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Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Esoterik

Stell die Verbindung her!

Zur Esoterik einer Trendvokabel
Von Simon Mayer
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Das erste Modem (New York, 1890)

»Sag mir nicht, du wärst zufrieden, hier zu sitzen. / Mach das Maul auf, komm jetzt nicht mit blöden Witzen. / Ich bin da und erreichbar, aber nicht besonders lange. / Die Kabel liegen offen auf dem Boden, also nimm sie in die Zange, / Und hinterher, vielleicht noch mehr. / Stell die Verbindung her.« Die holprigen Metapher mögen diese Aufforderung zur verstärkten zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme, eventuell sogar mit Aussicht auf so was wie Geschlechtsverkehr, etwas ungelenk erscheinen lassen. Formuliert wurden sie von der Hamburger Band Die Sterne Ende der 90er, als die Erdenbürger sich im World Wide Web zu vernetzen begannen. Doch bereits bevor die Epoche der »Globalisierung« ausgerufen wurde, waren technische Neuerungen wie die Eisenbahn, die Telegraphie oder das Telefon wichtige Etappen zur Überwindung eines selbstgenügsamen Solipsismus und stellten allerlei Verbindungen zwischen den Menschen her.

Verbindung herstellen – das tut die Menschheit natürlich schon viel länger. Wer sich nicht auf eine Seite beschränken, vielleicht sogar ins Ganze ausgreifen möchte, bemüht diese Metapher. So weiß der ambitionierte Schriftsteller seit Horaz: »Allen Beifall gewinnt, wer das Nützliche unter das Angenehme mischt, dadurch, dass er den Leser ebenso erfreut wie ermahnt. Wer das Nützliche so mit dem Angenehmen zu verbinden weiß, dass er den Leser im Ergötzen bessert, vereinigt alle Stimmen.« Weshalb sich also auf eine Sache beschränken, wenn man mehrere Ziele verfolgen kann und seine Effekte dadurch steigert?

»Die Kämpfe verbinden« (Bundestagsfraktion Die Linke) ist daher auch eine Forderung der politischen Linken, spätestens seit ihr immer bewusster wurde, dass es neben dem Klassenkampf des Proletariats auch andere gesellschaftliche Konflikte gibt, die von anderen Subjekten geführt werden und nicht weniger dringlich sind. Von deren Zusammenführung man sich sogar eine erhöhte politische Durchschlagskraft erhofft. Aber wie genau soll das gehen? Die Experten der »Bewegungslinken« wissen Bescheid: »Bei verbindender Klassenpolitik geht es darum, unterschiedliche Kämpfe miteinander zu verbinden.« Noch Fragen?

Verbindungen herzustellen ist aber nicht bloß das Metier dialektisch sein wollender Linker. Wendet man sich dem gegenwärtigen Kulturbetrieb zu, bekommt man den Eindruck, dass »verbinden« hier zu den Lieblingsvokabeln zählt. Man begibt sich dann allerdings auf ein Terrain, zu dessen Analyse besser gleich Adornos »Jargon der Eigentlichkeit« herangezogen wird. Gerät in Sphären höherer Esoterik, wo man, wie im Falle des Humboldt-Forums bei der umstrittenen Präsentation historischer ethnologischer Artefakte, einfach behauptet, dass die »Berliner Sammlung« den heutigen Nachfahren der ehemals Kolonialisierten zugute kommt: »Heute ermöglicht sie es den Menschen, sich mit ihren Vorfahren und Lebensweisen wieder zu verbinden.«

Sich mit etwas verbinden, das soll offenbar ein Verhalten zu etwas sein, das so unmittelbar, so tief, so elementar ist, dass es sich auf andere Weise nicht in Worte fassen lässt. Kim de l’Horizon, Autorin des Romans »Blutbuch«, in dem die Erzählfigur ihrer nicht tradierten weiblichen »Blutlinie«, wie es heißt, nachspürt, hat es mit ihrem Erstlingswerk dieses Jahr sogar zum Deutschen Buchpreis gebracht. Im Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt de l’Horizon beschwingt, »dass sich alle Körper ständig auch miteinander vermischen und dass wir vom Ich und Du gar nicht so stark trennen können, dass wir wirklich miteinander verbunden sind und ineinander hineinwurzeln«. Aber muss man deshalb gleich literarisch-romantische Ahnenforschung betreiben?

Die seltsamsten Blüten eines vermeintlich linksliberalen Postmodernismus, der aber schon längst in einen reaktionären Irrationalismus und Obskurantismus gekippt ist, finden sich wohl auf der Website des »Uferstudios – für zeitgenössischen Tanz« in Berlin-Gesundbrunnen: »Wir werden authentisches Volksliedergut als ein lebendiges Klangwesen erleben. Schwebend auf den Schwingungen traditioneller polnischer Lieder und eintauchend in die archaische Technik des offenen Kehlkopfgesangs, werden wir die tiefsten Schichten unseres Stimmgewebes erforschen und uns mit ihnen verbinden.« Staatlich geförderte zeitgenössische Performancekunst ist in einigen Fällen eben von kommerziellen Eso-Wochenend-Workshops, wie sie vor einiger Zeit noch ausschließlich in den Werbespalten von Stadtmagazinen mittelgroßer Universitätsstandorte angeboten wurden, leider nicht mehr zu unterscheiden.

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