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Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Nicht eine, alle!

Eine andere Art Sportswashing: Das Problem des Fußballs ist größer als die WM in Katar
Von Gabriel Kuhn
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Die WM in Katar boykottieren: Gladbacher Fans protestieren (Mönchengladbach, 11.10.2022)

Die 22. Fußball-WM der Herren beginnt am Wochenende in Katar mit dem Spiel Katar gegen Ecuador. Im Vorfeld der WM wurde viel über einen Boykott geredet, boykottiert wird freilich nicht. Zumindest nicht von Nationalmannschaften. Zu viel steht auf dem Spiel, Prestige und, vor allem, Geld. Am ernsthaftesten diskutierte man einen Boykott in Norwegen, doch das erledigte sich von selbst. Norwegen scheiterte in der Qualifikation.

Viele kluge Menschen haben sich in Kampagnen wie »#BoycottQatar2022« engagiert, darunter der renommierte Fußballjournalist und Autor Dietrich Schulze-Marmeling. In der Oktober-Ausgabe der Monatszeitung Analyse & Kritik schrieb er: »Katar ist eine rassistische Kastengesellschaft, in der mehr als zwei Millionen schlecht bezahlte und weitgehend rechtlose Arbeitsmigrant*innen aus den ärmsten Ländern vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind. Aber ohne diese Menschen hätte Katar die WM nie stemmen können.«

Schulze-Marmeling hat natürlich recht. Es gibt viele gute Gründe, die WM in Katar abzulehnen. Einige der wichtigsten haben jedoch weniger mit Katar als mit dem internationalen Fußballverband FIFA zu tun. Dieser ruiniert den Sport für das Geschäft. Schon 32 Teams sind für eine Endrunde zu viel, ab 2026 sollen es 48 sein. Die Auflagen der FIFA erfordern Neubauten von Stadien, die nur für eine Handvoll Spiele gebraucht werden. Werbepartner des Verbandes können nationale Gesetze aushebeln und lokale Gewerbetreibende verdrängen. Am Fußball uninteressierte VIP-Bonzen besetzen die besten Plätze in den Stadien. All das gilt nicht nur in Katar, sondern bei jeder WM.

Aber war die Vergabe an Katar nicht das Resultat von Korruption? Richtig. Genauso wie die Vergabe des »Sommermärchens« an Deutschland 2006. Dient das Turnier in Katar nicht der Legitimation eines autoritären Regimes? Ja. So wie die WM 1934 dem faschistischen Italien diente und die WM 1978 der Militärdiktatur in Argentinien. Und die Menschenrechtsverletzungen? Sind die kein Problem, wenn das WM-Turnier 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ausgetragen wird? Indigene, Angehörige ethnischer Minderheiten, Opfer von Polizeigewalt und inhaftierte Oppositionelle dürften anderer Meinung sein.

Heikel ist das Argument der fehlenden Fußballtradition. Liebhaber des Sports sind gewöhnlich stolz darauf, Fans des populärsten Spiels der Welt zu sein. Das darf sich durchaus auch in der Vergabe großer Turniere widerspiegeln. Es stimmt, dass der Verweis auf »Eurozentrismus« schnell zum Totschlagargument wird, doch manche Kritiker leisten ihm Vorschub. Etwa ein nervender Jochen Breyer, der für das ZDF nach Katar reist, um festzustellen, dass das Geld bei den Kataris locker sitzt und ihre Ansichten zu Geschlechterrollen und sexueller Orientierung rückständig sind. Außer moralischer Selbstbestätigung bleibt dabei wenig über.

Es kommt zu einem »Sportswashing« der anderen Art: Alle wischen sich ihre Hände an Katar ab, um selbst weit besser auszusehen, als sie es verdient haben. Es ist ein bisschen wie mit RB Leipzig: Nehmen wir an, der verhasste Klub wird aus der Bundesliga verbannt. Fein. Aber würde sich dadurch irgend etwas Grundlegendes an der modernen Fußballindustrie ändern? Nein. Man kann sich höchstens dem Irrglauben hingeben, dass Vereine alleine deshalb besser sind, weil sie vor 100 Jahren gegründet wurden.

An dieser Stelle bedarf es einer Klarstellung: Es geht hier nicht darum, die WM in Katar zu verteidigen. An ihr gibt es nichts zu verteidigen. Das Turnier ist widerlich. Außerdem wird das Event die politische und soziale Lage im Land nicht verbessern, das ist Augenwischerei. Persönlich bin ich beim Boykott sogar dabei, was allerdings profane Gründe hat: Österreich ist nicht qualifiziert, in Schweden, wo ich wohne, laufen nur ausgewählte Spiele in den öffentlich-rechtlichen Programmen, und im Winter schaue ich lieber Wintersport (oder das, was davon noch übrig ist). Dass ich damit auch beim jW-Prognosespiel passen muss, ist zweifellos das größte Opfer.

Ein persönlicher Boykott ist eine nette Geste, politisch jedoch bedeutungslos. Dass ein Boykott der WM durch nationale Fußballverbände nie eine realistische Option war, weiß auch Dietrich Schulze-Marmeling. In Analyse & Kritik betont er, dass das Verdienst von »#BoycottQatar2022« »aktive Aufklärungsarbeit« war, die durchaus Resultate zeitigte, nämlich eine »lebhafte und breite Diskussion über den Zusammenhang von Menschenrechten und Fußball, über Werte und Haltung in diesem Spiel, über den richtigen Umgang mit dem Vormarsch autokratischer und diktatorischer Regime, über die FIFA und die Entwicklung des Weltfußballs allgemein.« Sich als progressiv verstehende Fußballmagazine wie 11 Freunde kamen dadurch in die Bredouille. Es bedurfte einiger Verrenkungen, um zu erklären, warum man trotz Sympathien für die Boykottbewegung Korrespondenten nach Katar schickt.

Sind von Spielern vor Ort Proteste zu erwarten? Kaum. Und wenn, werden sie sich auf gut gemeinte, aber doch eher hohle Gesten beschränken wie »One Love«-Kapitänsbinden und abstrakte Bekenntnisse zu Menschenrechten. Nur selten gelingt ein symbolisches Zeichen, wie bei der EM 2021 das Herz Leon Goretzkas in Richtung des ungarischen Fanblocks, in dem gerne der Homophobie gefrönt wird. Es ist das Unerwartete und Kreative, das solchen Momenten Kraft verleiht.

Allerdings werden Fußballspieler nicht gerade zu Protesten ermuntert, wenn sich Aushängeschilder des Sports gegen solche aussprechen. Vor einem Jahr erklärte Zlatan Ibrahimovic, dass er das politische Engagement des Basketballstars LeBron James nicht gutheiße: »Ich mag es nicht, wenn Leute, nur weil sie bekannt sind, über Politik reden. Sie sollen das machen, was sie können. Ich spiele Fußball, weil ich das am besten kann. Aus der Politik halte ich mich raus.« Nun kann man Ibrahimovic als megalomanischen Dummkopf abtun. Aber auch der aus unerfindlichen Gründen allseits beliebte »Normalo« Jürgen Klopp erteilt den in Katar auflaufenden Spielern Absolution im vorhinein: »Es ist nicht fair, dass wir von ihnen erwarten, dass sie dorthin gehen und große politische Erklärungen abgeben oder was auch immer«, so der Trainer des FC Liverpool im TV-Sender Sky News. Unter diesen Rahmenbedingungen ist wenig zu erhoffen.

Boykott der WM in Katar, schön und gut. Richtig spannend wird es freilich, wenn alle Fußballweltmeisterschaften boykottiert werden, solange sie unter der Schirmherrschaft der FIFA stattfinden. Es ist nicht die Reform der FIFA, die den Fußball wirklich verändern kann, sondern deren Abschaffung. Utopisch? Vielleicht. Doch nur wer wagt, gewinnt.

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