3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. January 2023, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 16.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Film

Die Jungs von der Hitler-Gang

Das 11. Filmfestival »Augen Blicke Afrika« in Hamburg zeigte eine Auswahl von knapp 30 Filmen aus mehr als 20 Ländern Afrikas
Von Fabian Lehmann
Palais_s bodybuilding contest.jpg
Zerrieben zwischen Straße und Zukunft: Motorradgang in Zinder, Niger, in einem Dokumentarfilm von Aïcha Macky

Zwei Männer auf einem Motorrad. Der Beifahrer hält eine große weiße Fahne, auf der in jeder Ecke ein schwarzes Hakenkreuz in roter Umrandung aufgemalt ist. Das Zentrum der Fahne zeigt einen muskulösen Mann, der eine Hantel stemmt. Diese Filmszene ist in Zinder aufgenommen worden, im Süden des Niger. In ihrem Dokumentarfilm widmet sich Aïcha Macky den Bewohnern des ehemaligen Lepraviertels Kara-Kara – und der sich selbst so bezeichnenden Hitler-Gang. Diese ihnen mythische Gestalt, über die die Bandenmitglieder nichts wissen, haben sie sich zum Vorbild erwählt, sie wollen sich in diesem »furchterregenden Krieger« wiederfinden.

In »Zinder« (2021, Niger/Frankreich; derzeit auch in der Arte-Mediathek zu sehen) erzählt Macky eine Geschichte, die sich vermutlich auf der ganzen Welt erzählen ließe: Die Ausgegrenzten und Stigmatisierten nehmen diese Zuschreibung an, wandeln sie in Stolz und definieren sich fortan selbst über ihre Herkunft. Als Macky, die selbst in Zinder, aber eben nicht im Stadtteil Kara-Kara geboren wurde, ein Gangmitglied fragt, was sie und ihn denn voneinander unterscheide, antwortet dieser ohne Umschweife: Bildung.

Aïcha Macky, die 1982 geboren wurde und im Senegal Dokumentarfilm und Soziologie studierte, setzt den einprägsamen Hitler-Bezug geschickt ein, um das Interesse der europäischen Zuschauer zu wecken. Statt sich dieser Kuriosität ausgiebig zu widmen, präsentiert sie die Gangmitglieder als komplexe Charaktere, die sich als Benzinschmuggler, Familienväter, Schläger oder Sozialarbeiter zwischen den Regeln der Straße und dem Willen, sich eine Zukunft aufzubauen, zerreiben.

»Zinder« ist einer von knapp 30 Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilmen, die auf dem 11. Afrikanischen Filmfestival »Augen Blicke Afrika« in Hamburg gezeigt wurden – wie gewohnt im Studio-Kino auf St. Pauli. Dokumentarfilme machten hier einen Großteil des Filmprogramms aus. Einer davon widmet sich dem Leben der kapverdischen Sängerin Cesária Évora.

Wem Évora bislang vor allem als Morna-Sängerin mit begnadeter Stimme bekannt war, der wird in »Cesária Évora« (2022, Kap Verde/Portugal) mit der Biographie einer Frau konfrontiert, auf die zeitlebens viel Schatten fiel. Dass aus Évora überhaupt ein Weltstar werden konnte, ist bei genauerer Betrachtung vor allem eines: unwahrscheinlich. Internationale Anerkennung erlangte sie mit ihrem 1988 erschienen Album »La Diva Aux Pieds Nus«, da war sie bereits Ende 40. Dass eine schwarze, barfüßige Frau zum internationalen Star aufsteigen sollte, ist kaum vorstellbar, heißt es dann auch passend im Film. Der ist von Regisseurin Ana Sofia Fonseca übrigens überwiegend aus Hobbyfilmaufnahmen montiert, die in ihrer Mangel­ästhetik dem Leben der unprätentiösen Sängerin entsprechen.

Die Voraussetzungen für eine Karriere der 2011 gestorbenen Sängerin waren denkbar schleicht. Nicht nur, dass in Europa niemand wusste, wo dieses Kap Verde liegt, Évora selbst lebte dort in bitterer Armut. So bestand ihr größter Wunsch darin, ein eigenes Haus zu kaufen. Als Kap Verde 1975 infolge der portugiesischen Nelkenrevolution unabhängig wurde und alles auf den Inseln im Aufbruch war, brach Évora jahrelang alle sozialen Kontakte ab und zog sich in ihre Depression zurück. Erst der internationale Ruhm sollte ihr später ermöglichen, tatsächlich ein neues Haus zu kaufen, nachdem das alte in sich zusammengefallen war.

Mit ganz anderen technischen Mitteln arbeitet Daniel Kötter in »Water & Coltan« (2021, Deutschland/DR Kongo). Der Filmemacher und Musiktheaterregisseur präsentiert einen 50minütigen Virtual-Reality-Film, der mit Hilfe der VR-Brille einen 360-Grad-Blick über die Landschaft der DR Kongo erlaubt. Der Dokumentarfilm beschäftigt sich mit dem Coltanbergbau im Osten des Kongo, dessen Auswirkungen auf die Landschaft und die Gemeinschaft der Bergarbeiter. Begleitet hatte den Filmdreh die kongolesische Journalistin Olande Byamungu. Im Filmgespräch verdeutlichte sie die politische Bedeutung des Minerals im kongolesisch-ruandischen Konflikt. »Ohne Coltan würde der Krieg nicht andauern«, so Byamungu. In Nord-Kivu war der Konflikt, der seinen Ursprung in den ethnischen Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi hat, im Mai dieses Jahres aufgebrandet. Der Film selbst konzentriert sich auf die Menschen, die sich im Bergbau verdingen. Dabei ermöglicht die VR-Technik dem Zuschauer, selbst zu entscheiden, wohin er seine Aufmerksamkeit richtet, und erlaubt ihm so, seinen eigenen Film zu schneiden.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Patrice Lumumba auf dem Plakat zum Tag der Solidarität mit dem K...
    10.08.2022

    Lernen und kämpfen

    Neue Studie untersucht revolutionäres Bildungsprojekt der PAIGC während des Befreiungskampfes von Guinea-Bissau und Kap Verde
  • Vor 50 Jahren von linken und kommunistischen Künstlern gegründet...
    12.03.2019

    Im Zerrspiegel

    Das diesjährige Filmfestival Fespaco in Burkina Faso reflektierte den Kreislauf aus imperialistischem Größenwahn, sozialer und wirtschaftlicher Katastrophe, Terror und Flucht in Afrika nur indirekt

Mehr aus: Feuilleton

Startseite Probeabo