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Aus: Ausgabe vom 17.11.2022, Seite 7 / Ausland
Unter falscher Fahne

Warnung vor Intrigen

Während türkische Regierung PKK für Anschlag in Istanbul verantwortlich macht, weisen Spuren zum »tiefen Staat«
Von Nick Brauns
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Forensiker am Anschlagsort (Istanbul, 13.11.2022)

Nachdem am Sonntag eine Bombenexplosion in der belebten Istanbuler Fußgängerzone Istiklal Caddesi sechs Menschen in den Tod riss sowie mehr als 80 weitere verletzte, war der türkische Innenminister Süleyman Soylu schnell dabei, kurdische Rebellen als Urheber des Anschlags zu beschuldigen. Sowohl die Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als auch die Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Nordsyrien haben diese Anschuldigungen umgehend zurückgewiesen. Eine Reihe von Ungereimtheiten und Enthüllungen lassen das Konstrukt der Regierung zunehmend in sich zusammenbrechen.

Diese hatte angegeben, bei einer wenige Stunden nach dem Anschlag in ihrer Istanbuler Wohnung festgenommenen Frau, die die Bombe gelegt haben soll, handele es sich um eine Syrerin namens Ahlam Albasir. Diese sei von der PKK bzw.den YPG ausgebildet worden und habe den Anschlag im Auftrag von Hintermännern aus Ain Al-Arab – so der arabische Name für die Stadt Kobani in der nordostsyrischen Selbstverwaltungsregion – begangen.

Bilder der festgenommenen vermeintlichen Bombenlegerin zeigen eine völlig eingeschüchtert wirkende dunkelhäutige Frau in Handschellen zwischen zwei türkischen Fahnen, ihr Gesicht weist Spuren von Schlägen auf. Auf Bildern von Überwachungskameras, die die Attentäterin nach dem Anschlag zeigen sollen, ist dagegen eine Frau mit schwarzem Hijab und Militärhosen in Camouflagemuster zu erkennen. Diese weist nur entfernte Ähnlichkeit mit der Festgenommenen auf, bei der es sich optisch um eine Ostafrikanerin handeln könnte.

»Niemand in unserer Region kennt die Person, die den Anschlag verübt hat«, erklärte Salih Muslim, der Kovorsitzende der in der nordsyrischen Selbstverwaltungsregion führenden Partei der Demokratischen Union (PYD), gegenüber der Nachrichtenagentur ANF vom Mittwoch. »Sie ist keine Kurdin und hat keine Beziehung zur Selbstverwaltung von Rojava«, so Muslim. Aus Albasirs Social-Media-Accounts gehe vielmehr hervor, dass sie Verbindungen zu Gruppen wie der »Freien Syrischen Armee« (FSA) habe. So gebe es Fotos, die die Frau vor Fahnen der »Sultan-Murad-Brigade« zeigen, einer islamistischen Söldnertruppe der Türkei. Es handele sich beim Anschlag um eine von der türkischen Abteilung für Spezialkriegsführung organisierte »osmanische Intrige«, ist sich PYD-Chef Muslim sicher. Ziel sei es, einen türkischen Angriff auf die Stadt Kobani vorzubereiten.

Eine mögliche Verwicklung des »tiefen Staates« aus Geheimdienst, Mafia und Faschisten in den Anschlag ergibt sich zudem durch eine Auswertung von Telefonverbindungsdaten Albasirs. Wie die Nachrichtenseite T24 trotz weiterhin geltender Nachrichtensperre am Dienstag in Erfahrung bringen konnte, war von Albasirs Mobiltelefon mehrfach ein Anschluss angerufen worden, der auf Mehmet Emin Ilhan zugelassen ist. Der wegen Drogenhandels vorbestrafte Ilhan ist Vorsitzender der faschistischen MHP im Landkreis Güclükonak. Dort, in der vornehmlich von Kurden bewohnten südostanatolischen Provinz Sirnak, besteht die Organisation der Grauen Wölfe der MHP fast ausschließlich aus Angehörigen des Staatsapparates. Der zum Polizeiverhör geladene MHP-Funktionär stritt laut T24 jeden Kontakt zu Albasir ab und behauptete, eine »Terrororganisation« habe ihm »einen Streich gespielt«. Doch der linke Onlinesender Özgür TV berichtete am Mittwoch, Ilhan habe die spätere Attentäterin im Auftrag von Arslan Tatar nach Istanbul gebracht. Dieser aus Sirnak stammende Geschäftsmann aus dem Tatar-Stamm, der 2015 für die Regierungspartei AKP kandidiert hatte, gilt als rechte Hand von Innenminister Soylu in der Bergprovinz.

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