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Aus: Ausgabe vom 15.11.2022, Seite 5 / Inland
Hochschulpolitik

Weg von der Uni

In Nordrhein-Westfalen wird das Promotionsrecht ausgeweitet. Doktorgrad an Fachhochschulen möglich
Von David Bieber
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In der Fachhochschule für Architektur in der Bauhaus-Stadt Dessau (o. D.)

Manch einen mag die von Fachhochschulen gern betonte Praxisnähe und Anwendungsorientierung zum Studium angezogen haben. Promovieren konnte man bislang an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), wie die Fachhochschulen früher offiziell hießen, nicht. Dafür musste der »Umweg« über eine Kooperation mit einer Universität genommen werden, denn bisher war eine Promotion für Studierende von Fachhochschulen nur in einer solchen Zusammenarbeit möglich. Nun wird das Promotionsrecht in Nordrhein-Westfalen (NRW) ausgeweitet.

Erstmals dürfen dann auch die 21 Fachhochschulen im Bundesland eigenständig
Doktorgrade an den wissenschaftlichen Nachwuchs verteilen. Weiterhin können sie nicht selbst Promotionen abnehmen, sondern entsenden den wissenschaftlichen Nachwuchs an das gemeinsame Promotionskolleg für angewandte Forschung der Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen (PK NRW) nach Bochum. Von NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) erhält dieses am Donnerstag offiziell das Promotionsrecht, womit das hochschulübergreifende Kolleg eigene Promotionsverfahren anbieten und durchführen kann.

Das Promotionsnetzwerk wolle Absolventinnen und Absolventen der HAW und Universitäten vor allem im Bereich anwendungsorientierter Forschung Qualifizierungsmöglichkeiten bieten, heißt es auf der PK-Internetseite. Man freue sich auf die Verleihung des Promotionsrechts, erklärte Martin Sternberg, Vorstandsvorsitzender des Promotionskollegs NRW, in einer Mitteilung. Das PK und die HAW würden sich in Nordrhein-Westfalen strukturell weiterentwickeln und »neue Impulse für die angewandte Forschung und die Bildungsgerechtigkeit liefern«.

Das Promotionsrecht wird unbefristet verliehen, nach acht bis zehn Jahren sei indes eine wissenschaftliche Begutachtung des Promotionskollegs vorgesehen, heißt es aus dem NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Das Promotionskolleg biete eine den Universitäten wissenschaftlich gleichwertige Umgebung zu Qualifizierung wissenschaftlichen Nachwuchses, hatte der Wissenschaftsrat im Juli geurteilt. Das Promotionsrecht sei aus Sicht des Ministeriums zudem ein Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit für Absolventinnen und Absolventen der HAW.

Die Fachhochschulen könnten dadurch bei der Promotion aus der Rolle des Bittstellers gegenüber Universitäten heraustreten und unabhängig werden. Künftig dürfte es den HAW besser als bisher gelingen, für eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs zu sorgen. Möglicherweise interessieren sich auch künftige Universitätsabsolventen für diesen Weg. Allerdings: Über die künftigen Arbeitsbedingungen der angehenden Wissenschaftler ist mit dem neuen Promotionsrecht noch nichts gesagt.

Skeptischer sieht man die Entwicklung erwartungsgemäß an den Universitäten im Land, die nun ihr Alleinstellungsmerkmal und elitäres Privileg verlieren. »Eine Gefahr liegt sicher darin, dass den HAW insgesamt empfohlen wurde, den Anwendungsbezug in den Vordergrund zu stellen«, sagte der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz NRW, Johannes Wessels, in einem Bericht der WAZ. Das stehe mindestens in Teilen in Konkurrenz zu den grundsätzlichen Ansprüchen an eine Promotion. »Was auf keinen Fall passieren darf, dass auch in der öffentlichen Wahrnehmung die Promotionsphase zur dritten Stufe des Bologna-Prozesses nach Bachelor und Master verkommt«, erklärte Wessel. Die Promotion sei keine simple Ausbildungsqualifikation, sondern »die erste selbstständige wissenschaftliche Arbeit«. Man befürworte nach wie vor die kooperative Promotion und stehe dafür selbstverständlich weiter zur Verfügung.

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