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Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Koloniale Arroganz

Abschluss COP 27
Von Wolfgang Pomrehn
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Protestaktion anlässlich COP 27 (15.11.2022)

Im ägyptischen Scharm Al-Scheich geht am Freitag die diesjährige UN-Klimakonferenz zu Ende. Gut möglich, dass man ein wenig überziehen wird, aber eines ist sicher: Wie seit nunmehr 27 Jahren wird man sich hinterher streiten können, ob das Glas nun halbvoll oder halbleer ist. Es ging mal wieder ein ganz klein wenig voran, aber viel zu langsam, in den üblichen Trippelschritten. Doch das Zeitfenster, in dem das Schlimmste noch verhindert werden kann, schließt sich. Inzwischen ist die Klimakrise mit den Händen greifbar. In Indien zum Beispiel verging 2022 kaum ein Tag ohne extreme Wetterereignisse in der einen oder anderen Region. Deutschland und China haben ihrerseits einen extremen Dürresommer hinter sich, und der australische Südosten versinkt dieser Tage zum wiederholten Male in diesem Jahr in zerstörerischen Fluten, verursacht durch extreme Niederschläge. Die Erde ist inzwischen im globalen Mittel 1,15 Grad Celsius wärmer als noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon im nächsten Jahrzehnt werden im bisherigen Tempo 1,5 Grad Celsius erreicht werden – eine Grenze, von der wir inzwischen wissen, dass hinter ihr mehr und mehr Kippunkte erreicht, das heißt, diverse Komponenten des Klimasystems unwiederbringlich aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Deshalb hatte man sich 2015 in Paris eigentlich darauf geeinigt, die Erwärmung »möglichst« nicht auf mehr als 1,5 Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau steigen zu lassen.

Der Bundestag hat dies ratifiziert, aber zugleich mit den Reduktionszielen im anschließend erarbeiteten Klimaschutzgesetz klargemacht, dass er Deutschland nicht an die Pariser Übereinkunft gebunden sieht. Schlimmer noch: Derzeit macht die Bundesregierung durch Verweigerung der Arbeit im Verkehrssektor und die Erlaubnis für RWE, den Braunkohletagebau Garzweiler weiter auszudehnen und Lützerath zu zerstören, deutlich, dass sie auch diese unzureichenden gesetzlichen Klimaziele nicht besonders ernst nimmt.

Außenministerin Annalena Baerbock ficht das nicht an. Am Freitag will sie sich in Scharm Al-Scheich dafür stark machen, dass der Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas in das Abschlussdokument aufgenommen wird – nur ein paar Monate nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz dem Senegal finanzielle Unterstützung bei der Erschließung neuer Gasfelder zugesagt hat. Zu Hause sorgt derweil ihr Parteifreund Robert Habeck mit neuen LNG-Terminals für den Import des besonders klimaschädlichen Frackinggases. Dass an all dem nur die russische Aggression gegen die Ukraine schuld sei, kann man vielleicht dem hiesigen Schlafwandlerpublikum verkaufen. In den Ländern des Südens erkennt man darin hingegen ohne Mühe die alte koloniale Arroganz. Da helfen kein moralinsaurer »grüner« Zuckerguss und kein Gerede von Solidarität und Verantwortung.

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  • Leserbrief von Georg F. aus Heidelberg (18. November 2022 um 13:40 Uhr)
    Vollkommen richtig, wie überhaupt die Artikel von Wolfgang Pomrehn seit Jahren wichtige Beiträge in der jungen Welt sind. Denn über die Doppelmoral grüner Art hinaus findet man auch in diversen, weit linken Gruppen diese Heuchelei schon seit langem. Es gibt viele linke Leute, die meinen, wenn sie Postcolonial Studies studieren und Arbeiter und Arbeiterinnen, die mit den jeweils wechselnden Sprechcodes der neuesten Diskurse nicht vertraut sind, niedermachen, könnten sie selbst millionenfach so imperial leben, dass es wärmere und feucht-heiße Kontinente noch übler abbekommen werden. Kriege und die nur »westlich«-manische Vielfliegerei werden beispielsweise einfach nicht mitgerechnet und beachtet. Den Selbstwiderspruch darin erkennen die allermeisten genauso wenig, wie die »Grünen« ihn erkennen. Und leider haben auch viele kommunistische Gruppen die Klimazerstörung sehr lange ignoriert, wenn auch nicht so extrem, wie etwa Ivo Bozic damals in der antideutschen jungle world, der lieber rechte »Denier« lobte. Zum Kampf gegen Rassismus gehört schon seit langem der Kampf gegen die kapitalistische Zerstörung, aber auch gegen die gierige Lebensweise von um die 800 Millionen Menschen im Kapitalismus.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika (18. November 2022 um 09:00 Uhr)
    In der Tat, der »Doppelsprech« in der kapitalistischen Politikerkaste nimmt bedenkliche Formen an. Nicht nur Olafs Gasfelder in Senegal zeigen das. Auf Seite neun in dieser jW-Ausgabe ist zu lesen, wie die BRD und Frankreich hunderte Millionen Euro investieren, damit Südafrika aus der Kohle aussteigt, und gleichzeitig kauft die BRD vermehrt Steinkohle aus Südafrika, um Kohlekraftwerke in Deutschland weiter zu befeuern. Da jubeln Minenbosse und Aktienbesitzer, mit Klimaschutz und Ausstieg aus fossilen Brennstoffen hat das null zu tun. Und das unermüdliche Befeuern des Ukraine-Krieges seitens der NATO sowie der Sanktionskrieg gegen Russland sichern dem US-amerikanischen Frackinggasgeschäft einen Spitzenplatz in der EU. Das war wohl auch eines der Hauptziele der USA in diesem Stellvertreterkrieg. Das hat mit Klimaschutz gar nichts zu tun. Die Grünen als quasi politischer Flugzeugträger des US-Imperiums in der deutschen Politik funktionieren dabei wie geschmiert, dank ihrer Kommandeure Baerbock und Habeck und ihrer Lotsen im »Zentrum Liberale Moderne«.

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