3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. January 2023, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 15.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Prog-Rock

Die Sonne scheint

The Mars Volta lassen es nach zehn Jahren Pause auf ihrem neuen Album ruhiger angehen
Von Rouven Ahl
imago0100831824h.jpg
The Mars Volta: Sänger Cedric Bixler-Zavala und Gitarrist Omar Alfredo Rodriguez-Lopez im Berliner »Huxleys«

Fast 20 Jahre ist es her, dass The Mars Volta 2003 ihr brillantes Debütalbum »De-loused in the Comatorium« veröffentlichten. Einen derart furiosen Mix aus Prog, Jazz, latein­amerikanischer Musik nebst jeder Menge Genie und Wahnsinn hatte man bislang noch nicht gehört. Der Kreativität der beiden musikalischen Köpfe Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodríguez-López hatte es offenkundig sehr gutgetan, alte Zöpfe abzuschneiden: Ihre Post-Hardcoreband At the Drive-In hatten sie 2001 auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs aufgelöst. Zu Recht landete das Mars-Volta-Debüt auf zahlreichen Jahresbestenlisten ganz vorn.

Es folgten bis 2012 fünf weitere Alben, die den eingeschlagenen Weg weiterverfolgten. Hinter dem instrumentalen Wahnwitz verbarg sich dabei stets ein feines Gespür für Melodien, die einem nie ins Gesicht sprangen und »Hier bin ich!« schrien, sondern vom Hörer viel Aufmerksamkeit verlangten. Die Alben von The Mars Volta musste man sich erarbeiten. Was nicht jeder geschafft haben dürfte.

Ganz anders auf dem selbstbetitelten neuen Album, dem ersten seit »Noctourniquet« von 2012 und der vorübergehenden Auflösung der Band im Jahr darauf. Beim ersten Hören strömen luftige Popmelodien ins Ohr, die mit Latin-Sounds und Soulelementen angereichert sind. Eine Gediegenheit, wie gemacht für einen sonnigen Sonntag morgen, wenn beim Frühstück Lichtstrahlen durchs Fenster das Gesicht wärmen. »Easy like Sunday morning« oder so ähnlich.

Auch diesmal entfaltet sich die Komplexität dieser Musik erst beim mehrmaligen Hören, bei jedem weiteren Durchlauf fallen neue Facetten auf, die sich hinter den vordergründig so einfachen Melodien verbergen. Schon auf seinen zahlreichen Soloalben hatte der von der ständigen Suche nach neuen Sounds getriebene Gitarrist Rodríguez-López Versatzstücke von Jazz, Kraut oder Ambient miteinander gemischt.

So verstehen Bixler-Zavala und Rodríguez-López eben Popmusik: Viele komplexe Ideen werden schließlich in eingängige Tonfolgen umgewandelt. Dabei wird alles fast zwangsläufig kompakter: Nur zwei Songs knacken am Ende die Marke von vier Minuten. Die Zeit der Prog-Rock-Epen scheint erst mal vorbei.

»The Mars Volta« ist trotzdem kein Bruch mit seinen Vorgängern, sondern eine Reduktion auf das Wesentliche: kürzere Songs mit eingängigen Refrains. Die Stimme von Bixler-Zavala wirkt zärtlicher, mitunter sogar sexy. Das großartige »No Case Gain« sticht hervor. Oder »Shore Story«, das etwas von einem modernen R-’n’-B-Song hat. »Celuea« hingegen mutet gar balladesk an.

Wer The Mars Volta vor allem wegen ihrer wilden musikalischen Ausbrüche mochte, dürfte mit dem neuen Album nicht glücklich werden. Was hier so fokussiert und relaxt daherkommt, ist Gralshütern bestimmt zu zahnlos. Alle anderen können sich über ein gutes Artpop-Album freuen.

The Mars Volta: »The Mars Volta« (Clouds Hill/Warner)

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Mehr aus: Feuilleton

Startseite Probeabo