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Aus: Ausgabe vom 14.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Leuchtendes Beispiel des Tages: Kanzleramt

Von Michael Merz
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Von einem Palast lässt sich in Bezug auf Olaf Scholzens Amtssitz nun wirklich nicht reden. Ganz im Gegenteil: Das Kanzleramt, das Helmut Kohl einst dem Berliner Regierungsviertel hinterlassen hat, ist von ausgesprochener Hässlichkeit. Unter dem Motto »Masse statt Klasse« folgte es schon früh dem heutigen Anspruch der deutschen Automobilindustrie, der überdimensionierte Größe als einziges Kriterium hat. Das Gebäude mit dem Charme einer Notaufnahme – mit 25.347 Quadratmeter Nutzfläche größte Regierungszen­trale der westlichen Welt, etwa achtmal größer als das Weiße Haus – muss natürlich repräsentieren, und das auch bei Nacht. Das neuerdings geltende Beleuchtungsverbot von »Nichtwohngebäuden und Baudenkmälern« gilt hier offenbar nicht, und der Klotz erstrahlt weiter rund um die Uhr wie im Speerschen Lichtdom. Aus Gründen der »Verkehrssicherheit«, erklärte das Kanzleramt jetzt gegenüber der Welt am Sonntag. Christian Leye von der Linksfraktion fragte berechtigterweise: »Haben die Angst, dass ein Pkw-Fahrer das Bundeskanzleramt übersieht?« Schwer möglich, viel Verkehr gibt’s nicht rund um den Sitz des Kanzlers.

Aber für den Regierungschef gelten nun mal die eigenen Gesetze nicht. Und er will zeigen, was er hat, wie mit dem geplanten Erweiterungsbau seines Amtes. Dem Größenwahn sind da keine Grenzen gesetzt. Laut Medienberichten von September ist man bei Kosten von 777 Millionen Euro angelangt – für einen riesigen Komplex mit 400 Büros, der da angeflanscht werden soll, und für den 200 Bäume abgeholzt werden. Ob Scholz allerdings von der geplanten zweiten Kanzlerwohnung mit sage und schreibe 250 Quadratmetern – in Berlin-Mitte! – etwas haben wird, steht noch in den Sternen der nächsten Bundestagswahl. Sei es, wie es sei: Schöner wird sie nicht, die Bundeswaschmaschine.

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