3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Wednesday, 8. February 2023, Nr. 33
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 15.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Konzert

Man hörte ein Ganzes

Der Pianist Alexander Melnikov spielte Schostakowitschs Präludien und Fugen im Pierre-Boulez-Saal
Von Kai Köhler
imago0054240351h Kopie.jpg
Warten auf die Premiere: Dmitri Schostakowitsch (1962)

Als 1950 in Leipzig der 200. Todestag Johann Sebastian Bachs begangen wurde, reiste als Kulturbotschafter Dmitri Schostakowitsch an. In einer Ansprache hob er die »tiefe Strenge« und »realistische Objektivität« der Bachschen Fugen hervor. In den folgenden Monaten schrieb er ein umfangreiches Klavierwerk: 24 Präludien und Fugen op. 87, die an Bachs »Wohltemperiertes Klavier« anschließen.

Je ein Paar für jede der Tonarten mit dem Ziel, das Ganze in der zur jeweiligen Zeit möglichen Ausdrucksform zu komponieren: ein hoher Anspruch. Der Weg einfacher Nachahmung war Schostakowitsch versperrt. Er musste, ausgehend vom musikalischen Stand seiner Zeit, eigene Lösungen finden. Tatsächlich ist seine Harmonik viel beweglicher als die Bachs. Musikstücke des frühen 18. Jahrhunderts blieben in der Stimmung, in der sie ansetzten. Ein Komponist Mitte des 20. Jahrhunderts konnte auf die Entwicklungsdramaturgie zurückblicken, die seit Haydn und Beethoven vorherrschte. Manche Fugen Schostakowitschs enthalten radikale Umschläge, die Bach sinnlos erschienen wären.

Kämpferisches Aufbegehren

Auch galt es, eine Musik für die eigene Gesellschaft zu komponieren. Ein Blick auf die Anordnung der Tonarten ist instruktiv. Bei Bach folgt auf das Werkpaar in C-Dur das in c-Moll usw., in Halbtonschritten aufwärts. Schostakowitsch orientierte sich am Quintenzirkel: Nach C-Dur kommen das parallele a-Moll, dann G-Dur und e-Moll. Eine Äußerlichkeit? Ein weiterer Traditionsbezug. Und zwar weniger auf Chopins 24 Préludes op. 28 als auf die 24 Präludien für Klavier, die Schostakowitschs Komponistenkollege Dmitri Kabalewski 1943/44 geschrieben hatte. Werke von Trauer, von kämpferischem Aufbegehren, mit folkloristischen Anspielungen, um die Widerstandskraft der Sowjetvölker zu bezeichnen.

Auch Schostakowitschs Zyklus beginnt und endet mit einem Hinweis auf den Krieg. In der Nr. 1 C-Dur wie der Nr. 24 d-Moll zitiert er seine 7. Sinfonie »An die Stadt Leningrad«, mit der er 1941 die Verteidigung gestärkt hatte. Die Spanne zwischen diesen Eckpfeilern ist komplizierter auszumessen als bei Kabalewski. Der äußere Feind war besiegt, die künftige innere Ordnung ungewiss. 1948 waren in einem allzu dogmatischen ZK-Beschluss fast alle wichtigen sowjetischen Komponisten des Formalismus beschuldigt worden. Das traf auch Schostakowitsch. Sein Klavierzyklus ist aber nirgends nachgiebig und wurde – trotz mancher Einwände aus dem Komponistenverband – im Dezember 1952 uraufgeführt, noch vor Stalins Tod.

Melnikovs klares Spiel

Handelt es sich überhaupt um einen Zyklus? Als Pianist hat Schostakowitsch einzelne Stücke eingespielt. Alexander Melnikov dagegen besteht auf Werkeinheit und hat im Berliner Pierre-Boulez-Saal in einem mehr als dreistündigen Konzert mit zwei Pausen alle Präludien und Fugen gespielt. Praktisch ist das anspruchsvoll. Nach der zweiten Pause blieben manche Plätze leer. Ästhetisch aber ist es unbedingt richtig. Nur so wird die Verklammerung von Anfang und Ende klar, nur so tragen die Einzelteile zum Ganzen bei: wie nach der Kriegskatastrophe zu leben geht.

Melnikov machte jede Stimme beispielhaft hörbar. Tanzcharaktere arbeitete er heraus, ohne sie effektheischend zu überziehen. Ausdruck und nötige Virtuosität verselbständigten sich nie. Ein forderndes Stück wie die Fuge Nr. 15 in Des-Dur wurde weder Showpiece noch bloßes Horrorstück, sondern erschreckte gerade in seiner Klarheit. Den Gestus des Überhasteten, stets der Katastrophe Nahen vermittelte Melnikov kontrolliert und dadurch um so überzeugender.

Dasselbe gilt für die Übergänge. Die meisten einzelnen Stücke bei Schostakowitsch sind weniger geschlossen als bei Bach. Die Verknüpfung der Stücke indessen ist viel enger. Mehrfach sind Präludium und Fuge aus denselben Themen entwickelt oder gibt es mindestens einen gemeinsamen Themenkopf. Sogar Verbindungen von einer Fuge zum Präludium in der nächsten Tonart. Melnikovs klares Spiel vermittelte das, ohne im Ausdruck nachzulassen, unmissverständlich. Man hörte ein Ganzes, das eine Gesellschaft in den Konflikten der Nachkriegszeit bezeichnet, und es ist kaum vorstellbar, wie man es besser hätte hören können.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • 19.10.2022

    Schlüssel zum Urteil

    Kai Köhler erschließt die Klassische Musik
  • Musik zum Stummfilm »Das neue Babylon« (1929): Babylon-Orchester...
    29.03.2022

    Was der Komponist wollte

    Eine Veranstaltungsreihe zu Schostakowitsch am Konzerthaus Berlin und verschiedene Antworten
  • Christoph Eschenbach dirigiert
    22.03.2022

    Krieg und Kitsch

    »Hommage an Dmitri Schostakowitsch«: Ein denkwürdiger Abend im Konzerthaus Berlin

Mehr aus: Feuilleton

Startseite Probeabo