sportmarketing und Sponsorengeschäften: Sandro Rosell, einstiger Präsident des FC Barcelona. Im Dezember 2010 schloss Barça mit der Qatar Foundation einen Sponsorenvertrag für Trikotwerbung ab. Im selben Monat hatte der Präsident des spanischen Fußballverbands, Ángel María Villar Llona, über die WM-Vergabe zu entscheiden. Villar Llona war 2007 von der spanischen Polizei unter dem Vorwurf von Korruption und Unterschlagung verhaftet worden.

Und Belgien? Dort wurde der katarische WM-Architekt bin Hammam im März 2010 wie ein Staatsgast empfangen. In Begleitung des belgischen FIFA-Vertreters Michel D’Hooghe traf er auf Premierminister Yves Leterme und anschließend auf König Albert II. Der Hintergrund: Die WM 2022 wurde in der gleichen Sitzung wie die von 2018 vergeben, für die das Gespann Niederlande/Belgien im Rennen war. Da drängte sich – wie auch für Russland – ein Stimmentausch auf. Für Belgien kamen schnöde wirtschaftliche Interessen hinzu: Bald nach der WM-Vergabe reiste der damalige Ministerpräsident Flanderns, Kris Peeters, auf Vermittlung von D’Hooghe nach Doha. Für das belgische Konsortium rund um die Besix Group sprang ein 375 Millionen Dollar schwerer Auftrag über den Ausbau des Flughafens von Doha heraus, zudem winkten weitere Aufträge.

Am Ende stand es 14:8 für Katar. Der FIFA-Delegierte Zyperns, der langjährige UEFA-Funktionär Marios N. Lefkaritis, war einer der Direktoren des Ölkonzerns Petrolina, zu dessen Kerngeschäften Handel, Abfüllung und Transport von Petroleum und Flüssiggas gehören. Mit Thailand war kurz vor der Vergabe ein »Gasdeal« ausgehandelt worden, es ging um den Export von rund einer Million Tonnen Flüssiggas. Im Sommer 2010 empfing bin Hammam seinen thailändischen FIFA-Kollegen Worawi Makudi in Doha. In dessen Begleitung: zwei Risikokapitalgeber aus den Bereichen Fußball und Ölbusiness, Joe Sim und Thian Sang Teo, die auch beim katarischen Energieminister Abdullah bin Hamad Al-Atija vorstellig wurden. Derweil hatten sich Japan und Südkorea jeweils selbst für die WM 2022 beworben. Doch nach ihrem Ausscheiden in den ersten Wahlrunden konnten deren FIFA-Delegierte ihre Stimme anderweitig vergeben. In der »Asian Football Confederation«, dem Pendant zur UEFA, hatte bin Hammam als Verbandspräsident eine Hausmacht.

Zuwendungen für die Vertreter aus Ägypten, Côte d’Ivoire, Kamerun und Nigeria taten ein übriges. Und dem FIFA-Delegierten des südpazifischen Inselstaates Tahiti, Reynald Temarii, zahlte bin Hammam laut Kölner Stadtanzeiger (1.6.2014) »305.000 Euro für Anwaltskosten«.
Selbst der einstige FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke räumte ein, »dass Katar die WM gekauft« habe. Was Blake und Calvert in »The Ugly Game« anhand von geleak­tem Material nachzeichneten, ist schwindelerregend. Vom Motiv des Emirats ist viel die Rede: mit Softpowerpolitik den internationalen Einfluss stärken. Es gilt auch – siehe die Blockade von 2017 bis 2021 –, sich gegen eine weiterhin schwelende Aggression aus Saudi-Arabien zu wappnen; zudem will man als Global Player gut vernetzt sein, um im Jahr X, in dem die gigantischen Gasvorkommen doch versiegen könnten, nicht wieder auf den Perlenhandel zurückgeworfen zu werden.

NATO-Kriege flankiert

Zur Vernetzung mit dem Westen gehört auch, nur wenig beachtet, dass Katar die US-geführte Kriegspolitik maßgeblich unterstützt hat, und das in dreierlei Hinsicht. Erstens durch den Luftwaffenstützpunkt Al-Udeid, der 2002 zum Sitz des Hauptquartiers des Kommandos Mitte (Centcom) wurde, das »für die Kriegführung der USA in Afghanistan, im Irak und in Syrien zuständig« war (jW, 17.10.2014). »Im Golfkrieg Washingtons gegen Irak nach Bagdads Angriff auf Kuwait«, so der Publizist Gerd Schumann, »stand Katar auf seiten der USA, deren Truppen auch von katarischem Boden aus agieren durften.« Nach »9/11« habe Doha zum Ausbau der Basis 400 Millionen Dollar beigesteuert, 2003 wurde von dort »der völkerrechtswidrige Angriff auf den Irak geleitet« (Hintergrund, 3/2013). Zweitens durch offene Beteiligung am NATO-Krieg gegen Libyen 2011, für den Katar Kampf- und Transportflugzeuge entsandte. Und drittens verdeckt durch die Unterstützung dschihadistischer Banden: Ein katarischer Generalmajor räumte ein, beim Krieg gegen Libyen als »Verbindung zwischen den Rebellen und den NATO-Truppen« agiert zu haben (The Guardian, 26.10.2011). Das bestätigte Andreas Krieg vom King’s College London, Abteilung »UK Defence Academy«, der auch die katarische Armee beriet. In einem verschriftlichten Vortrag bei der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen erklärte er, Katar habe »immer weiter auch Rebellengruppen vor allem in Libyen und Syrien« unterstützt: »Ich bin 2012 nach Katar (…) gekommen, während der Libyen-Operation 2011 war ich noch Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in Großbritannien. Und die Briten haben die Kataris im Endeffekt gefragt, ob sie diesen Teil übernehmen, weil es klar war, dass die NATO-Staaten keine Bodentruppen senden würden. Die Kataris haben das dann auch gemacht. Also, die Unterstützung der Rebellen in Libyen war etwas, wofür der Westen ganz klar grünes Licht gegeben hat.«

Und Claudia Roth? Die hing wenige Monate nach der NATO-»Operation« in Tripolis fest, der Flughafen wurde gerade von Milizionären gestürmt. Anders als der damalige Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hatten die Grünen auf eine Beteiligung am Krieg gedrängt und der Bundesregierung vorgeworfen, in diesem Fall mit ihrer militärischen Zurückhaltung »versagt« (Renate Künast) zu haben.

Unterdessen agierte das Emirat beim versuchten Regime-Change in Syrien ähnlich. Zum Vorwurf der Terrorunterstützung räumte der einstige Außenminister Hamad bin Dschasim bin Dschaber Al Thani im Herbst 2017 ein, sein Land habe dort »vom ersten Tag an« bewaffnete Gruppen mit Geld und Waffen unterstützt – gemeinsam mit Saudi-Arabien, der Türkei und den USA. Über die Absprachen habe man »vollständige Dokumente« (ND, 3.11.2017).

Jemen? An dem saudisch geführten Krieg war Katar bis zur Golfblockade von 2017 beteiligt. Für diesen Krieg, der laut tagesschau.de bereits bis Anfang 2022 rund 370.000 Tote gefordert hat, gilt, was der Publizist Jürgen Todenhöfer einst im Kölner Stadtanzeiger erklärt hatte: »Ohne die Waffenlieferungen des Westens und seine logistische Unterstützung wäre dieser Krieg nicht möglich.« (5.1.2018) Im September 2022 war es an Außenministerin Annalena Baerbock, den jüngsten Rüstungsdeal mit Saudi-Arabien zu rechtfertigen. Nur wenige Monate zuvor hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck in Doha zwecks Rohstoffdeals den Diener gemacht. Neben allem anderen: Die Verschiffung von Flüssiggas vom Golf, heruntergekühlt auf minus 164 Grad, kommt noch gegenüber jeder Pipeline einer riesigen Klimasünde gleich. Es scheint, als hätten die Grünen dabei noch nicht einmal mehr Bauchschmerzen.

Die FIFA wiederum? Die schloss 2022 unter Berufung auf Völkerrechtsfragen Russland von der WM aus. Noch nicht einmal die größten Kritiker der NATO-Kriege waren zuvor darauf gekommen, eine Verbannung der USA, Deutschlands, Frankreichs oder Englands von einem Turnier zu fordern. Doch lassen wir das mit der Doppelmoral.

Entschädigungszahlungen?

Zur Kritik fordern die sexuellen Unfreiheiten in dem Land mit seiner absolutistischen Monarchie heraus. Es war ausgerechnet WM-Botschafter Khalid Salman, der Homosexuellen in der diesen Monat vom ZDF gesendeten Doku »Geheimsache Katar« einen »geistigen Schaden« attestierte. Derlei rief auch Manuel Neuer auf den Plan, der sich zufrieden zeigte, »dass wir nicht die einzige Nation sind, die diese One-Love-Binde trägt«, so der Mannschaftskapitän gut eine Woche vor Turnierbeginn im »Aktuellen Sportstudio«. Kurz zuvor war die für Sport zuständige Innenministerin Nancy Faeser aus Katar mit Sicherheitsgarantien für Fans zurückgekommen.

Doch will man die Verantwortlichen mit etwas Pinkwashing davonkommen lassen – bei gleichzeitigem Schweigen zu den deutschen Interessen an einer WM in Katar? Kaum etwas ist billiger zu haben, um sich aufgeklärt zu geben. Anders als bei der Kritik an den Arbeitsrechten lauert hier nicht die Frage nach den Profiteuren. Wobei: Was antworten wir eigentlich Sigmar Gabriel? Dessen polternder Tweet ging so weiter: »Wie vergesslich sind wir eigentlich? Homosexualität war bis 1994 in D strafbar. Meine Mutter brauchte noch die Erlaubnis des Ehemanns, um zu arbeiten. ›Gastarbeiter‹ haben wir beschissen behandelt und miserabel untergebracht.« Woran Gabriel nicht erinnerte: Bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City wies man die Olympioniken mit Piktogrammen darauf hin, dass im Bundesstaat Utah Homosexualität streng verboten war. Ließ sich die Bundesregierung von den USA eigentlich Sicherheitsgarantien geben?

Und bei aller nötigen Kritik an der Vormundschaft: Zur widersprüchlichen Lage in Katar gehört auch, dass der Anteil von Frauen am Berufsleben je nach Branche höher ist, als er in der Bundesrepublik zu Zeiten von Gabriels Mutter je war: Im öffentlichen Sektor haben Frauen bei der Erwerbsquote zu den Männern aufgeschlossen, im Bildungssektor bzw. unter den Studierenden liegen sie in vielen Bereichen vorne.

Mehr Zündstoff bietet die Frage der Arbeitsrechte. Zuletzt bewegte sich sogar der DFB: Bundestrainer Hans »Hansi« Flick signalisierte infolge des Drucks, den auch Faninitiativen ausübten, eine Spendenbereitschaft des Verbands. Hintergrund ist die operative Forderung einiger NGOs an die FIFA, einen Entschädigungsfonds für Angehörige tödlich verunglückter Arbeiter einzurichten. Die Summe: 440 Millionen Euro – entsprechend den Preisgeldern, die die FIFA bei der WM ausschüttet. Am Tag der Verkündung des deutschen Kaders richtete die »Boycott Qatar«-Kampagne einen offenen Brief an den DFB, um die »Forderung aufzugreifen«, so Mitinitiator Bernd Beyer gegenüber der Süddeutschen Zeitung (10.11.2022).

Gerade wenn sich dabei Erfolge zeigen sollten, ließe sich noch nachlegen: Warum nicht auch einen Entschädigungsfonds fordern, in den Konzerne einzuzahlen haben, die von Bauaufträgen profitieren? Auch wenn eine direkte Schuld an tödlichen Arbeitsunfällen im Dickicht von Subunternehmen nicht auszumachen ist: Die Baustellen am Golf sind auch die Baustellen des Westens. Die Forderung könnte an einen Nerv rühren. Denn auffällig ist: So präsent die Frage der Arbeitsrechte auch ist, so sehr machen die Medien meist einen Bogen um die Verantwortung von Unternehmen.

Statt dessen gerne mal ein Bauernopfer, Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel. So erinnerte die ZDF-Doku an das Jahr 2013: Katar musste die WM gegen wachsende Kritik absichern, Spitzenfunktionäre hinter sich bringen, das Turnier in den Winter verlegen. Da tagte die European Football Association fürstlich am Golf. Rummenigge flog bei seiner Heimkehr mit zwei unverzollten Rolex-Uhren auf – das machte 249.900 Euro, seitdem ist er vorbestraft. Auch die Verkommenheit des Weltverbandes ist in den Schlagzeilen, samt Recherchen zum FIFA-Gate. Grundsätzlich wäre aufzuzeigen: Mit der neoliberalen Wende der Jahre 1973ff. nahm die Durchkommerzialisierung des Fußballs an Fahrt auf. Und mit den Volten eines finanzmarktgetriebenen Kapitalismus drehte auch die FIFA immer schneller am Rad: Steuerparadiese, Finanzoasen, Risikokapital. Der Weltverband ist ein Produkt des Westens, er wurde nicht von außen gekapert. In dem Maße ist auch die WM in Katar eine WM des Westens.

Und wer fordert Reparationszahlungen für gemeinsame Kriegsverbrechen des Westens und der Golfmonarchien, zu richten an NATO-Staaten sowie an Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar? Das hat zwar nur insofern mit der WM zu tun, als Turniervergabe und Kriegsunterstützung jeweils in die Zeit des katarischen Aufstiegs fallen. Doch mit einem Leitsatz, wonach die Kriege Katars die Kriege des Westens sind, ließe sich friedenspolitisch gerade jetzt etwas mehr Aufmerksamkeit erzielen.

Ob am Ende Gary Lineker Recht behalten wird? Der frühere englische Stürmer verwahrte sich dagegen, die WM zu unterstützen, ist sich aber mit Blick auf die Debatten sicher: »Sobald der Fußball beginnt, wird er alles verschlingen.« (SZ, 12.11.2022) Noch jedenfalls ist von WM-Fieber nichts zu spüren. Mehr denn je wird die FIFA als Ausdruck des ganzen Irrsinns gesehen. Vielleicht haben sie sich doch verschätzt. Das Turnier könnte ihnen auf die Füße fallen.

Glenn Jäger: In den Sand gesetzt. Katar, die FIFA und die Fußball-WM 2022. Papyrossa-Verlag, 311 Seiten, 16,90 Euro

Der Autor schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 26. März zum gleichen Thema: »Katar boykottieren! Und die WM 26?«.

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  • Leserbrief von Bernd Jacoby aus Wiesbaden (22. November 2022 um 11:38 Uhr)
    Also früher, in der Partei, da hätten wir gesagt: »Die Lage spitzt sich zu!« Da unser Kreisvorsitzender zum Lispeln neigte, bekam die Aussage besondere Prägnanz und Zuspitzung. Nein, um Krieg oder Frieden geht es erst mal gar nicht – es geht um die Fußball-WM und die »One Love«-Binde. Auch dieser Begriff, den ich älterer Mann mal schnell im Internet »nachschlage«, kommt regelrecht über uns. Spontan hätte ich fast eine Damenbinde hinter dem Begriff vermutet, wäre nicht die erste Schlagzeile: »Oliver Kahn spricht über die ›One Love‹-Binde«. Auch die Wochenzeitung Die Zeit erscheint ratlos in ihrem Newsletter und zählt auf: Folterstätten, One Love, überlastete Kitas … Die FAZ aber: »One Love«-Affäre: Totalschaden für Europäer … Das klingt so seriös, wie die FAZ nun mal ist und glaubwürdig für meinen alten Kopf, der schon seit Jahren nicht nur den einen oder anderen Totalschaden da und dort vermutet. Leider erstreckt sich das Problem, das dahintersteckt, bis in höchste Regierungskreise: Der DLF zitiert die SPD-Bundestagspräsidentin Bas mit den Worten »Ich bin raus!« und weckt damit Hoffnungen, die sie nicht einlösen wird. Der DFB spricht vorbeugend schon vom Verlieren, zunächst der Binde, vermutlich, denke ich mal, so mancher Spiele – aber nicht seiner Werte! Das leuchtet mir ein, denn Wert oder Unwert ist endlich ein bekannter Begriff und dass die Deutschen jemals ihre Werte verloren hätten, ist historisch kaum zu belegen und über die Zeit unauffindbar. Hoffen wir mal, dass das Turnier nun endlich einen regelbasierten Ablauf findet, denn welche Fregatten sonst einlaufen könnten, will ich gar nicht beschreiben … Trostreiches Ende der Glosse sei diese Schlagzeile der FAZ gestern: »Statt Deutschland sichert sich China Gas aus Qatar – Sowohl Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck als auch Bundeskanzler Olaf Scholz sind auf der Suche nach Ersatz für russisches Gas nach Qatar gereist – doch das große Geschäft hat der Wüstenstaat nun mit China gemacht.«
  • Leserbrief von APO Pluto aus Mönchengladbach (20. November 2022 um 20:22 Uhr)
    Wie immer wird über den Multiplikator, der diese immensen Geldbewegungen von unten nach oben erst möglich macht, nichts geschrieben. Mit der Einführung des werbefinanzierten Free-TV 1985 wurde den Öffentlich-Rechtlichen ein künstlich erzeugter Wettbewerber gegenübergestellt, wodurch die Gelder für die Fernsehrechte in astronomische Höhen gestiegen sind. Alles abgesegnet vom Bundesverfassungsgericht. Was Besseres konnte gar nicht erfunden werden. Man schlägt die Schaumschlägertrommel und wird reich dabei. Bezahlen muss es immer der Bürger, ob er will oder nicht. Entweder werden ihm die Gelder vom Konsum abgezwackt und in die Werbefinanzierung – von der Steuer absetzbar, wie schön – gesteckt, oder sie werden als Haushaltsabgabe eingezogen. Ich sage dazu Zwangsgebühr, obwohl ich nicht AfD wähle. Ja, das soll es geben. Da bis jetzt noch keine linke Partei oder Organisation auf die Idee gekommen ist, dem Bürger sein Selbstbestimmungsrecht wiederzugeben, damit diese Subventionierung von Besserverdienenden ein Ende hat, solange wird alles bleiben, wie es ist. Da könnt ihr Artikel zum Thema schreiben bis zum Sankt Nimmerleinstag.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Carsten G. aus Leipzig (20. November 2022 um 15:52 Uhr)
    Vielen Dank für diesen Beitrag! Sie schreiben: »Bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City wies man die Olympioniken mit Piktogrammen darauf hin, dass im Bundesstaat Utah Homosexualität streng verboten war.« Gibt es diese Piktogramme irgendwo zu sehen?

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