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Aus: Ausgabe vom 15.11.2022, Seite 12 / Thema
Ein deutscher Schriftsteller

Ein flexibler Geist

Ein Dichter des bürgerlichen Deutschlands. Über Gerhart Hauptmann und dessen Wandlungen
Von Kai Köhler
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Gerhart Hauptmann, geboren am 15. November 1862, gestorben am 9. Juni 1946, betreibt bürgerlichen Sport auf Hiddensee (Aufnahme von 1930)

Am 15. November 1932 feierte Gerhart Hauptmann seinen 70. Geburtstag. Unter vielen anderen Ehrungen fand sich auch die Goldene Preußische Staatsmedaille, die ihm vormittags der Kultusminister Adolf Grimme (SPD) im Adlon, Hauptmanns Berliner Stammhotel, überreichte. Freilich war Grimme de facto nicht mehr im Amt. Bereits am 20. Juli hatte die nationalkonservative Reichsregierung unter Franz von Papen die sozialdemokratische preußische Führung entmachtet. Die legale preußische Regierung fristete ein Schattendasein, die reale Macht lag bei den Vertretern der »Reichsexekution« unter der Leitung von Franz Bracht. Eine ungültige Ordensverleihung also? Doppelt hält besser. Am Abend, nach der Festaufführung von Hauptmanns »Die Ratten«, verlieh Bracht Hauptmann die Goldene Preußische Staatsmedaille.

Man kann das so sehen wie vermutlich der Dichter selbst: Der Geist hält Hof, und verschiedene Mächte bemühen sich um ihn. Oder man hat ein übelwollendes Gemüt und spricht von Opportunismus. Schauen wir uns also die Vorgeschichte an, dann die Feiern von 1932 in ihrem kulturpolitischen Zusammenhang und schließlich die Folgen ab 1933. Danach entscheiden wir, ob der Geist recht behält oder der Missmut.

Ein charakterfester Deutscher?

Hauptmann begann als sozialkritischer Autor. Sein bekanntestes Werk, »Die Weber«, hat den Aufstand verarmter Heimarbeiter zum Stoff. Ein polizeiliches Aufführungsverbot 1892 behinderte die Verbreitung des Dramas kurzfristig und förderte noch den Ruf des Dichters. Nach der Uraufführung am Deutschen Theater Berlin 1894 kündigte Wilhelm II. erbost seine Loge und ließ auch das kaiserliche Wappen entfernen – keine schlechte Werbung für einen aufstrebenden Schriftsteller.

Die meisten der heute noch gespielten Stücke Hauptmanns entstanden in dieser Werkphase. »Vor Sonnenaufgang«, »Der Biberpelz« und als Nachzügler 1911 »Die Ratten«: Hauptmann gilt als naturalistischer Darsteller eines Kleine-Leute-Milieus. Schon früh aber zeigte sich ein Ausweichen ins Symbolische, Mythische. »Die versunkene Glocke« von 1897 ist im Untertitel als »deutsches Märchen« bezeichnet, »Und Pippa tanzt« (1905) als »Glashüttenspiel«. Den zeitgenössischen Erfolg Hauptmanns förderte dies noch. Zum 50. Geburtstag 1912 konnte er sich über den Literaturnobelpreis freuen. Für das Folgejahr erreichte ihn der repräsentative Auftrag, für die Eröffnung der Jahrhunderthalle in Breslau ein »Festspiel in deutschen Reimen« zu dichten.

Warum »Jahrhunderthalle«? Weil es den Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig zu feiern galt. Peter Hacks hat das Festspiel 1990 zum Ausgangspunkt seines Essays »Der internationale Opportunismus in deutschen Reimen« genommen und gezeigt, weshalb Hauptmann bei dieser Gelegenheit scheiterte. Er stellte den nationalen Stoff der antinapoleonischen »Befreiungskriege« gebührend heraus, erlaubte sich jedoch zugleich Ironie. »Er war bei allen Parteien missliebig, weil er es allen Parteien recht machte« (Hacks). Immerhin: »Die Tat des Friedens ist es, nicht die Tat des Kriegs«, hoffte Hauptmann für die Zukunft, denn »des Krieges nackter Mord« war für ihn »Missetat«.

»Komm, wir wollen sterben gehn«, dichtete er dagegen 1914 zum Kriegsbeginn, und: »Eh’ ich nicht durchlöchert bin / Kann der Feldzug nicht geraten«. Allerdings verzichtete der 52jährige auf seine Durchlöcherung und zog es vor, sich auf propagandistische Ermunterungen zu beschränken. Der Feldzug geriet denn auch tatsächlich nicht, und so formulierte Hauptmann wenige Tage nach Waffenstillstand und Novemberrevolution eine Resolution Berliner Künstler und Schriftsteller, die am 15. November 1918 im Berliner Tageblatt erschien: »Auch die neue Regierung möge mit uns rechnen, wo sie unser Wirken für ersprießlich hält.«

National blieb er trotzdem: »Alles soldatisch in guter Ordnung. Die eingewurzelte Popularität der Armee wurde wieder klar. Prachtvolle Truppen. Keine roten Abzeichen.« Dieses freudige Notat ist vom 10. Dezember und schildert den Einzug jener Fronttruppen in Berlin, die nach dem Willen der sozialdemokratischen Machthaber die revolutionäre Linke zerschlagen sollten.

Sympathien hegte Hauptmann für Friedrich Ebert, der als faktischer Leiter des Rats der Volksbeauftragten und späterer Reichspräsident der Chef der Konterrevolution war. Gelegentlich führte dies zu Missverständnissen. Am 15. November 1922, zu seinem 60. Geburtstag, fand in der Aula der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) eine Festveranstaltung statt. Anwesend war neben Ebert auch der Reichstagspräsident Paul Löbe – sehr zum Missfallen des Hauptredners, des Germanisten Julius Petersen, der versucht hatte, die Anwesenheit auch nur eines Sozialdemokraten zu verhindern und nun gar vor deren zwei auftreten musste. Die Studentenschaft hatte beschlossen, an der Feier nicht teilzunehmen. Hauptmann, der sich immerhin zur Republik bekannt hatte, sei nicht als charakterfester Deutscher anzusehen.

Ein neuer Goethe?

Damit tat man ihm bitter unrecht. Wie sehr sich Hauptmann an straff aufmarschierenden Truppen erfreute, wurde bereits zitiert. Auch die Reden jener Jahre verraten Nationalbewusstsein. »Für die Grenzlanddeutschen« war im Februar 1920 ein Aufruf überschrieben, alle Kräfte für die Abstimmung über den Verbleib Oberschlesiens beim Deutschen Reich einzusetzen. Ein gutes Jahr später, als Polen dem Abstimmungsergebnis entgegen das Gebiet okkupieren wollte, sprach er in der Berliner Philharmonie »für ein deutsches Oberschlesien«. Dabei erwies sich zwar die Warnung vor neuen »Brandherden«, die »das Werk des Friedens bedrohen und binnen kurz oder lang einen schrecklicheren Weltenbrand erzeugen müssen als den, der kaum vorüber ist«, als berechtigt. Dass Hauptmann nun Gewalt ablehnte, war immerhin Einsicht in die Kräfteverhältnisse (von denen wiederum ein Jahr darauf die Berliner Studentenschaft nichts wissen wollte). Wenn aber in der Oberschlesienrede von »Hungernden« die Rede ist, so meint Hauptmann das deutsche Volk, das nach Gerechtigkeit hungere.

Der reale Hunger interessierte ihn weniger. Vielmehr versuchte er, mit rhetorischen Mitteln eine Einheit zu behaupten. Wenn er in seiner Geburtstagsrede den »Weg zur Humanität« zu skizzieren versuchte, so verzichtete er auf jedwede politische Konkretion. Vielmehr stellte er moralisch Kriege auf der einen Seite als »das Böse«, als »das Gute« auf der anderen Seite »Kunst, Entdeckungen, Erfindungen« entgegen. »Die Menschheit muss weiter, weiter empor, und wir Deutsche müssen weiter empor und vorangehen. Wir haben Lehrer, wir haben Führer in Gegenwart und Vergangenheit, deren Amt erst beginnen muss.«

Unklar bleibt, ob Hauptmann den Deutschen damit eine besondere Verantwortung auferlegen oder ob er ihnen – wenn’s schon an der Front nicht geklappt hat – nun wenigstens die kulturelle Führung zuschanzen wollte. Deutlich indessen ist, wer als potentieller Lehrer und Führer herausragt. Ein biographischer Zufall ist, dass jeder runde Geburtstag Hauptmanns zugleich ein Jubiläum von Goethes Tod 1832 ist. Das mochte den Jüngeren Aufmerksamkeit kosten. Andererseits hatte der Lebende den Vorteil, dass er noch auftreten konnte. Als repräsentativer Dichter war Hauptmann zugleich willkommener Goethe-Festredner.

1922 äußerte er sich über »Goethe und die Volksseele«. Das Volk – so Hauptmann – lebe nicht allein vom Brot, sondern auch durch »Geistigkeit«. Im Begriff der Volksseele nun liege »der Begriff der Einigkeit«, wie sie sich auch im »Werke des echten Dichters« finde, dem Trennendes fremd sei. »Doktrinarismus und Fanatismus haben mit dem Letzten und Höchsten der Kunst, insbesondere der Dichtkunst, nichts zu tun. Ihr Grund ist das Universell-Menschliche, und dies allein ist auch ihr Gegenstand.«

Das ist in der Anfangsphase der Weimarer Republik gesprochen, kurz nach der gewaltsamen Niederschlagung der Revolution, bei Mangel an Brot für viele, angesichts eines immer noch möglichen Bürgerkriegs. Hauptmann setzt in dieser Lage Goethe zu dem Zweck ein, das Bestehende zu stabilisieren. Er warnt im folgenden recht allgemein vor Gewalt, vermeidet überhaupt jede politische Konkretion. Goethe ist das »Volkskind«, verbindet sich so mit dem »Volkstum«, Ergebnis ist die »Volksseele«, in deren Begriff der Begriff der Einigkeit liege.

Das bedeutet, Gegensätze zuzukleistern, also Veränderungen abzuwehren. Der Dichter als Repräsentant eines ideologischen Ganzen, das war auch Hauptmanns Rolle in den folgenden Jahren. Premieren seiner Stücke, auch der neueren, waren weiterhin gesellschaftliche Ereignisse. Soweit er nicht die Wintermonate im angenehmen Italien verbrachte oder in seinem burgähnlichen Anwesen im schlesischen Agnetendorf arbeitete bzw. hofhielt, war er als Festredner gefragt. In der Frühphase der Weimarer Republik gab es Diskussionen, ob er ein geeigneter Nachfolger Friedrich Eberts sei. Ein Reichspräsident Gerhart Hauptmann? Sein öffentliches Dementi 1921, er werde niemals die ihm »angemessene literarische Wirksamkeit aufgeben und in das politische Leben eintreten«, beförderte noch die Diskussion.

Tatsächlich scheint Hauptmann zumindest zeitweise mit dem Gedanken an eine Kandidatur gespielt zu haben. Auch ihm selbst dürfte klar gewesen sein, dass seine wichtigsten Werke geschrieben waren und die aktuelle Produktion einen Nachtrag darstellte. Doch hatte er auch beobachten können, mit welch nervenaufreibenden Kleinigkeiten der politische Alltag angefüllt war. So blieb ihm die Rolle eines Dichterfürsten, und das Role model dafür war eben Goethe.

Eine physiognomische Ähnlichkeit erleichterte die entsprechende Bildpolitik, die sich in Abbildungen und mindestens einer Büste niederschlug. Harry Graf Kessler, der wache Beobachter von Kriegs- und Nachkriegszeit, notierte, dass Hauptmann ihm wie »›Goethe‹ aus einem Goethe-Film« vorkam. Und Hauptmann selbst wird sich in seiner Goethe-Festrede von 1932 eingangs durch Nähe zum Vorbild legitimieren: »ein starkes Bewusstsein von Goethes Wesen und Person, bedingt durch Heimatsgemeinschaft, Sprache, verwandte Art und verwandtes Bürgertum«.

Die Gedenkfeiern zum einhundertsten Jahrestag von Goethes Tod waren durch die zugespitzten politischen Konflikte der Zeit gekennzeichnet. Eine national ausgerichtete Germanistik nahm Goethe in den Dienst: Der Geistesgeschichtler Hermann August Korff etwa veröffentlichte seine Broschüre »Goethes deutsche Sendung«. Extremer noch war die völkische Publizistik eines Adolf Bartels (»Goethe der Deutsche«), die ebenfalls von der Napoleon-Verehrung des Dichters nichts wissen wollte. Das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer zitierte judenfeindliche Passagen aus Goethes Stück »Das Jahrmarktsfest von Plundersweilern« und verschwieg, dass es sich um Figurenrede handelte, nicht um die Meinung des Autors.

Neben dem nationalen oder sogar rassistischen Goethe gab es den liberalen, den protestantischen, den katholischen. Die Linkskurve, die Zeitschrift des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, gab dagegen ein Sonderheft heraus, um Goethe für das humanistische Erbe zu retten. Karl August Wittfogel analysierte das bürgerliche Goethe-Bild, wie es sich in den zahllosen Festveranstaltungen und -publikationen des Jahres 1932 manifestierte. Georg Lukács zeigte unter dem Titel »Der faschisierte Goethe«, wie nicht nur die offen völkischen Beiträge zum Erstarken der Rechten beitrugen, sondern auch religiöse Mystifizierungen; er zeigte auch die intellektuelle Armseligkeit linksliberaler und sozialdemokratischer Entgegnungen.

In diese Reihe gehörte zudem der Versuch, Goethe von staatlicher Seite für eine Beschwichtigungspolitik zu rekrutieren. In einer von Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Heinrich Brüning initiierten Erklärung heißt es, dass Goethe »alle Gegensätze der menschlichen Natur in sich trug und den leidenschaftlichen Zwiespalt zum befreienden Einklang brachte«. So mahne sein Geist zur »einträchtigen Überwindung selbstzerfleischenden Streites«.

Das entsprach ganz dem, was Hauptmann zehn Jahre zuvor zu Goethe als Verkörperung der Volksseele dargelegt hatte. Sein Name findet sich denn auch unter denen der zahlreichen Künstler, die den Aufruf unterstützten. Wie steht nun seine Goethe-Rede von 1932 in diesen Gegensätzen? Hauptmann, wie gesagt, identifiziert sich eingangs mit Goethe. Im folgenden schildert er, wie er in Goethes Weimarer Wohnhaus den Geist des Dichters spürte, und akzentuiert das Mittelalterlich-Irrationale, das sich bei sehr oberflächlicher Lektüre im »Faust« finden lässt. Auch so kann man Goethe jede historische Konkretion wegnehmen und ihn der Reaktion überlassen.

Die Vorteile des Ruhms

Freilich ist Hauptmanns Publikum nicht zuerst das deutsche. Von Ende Februar bis Mitte März 1932 reiste er durch die USA. Die erstmals am 1. März vorgetragene Goethe-Rede wurde zwar durch alle Radiosender der CBS übertragen und war in den ganzen USA zu empfangen, doch dürfte sie nur eine begrenzte Hörerschaft in Deutschland erreicht haben. Wiederholungen der Rede, eine Ehrenpromotion, die Eröffnung einer Gerhart-Hauptmann-Ausstellung an der Columbia-Universität, Empfänge beim Bürgermeister von New York, beim US-Präsidenten, bei weiteren Politikern, eine Kette von Galadiners bewiesen den Status, den Hauptmann genoss.

Gleich mit der Rückkehr ging es weiter. Nach der Ankunft in Bremerhaven erwartete ihn eine Willkommensfeier im Bremer Schauspielhaus (Ansprache unter dem Titel »Heimat ist ein Mysterium«). Eine Kette von Ehrungen zog sich bis zu Hauptmanns Geburtstag am 15. November: von der Verleihung der Goethe-Medaille des Goethe-Hauses Frankfurt über die Eröffnung einer Hauptmann-Ausstellung in Breslau, die Enthüllung eines Gedenksteins vor seinem Geburtshaus, zwei Ehrenbürgerschaften, eine Feier des PEN-Clubs Wien, ein Empfang beim tschechischen Staatspräsidenten, die Eröffnung einer Gerhart-Hauptmann-Schule, Empfänge bei diversen Magistraten; unzählige Festabende und Festaufführungen; nach dem Geburtstag noch eine Reise durch sechs rheinländische Städte, nach Zürich und München. Diese Aufstellung ist sehr unvollständig. Die Fülle der Veranstaltungen steht in einem auffälligen Missverhältnis zur Gedankenarmut der Ansprachen, soweit sie dokumentiert sind. Bildungsbürgertum und Politiker feierten sich selbst, während vor der Tür Straßenschlachten ausgekämpft wurden.

Für den 18. November war dann eine Festveranstaltung an der Berliner Universität angesetzt. In mancher Hinsicht wirkte sie wie eine Wiederholung der Feier zehn Jahre zuvor. So trat wieder Julius Petersen als Festredner auf. Doch einen wichtigen Unterschied gab es: Diesmal war die Studentenschaft Veranstalter. Hauptmann hatte Bedenken bekommen, ob er sich nicht durch seine Teilnahme parteipolitisch festlege – schließlich war die Deutsche Studentenschaft bereits vom Nationalsozialistischen Hochschulbund dominiert. Deshalb hatte sich Hauptmann an Adolf Grimme gewandt (wir kennen den schon: den machtlosen unter den beiden Ordensüberbringern am Geburtstag). Und der Sozialdemokrat hatte zugeraten: Die Studentenschaft als »Repräsentant des Geistes« bilde den fast einzigen »Überbrückungskredit« für die »Gesamtheit des Volkes«.

Hauptmann wurde skeptisch empfangen und mit Ovationen verabschiedet. Dazwischen lag eine Ansprache, die niemandem wehtat. Viel war die Rede vom »Florieren im Geist«, dem »Feuergeist eines Jungbrunnens«, von Idealismus und einem »geistigen Adel«, der »Vergeistigung des Führerinstinkts, nicht des Herdeninstinkts« bedeute, »und sei man auch nur sein eigener Führer«. Letzteres konnte als leise Distanzierung vom Faschismus verstanden werden, milderte jedoch nicht den Eindruck, man habe es mit einem Dichter zu tun, der die Bestrebungen des Studentenschaft wohlwollend betrachte.

Dieses Wohlwollen, das an Konflikte nicht rührt, ist überhaupt Merkmal des Redners Hauptmann. In New York sprach er über »die Epopöe von der Entdeckung Amerikas« und dabei über die »Besiedlung insonderheit der heute vereinigten Staaten von Nordamerika«, ohne mit einem Wort die Ureinwohner zu erwähnen. In der Goethe-Rede wenige Tage später benannte der Autor der »Weber« die Fortschritte der vorangegangenen hundert Jahre. Tausend Meilen, die man früher in rumpelnden Postkutschen habe zurücklegen müssen, »kosten uns heut eine wohlige Nacht im durchwärmten Schlafwagen«. Den Atlantik überquere man in fünf Tagen, »auf einem schwimmenden Hotel erster Ordnung verbracht«. Nichts gegen Luxus; aber das »wir«, das Hauptmann selbstverständlich setzt, hat nichts mit den Lebensbedingungen der großen Mehrheit mitten in der Weltwirtschaftskrise zu tun.

Der repräsentative Dichter, der vom Ruhm seiner frühen sozialkritischen Stücke zehrt, lässt sich nur allzu gern als Sprachrohr der herrschenden Klasse herumreichen. In die Dichterklasse der Preußischen Akademie der Künste trat er zwar nach einigem Sträuben 1928 ein; doch an seine Mitarbeit war nicht zu denken. Nur zweimal besuchte er die Akademie, nämlich zu den Feiern seines 70. und 75. Geburtstags. Stets lehnte er es ab, sich öffentlich gegen den immer mächtiger werdenden Faschismus zu wenden. Einen dringenden Brief Thomas Manns beantwortete er mit einem Hinweis auf sein Dasein als Künstler.

Im Faschismus

Hatte er für diese Zurückhaltung Dank zu erwarten? Den Winter 1932/33 verbrachte er, wie die in den Jahren zuvor, in Italien. Dies enthob ihn der Peinlichkeit, sich direkt an der Vertreibung fortschrittlicher Dichter aus der Akademie und dem Nachrücken völkischer Nichtskönner zu beteiligen. Doch fällt auf, dass Hauptmann seinen Aufenthalt im Frühjahr 1932 über die gewohnte Frist hinaus ausdehnte. Vermutlich war er unsicher, was er von dem neuen Regime zu erwarten hatte. Noch auf Capri erreichte ihn die Mitteilung, dass sich die Gerhart-Hauptmann-Oberrealschule in Breslau umbenennen wollte. Neuer Namenspatron wurde der Nazidichter Horst Wessel. Nachrichten von Freunden klangen indessen beruhigender.

Auf Italien folgte ein anderes Abseits, der ebenfalls seit Jahren übliche Sommeraufenthalt auf der Ostseeinsel Hiddensee. Hier las Hauptmann »Mein Kampf«. Er wertete das Buch als »sehr bedeutsame Hitler-Bibel«. Und bereits am 16. März hatte er eine von Gottfried Benn formulierte Erklärung unterzeichnet, die zu billige Voraussetzung für einen Verbleib in der Dichterakademie war: »den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage« nachzukommen. Die Belohnung für derlei Folgsamkeit zeigte sich im Herbst 1933. Die Uraufführung seines neuen Dramas »Die goldene Harfe« fand am 15. Oktober an den Münchner Kammerspielen statt, anlässlich eines »Tags der Deutschen Kunst«. Hauptmann zeigte sich bei der Premiere in Gesellschaft von Nazipolitikern, die Münchner Neuesten Nachrichten konnten vermelden, dass die Inszenierung »auf besondere Verfügung des Reichskanzlers Adolf Hitler« stattfinde.

Der Repräsentant war wieder einmal obenauf. Da konnte er auch sein unpolitisches Dichtertum vergessen. Zum 9. November erschien ein Bekenntnisartikel Hauptmanns, dessen Überschrift »Ich sage ›ja‹« zwar nicht von ihm gewählt wurde, aber die Sache traf. Am 19. November trat er neben dem Theaterfunktionär Otto Laubinger, der SS-Uniform trug, bei der Eröffnung der Reichskulturkammer auf und grüßte inmitten von Hakenkreuzfahnen mit erhobener Hand. Bei einer Versammlung deutscher »Kulturschaffender« am Folgetag traf er endlich Hitler persönlich. »Seltsames und schönes Auge«, notierte er.

Dennoch war der Status, den Hauptmann in der Weimarer Republik besaß, verloren. Die Feier seines 75. Geburtstags fiel recht bescheiden aus. Zwar warteten die wichtigsten Bühnen mit Hauptmann-Premieren auf. Auch reiste er durch einige Städte und gab die Akademie für ihn ein Festessen. Doch hielt er nur eine einzige wichtige Rede, eine Radioansprache »an die Deutschen in Übersee«. Hier verzichtete Hauptmann zwar auf allzu auffällige Naziphrasen, verlangte jedoch von »jedem Deutschen«, gleichgültig welcher Staatsbürgerschaft, »mit Mut, Gut und Blut« jederzeit zur Verteidigung des deutschen Vaterlands bereit zu sein.

Mit jüdischen Freunden blieb Hauptmann, so lange es ging, in Kontakt. Weshalb die plötzlich so missmutig wurden, da es doch mit Deutschland aufwärts ging, verstand er nicht. Manche seiner Besucher in Agnetendorf standen dem Widerstand nahe. Ebenso willkommen waren Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, und der sogar für Naziverhältnisse ob seiner Brutalität berüchtigte Gauleiter von Breslau, Karl Hanke.

Schmückte er sich mit den Mächtigen, schmückten die sich mit ihm? 1945 kümmerten sich sowjetische Offiziere um seinen Schutz. Im Oktober trug ihm Johannes R. Becher den Ehrenvorsitz des neugegründeten Kulturbundes an. Hauptmann antwortete: »Das ist mehr, als ich erwarten konnte. Ich stehe zur Verfügung.«

Niedergang einer Klasse

Sein Tod im Juni 1946 verhinderte eine weitere Karriere. Wie soll man ein solches Dasein bewerten? Er selbst hat die eine, die nationale Möglichkeit in einem Notat vom 8. Juli 1932 skizziert. Er blicke auf die »Rasereien meiner Landsleute«, auf die »hassblinden Parteimassen«, die sich wie Gladiatoren im Kolosseum zum Vergnügen von »blutdürstig blasierten Zuschauern einer verruchten Welt« zerfleischen. Deutschland aber dürfe der Welt kein solch beklagenswertes Schauspiel bieten, und deshalb solle der Dichter für die Einheit sorgen.

Die klassenanalytische Gegenposition hat Georg Lukács im Oktoberheft 1932 der Linkskurve formuliert. Er findet schon in der mangelnden Konsequenz der frühen Stücke die Grundlage für Hauptmanns spätere Flexibilität. »Das Scheitern am Allgemeinen«, so lautet eine Zwischenüberschrift. Hauptmann habe stets die Ideologie der liberalen Bourgeoisie vertreten. Mit deren schwindender Fähigkeit, Wirklichkeit angemessen wahrzunehmen, sei Hauptmann in die Bereiche von vorgeblicher Tiefe, Gläubigkeit, subjektiver Empfindelei abgeglitten. Sein Niedergang sei der seiner Klasse. »Er hat aber alles, was dieser Niedergang mit sich brachte, widerstandslos mitgemacht und sich damit als Dichter – freiwillig, ehrlich, aber vollständig – prostituiert und zugrunde gerichtet. Das scheint uns das Fazit des Falles Hauptmann zu sein.«

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 3./4. September über Lion Feuchtwangers Reisebericht »Moskau 1937«.

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  • Leserbrief von Arike aus Trier (19. November 2022 um 23:11 Uhr)
    Ich sehe gerade in der Verlängerung seiner Abwesenheit im Jahr 1932 deutlich die Bestätigung seiner Bewusstseinsauffassung zu sich selbst im Kontext zur Gesellschaft. Der Artikel war vorzüglich zu lesen. Danke an den Verfasser.
  • Leserbrief von Joán Ujházy (16. November 2022 um 20:26 Uhr)
    »Doch fällt auf, dass Hauptmann seinen Aufenthalt im Frühjahr 1932 über die gewohnte Frist hinaus ausdehnte. Vermutlich war er unsicher, was er von dem neuen Regime zu erwarten hatte.« Frage: Kann es sein, dass mit Frühjahr 1932 eher Frühjahr 1933 gemeint sein könnte? Denn im Frühjahr 1932 gab es noch kein »neues Regime«, von dem Hauptmann nicht wissen konnte, was von diesem zu erwarten ist.

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