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Kleiner kryptischer Finanzunfall

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Vor dem Crash seiner Börse, muss ich zugeben, hatte ich von Sam Bankman-Fried noch nicht gehört. Dabei verkehrte er in illustren Kreisen. Die seriöseste Tageszeitung der USA, die New York Times, hatte für den 30. November einen Kongress geplant, bei dem neben SBF, wie der junge Mann in der US-Presse typischerweise genannt wird, auch so wichtige Persönlichkeiten wie Mike Pence (US-Vizepräsident unter D. Trump), Benjamin Netanjahu (bald wieder Ministerpräsident Israels), Larry Fink (Chef von Blackrock), Janet Yellen (US-Finanzministerin), Mark Zuckerberg (Chef von Meta alias Facebook) und der unvermeidlich zugeschaltete Wolodimir Selenskij (Präsident der Ukraine) sprechen sollten.

Ob Bankman-Fried bei dem geplanten Event tatsächlich sprechen wird, ist derzeit ungewiss. Zu unerfreulich scheinen die jüngsten Ereignisse für ihn und seine Geschäftspartner und Kunden derzeit. Jedenfalls hat er bereits beim zuständigen Gericht im Staate Delaware für den ihm gehörenden Hedgefonds Alameda und die ihm ebenfalls gehörende Kryptobörse FTX Konkurs angemeldet und ist von beiden Unternehmen als CEO zurückgetreten. FTX ist (war) immerhin die zweitgrößte Institution dieser Art. Dort konnte man sogenannte Krypto- oder Pseudowährungen gegeneinander handeln, etwa Bitcoin gegen Ethereum, diese aber auch gegen den US-Dollar, den Euro oder das Pfund. Ungemein praktisch. Noch praktischer war, dass diese Börse der Kundschaft auch digitale Gutscheine (sogenannte Token) ausgab, die Rabatt bei den Handelsgebühren einräumten und, besser noch, ihnen ab einer gewissen Menge an Token versprach, auf die eingezahlten Summen eine hübsche Verzinsung zu gewähren, wenn die auch börsengehandelten Token im Wert stiegen. Auch der Hedgefonds Alameda war mit dem von ihm eingeworbenen Geld nicht untätig. Nur ist vielleicht einiges schiefgegangen, weshalb er sich hilfesuchend an seine Schwestergesellschaft wandte, die ihm, wie unter Geschwistern üblich, mal zehn Milliarden Dollar (natürlich in Pseudowährungen) rüberschob, um die Verluste kurzfristig auszugleichen.

Über die Ursachen der Doppelpleite sind die Experten unterschiedlicher Meinung. Nach dem Sturz der Kryptowährung Bitcoin von 60.000 auf nur noch 16.000 US-Dollar hätten diese substanzlosen Digitalgebilde ohnehin keine Zukunft mehr, sagen die einen. Die anderen behaupten, mit etwas mehr regulatorischer Kontrolle und einem Verbot solcher Schneeballsysteme wie bei FTX wäre ein Unfall dieser Art nie geschehen. Vermutlich haben beide Seiten recht und auch damit, dass es sich ohnehin nur um einen kleineren Unfall im ansonsten vorzüglich funktionierenden Finanzsystem handelt. Herrn Bankman-Frieds Vermögen wurde zu seinen besten Zeiten auf nur 26 Milliarden US-Dollar geschätzt. Jetzt ist wohl nur noch eine kümmerliche Milliarde übrig. Zuversichtlich kann man auch sein, dass sich für die von ihm an die »Demokraten« gespendeten 40 Millionen US-Dollar, ja sogar die an die bedürftige ukrainische Regierung transferierten Summen von umgerechnet knapp 300 Millionen US-Dollar Ersatz finden lässt.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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