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Aus: Ausgabe vom 17.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Maximal aufgeblasen

Raketeneinschlag auf NATO-Territorium
Von Reinhard Lauterbach
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Kleiner Einschlag, große Wirkung: Rauch steigt über der polnischen Ortschaft Przewodow auf (15.11.2022)

Kein Zweifel: Wäre die Rakete, die am Dienstag nachmittag die ostpolnische Ortschaft Przewodow traf, zehn Kilometer weiter östlich in einer ukrainischen Getreideankaufstelle eingeschlagen und hätte dort zwei Landarbeiter getötet, kein Hahn hätte groß danach gekräht – war nicht beabsichtigt, ist aber halt passiert. Etwas, was man im NATO-Sprech einen Kollateralschaden nennt. Dass das auch im Westen so gesehen wird, zeigen die Kommentare von Politikern. Sie laufen einhellig darauf hinaus, es sei völlig egal, wessen Rakete da explodiert sei, schuld sei ohnehin Russland (so Kanzler Olaf Scholz). Dass Vorfälle wie dieser im Krieg geschehen, ist also unterstellt.

Nun ist die Rakete aber in Polen eingeschlagen, also auf dem Territorium eines NATO-Landes, und deshalb wird dieser Vorfall maximal aufgeblasen. Die polnische Presse wärmt die bereits im Frühjahr von den USA zurückgewiesene Forderung nach der Einrichtung einer »Flugverbotszone« – die sie faktisch hätten durchsetzen müssen – zumindest über der Westukraine wieder auf, die baltischen Außenminister vertwitterten, während in Przewodow noch die Trümmer rauchten, tiefempfundene Solidaritätsadressen an die »polnischen Waffenbrüder«. Darin wiederholten sie alles, was sie ohnehin immer schon sagen wollten über das »terroristische Russland« und so weiter.

Im Vergleich dazu ist die Aussage von US-Präsident Joseph Biden, es sei »unwahrscheinlich«, dass die in Polen eingeschlagene Rakete von russischem Territorium abgefeuert worden sei, noch das mindeste, was man mit einem Rest von Vernunft sagen kann. Sie ist auch nicht von russischen Truppen in der Ukraine abgefeuert worden, wenn man den von AP zitierten drei Mitarbeitern der US-Regierung mit ihrer Einschätzung folgen will, dass es sich um eine Rakete des Flugabwehrsystems »S-300« gehandelt habe. Das hat nämlich eine Reichweite von maximal 300 Kilometern, und in diesem Umkreis um die Einschlagstelle gibt es keine russischen Positionen.

Das beschwört nun freilich die Frage herauf, ob es wirklich nur ein tragischer Zufall war, dass die Rakete ein Ziel in Polen traf – oder ob sie, wenn man schon annimmt, dass es eine ukrainische war, vielleicht gerade ein Ziel auf NATO-Territorium treffen sollte. Ein an sich völlig unbedeutendes Ziel mit nichts als dieser symbolischen Bedeutung. Um eine Debatte loszutreten, die die Ukraine sich wünscht, aber die NATO zu vermeiden sucht: über eine direkte Kriegsbeteiligung der westlichen Allianz. Mit Provokationen hat Kiew Erfahrung. Schließlich hat es die erste Sanktionswelle gegen Russland im Sommer 2014 damit losgetreten, dass es entgegen aller Risiken unterlassen hat, den Luftraum über dem Donbass für den zivilen Flugverkehr zu sperren, und 298 Menschen an Bord der Maschine mit der Flugnummer »MH17« für den politischen Zweck starben. Jetzt immerhin »nur« zwei.

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  • Leserbrief von Philipp Zessin-Jurek aus Frankfurt (Oder) (18. November 2022 um 16:08 Uhr)
    Fakt ist, dass die Rakete, die zwei Menschen in Polen getötet hat, nur deswegen aktiviert wurde, weil Russland die Ukraine angegriffen hat und regelmäßig mit regelrechten Raketen- und Bombenteppichen überzieht. Sicherlich ist es ungeschickte PR, wenn die Ukraine in Person von Selenskij darauf beharrt, dass die in Polen eingeschlagene Rakete von den Russen abgefeuert worden ist. Das ändert jedoch nichts daran, dass die beiden toten Polen letztlich Opfer Putins sind – nämlich Opfer des Kriegs, der von Russland unprovoziert vom Zaun gebrochen wurde und zu unendlichem Leid in der Ukraine geführt hat.
  • Leserbrief von hto (17. November 2022 um 14:03 Uhr)
    Nein, Herr Istvan Hidy, besonders die Journalisten des Westens, die mit der Verpflichtung zu journalistischer »Neutralität« geimpft werden, denken nur an Preise wie Pulitzer, oder an die Bestsellerlisten für die Bücher, die sie schreiben wollen, den Horizont der Wahrheit können sie nicht einmal mehr erblicken, der über das vom Kapitalismus geformte »Individualbewusstsein« hinausgeht.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Reinhard W. aus Hamburg (17. November 2022 um 13:29 Uhr)
    Selenski jhat bereits vor Monaten eine Bundeswehr A400M an der polnischen Grenze mit Stinger beschießen lassen. Die ist nur mit viel Glück davongekommen und wäre im Trefferfall auf polnischem Gebiet abgestürzt. Der Pilot hat den Angriff gemeldet und die Anweisung bekommen, in Zukunft über ukrainischem Gebiet die Freund/Feind-Erkennung abzuschalten. Ab diesem Zeitpunkt sind keine solchen Zwischenfälle mehr bekannt geworden, offensichtlich hat irgendwer Selenskij den Marsch geblasen. Die S300 werden von der Ukraine gerne als Raketenartillerie eingesetzt. Dabei wird nicht auf einen Flugkörper aufgeschaltet, sondern direkt geschossen. Dadurch wird auch die Selbstzerstörung außer Kraft gesetzt, die im Normalfall verhindert, dass der Flugkörper bei einem Fehlschuss Truppen am Boden gefährdet. Diese Rakete ist absichtlich dort hingeschossen worden. Und alle westlichen Politiker wissen das.
    • Leserbrief von T.F. aus Potsdam (17. November 2022 um 20:15 Uhr)
      Das sind ja interessante Informationen mit der Bundeswehrmaschine. Gibt es dazu auch Quellen? Wenn ja, bitte angeben!
    • Leserbrief von Thomas K. aus Berlin (17. November 2022 um 19:42 Uhr)
      Können Sie den A400M Zwischenfall, den Sie anführen, mit Quellen belegen?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. November 2022 um 11:05 Uhr)
    Journalisten aller Welt, unter unserem Himmelszelt! Eure Aufgabe wäre herauszufinden: Wer ist der Dramaturg von Präsident Selenskij? Er ist ein Schauspieler – a lá »Method Acting« – der seine Rolle nicht mehr loswerden kann. Und erst Washington, das vor nichts zurückschreckt, um die bestmögliche Performance aus ihm herauszukitzeln. Anlässlich des Raketenanschlags in Polen wusste er sofort, dass es ein russischer Angriff war. Entweder weiß er nicht mehr, was er redet, oder wenn doch noch, dann ist das sogar noch schlimmer! Wer und wie viele Teile plant man noch von der Kriegsserie? Langsam wäre es Zeit für: Vorhang zu, Frieden und Ende der sinnlosen Propagandadebatte!

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