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Aus: Ausgabe vom 18.11.2022, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Kiew nervt Washington

Pentagon: Militärischer Sieg über Russland unwahrscheinlich. Ukraine beharrt auf Krieg
Von Arnold Schölzel
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Mitten in der Nacht vor dem Weißen Haus will Joseph Biden recht behalten: Selenskij lügt

Zwischen den USA und den in Kiew Regierenden knirscht es. Staatschef Wolodimir Selenskij schwächte zwar am Donnerstag seine Behauptung ab, beim Raketeneinschlag am Dienstag in Polen habe es sich um ein russisches Geschoss gehandelt, beharrte aber darauf: »Ich bin mir sicher, dass es eine russische Rakete gab, ich bin mir sicher, dass wir von Luftverteidigungssystemen aus gefeuert haben.« Es sei jedoch »heute unmöglich, etwas Konkretes zu sagen – dass es die Luftverteidigung der Ukraine war«. Ukrainische Experten würden sich an einer internationalen Untersuchung beteiligen. Er widersprach damit erneut US-Präsident Joseph Biden, der es bei der Rückkehr vom G20-Gipfel auf Bali nach Washington am frühen Donnerstag morgen für nötig hielt, vor Reportern zu bekräftigen, Selenskijs Auffassung entspreche nicht den Hinweisen.

Zuvor hatten US-Kriegsminister Lloyd Austin und US-Generalstabschef Mark Milley nach einer Tagung der sogenannten Ukraine-Kontaktgruppe mit fast 50 Staaten auf einer Pressekonferenz in Washington die Sicht Bidens bestätigt. Beide Militärs kündigten weitere Waffenlieferungen für Kiew an. Milley skizzierte zugleich die militärische Lage und erklärte, die ukrainischen Streitkräfte hätten entlang der 900 Kilometer langen Front »Erfolg nach Erfolg nach Erfolg« erreicht, die Russen dagegen »strategisch verloren, operativ verloren und taktisch verloren«. Auf Fragen hin räumte er allerdings anschließend ein, Russland kontrolliere gegenwärtig 20 Prozent des Territoriums der Ukraine und verfüge »immer noch« über eine bedeutende Kampfkraft. In Charkiw und Cherson sei die im September gestartete ukrainische Offensive zwar erfolgreich, aber beide Gebiete seien »relativ klein« im Vergleich zur gesamten Ukrai­ne. Er wiederholte seine Äußerungen aus der vergangenen Woche, es sei eine sehr schwierige Aufgabe, »die Russen physisch aus der Ukraine zu vertreiben«. Das werde »nicht in den nächsten Wochen geschehen, es sei denn, die russische Armee bricht völlig zusammen, was unwahrscheinlich ist«. Die Wahrscheinlichkeit eines ukrainischen militärischen Sieges hingegen, »definiert als Rauswurf der Russen aus der gesamten Ukraine, einschließlich der von ihnen beanspruchten Krim«, sei »nicht sehr hoch«. Es könne »eine politische Lösung geben, bei der sich die Russen zurückziehen, das ist möglich«. Man wolle aus einer Position der Stärke heraus verhandeln. Russland liege im Moment »auf dem Rücken«.

Erst zwei Tage zuvor hatte der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnij, nach einem Telefonat mit Milley erklärt, seine Armee werde keine »Verhandlungen, Vereinbarungen oder Kompromisslösungen akzeptieren«.

Entgegen solchen Durchhalteparolen wurde am Donnerstag der unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei im Juli geschlossene Kompromiss über Getreideexport automatisch um 120 Tage verlängert, da keine der beteiligten Seiten Einwände erhoben hatte. UN-Generalsekretär António Guterres betonte, die Vereinten Nationen würden sich umfassend dafür einsetzen, auch die Hindernisse für russische Nahrungsmittel- und Düngerexporte zu beseitigen. Gemeint sind die westlichen Sanktionen gegen russische Finanz- und Logistikunternehmen. Diesen Punkt hatte die Regierung in Moskau zur Bedingung gemacht. Russland hatte das Abkommen für einige Tage ausgesetzt, nachdem die Ukraine mit britischer Hilfe am 29. Oktober die russische Flotte in Sewastopol mit Drohnen angegriffen hatte.

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  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (21. November 2022 um 13:21 Uhr)
    Die Bombe tickt und es ist sehr kurz vor 12, ja ganz kurz vor einem Flächenbrand und somit dem dritten Weltkrieg, der wohl mit einem Nukleareninferno enden wird!
    Die zwei Raketen, die in Polen niedergegangen sind, hätten durchaus den Weg dazu bereiten können, denn schnell hieß es, das waren die Russen, was aber wohl ein Trugschluss ist. Es sind und das wurde auch von der NATO wohl festgestellt – sogenannte fehlgeleitete Luftabwehrraketen der Ukraine, aber mit dem Fehlgeleiteten habe ich da so meine Probleme! Oft genug hatten doch der ukrainische Präsident und der ehemalige Botschafter nach einer militärischen Hilfe der NATO gerufen und das lässt Fragen offen, aber wie heißt es so schön: Im Krieg verliert als erstes die Wahrheit! Und ich glaube auch, dass wir hierzulande nicht die komplette Wahrheit erfahren, denn jede Wahrheit hat bekanntlich zwei Gesichter!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (18. November 2022 um 10:22 Uhr)
    Dieser unerträgliche kleine Mann aus Kiew muckt gegen seinen Vorgesetzten in Übersee auf und macht gegen besseres Wissen den Rumpelstilz. Man wird ihn zur Ordnung rufen müssen, denn es kann in niemandes Interesses sein, wegen der Hypernationalisten in der Ukraine einen dritten Weltkrieg auszulösen. Genau das war offenbar der Plan des Kiewer Regimes. Der Vertreter Russlands im UN-Sicherheitsrat hat eine sehr gute Rede zum Raketentreffer in Polen gehalten, der von der ukrainischen Luftabwehr kam und Russland angelastet werden sollte (https://rtde.website/international/154699-nebensja-verbrechen-kiews-werden-entweder/).
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (18. November 2022 um 09:46 Uhr)
    Kiew durchschaut langsam die USA-Strategie, dass Washington nicht der Ukraine helfen will, sondern erstrangig nur Russland schaden, und wirft Washington mit Recht vor: Ihr habt uns nicht das versprochen, was die jetzige strategische Kriegssituation uns bietet. Entgegen dem Untertitel »Ukraine beharrt auf Krieg« müsste es richtig heißen: Ukraine beharrt auf Sieg. Die Getreideexporte, wovon erstrangig die wirtschaftlich angeschlagene Türkei profitiert, laufen so lange, bis die Türkei den NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands ablehnt. So lange kann und wird Erdogan seine Vermittlerrolle international »großartig« spielen. Ob dabei etwas Zufriedenstellendes rauskommt, ist eine andere Frage.

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