75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Thursday, 1. December 2022, Nr. 280
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 14.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Westen täuscht vor

ASEAN-Gipfel in Phnom Penh
Von Jörg Kronauer
2022-11-12T105503Z_1504035548_RC2AKX9IH3ZN_RBIDEN.JPG

Dreierlei kann man nach dem ASEAN-Gipfelreigen Ende vergangener Woche festhalten. Der erste und wohl wichtigste Punkt: Die Staaten Südostasiens sind nach wie vor nicht bereit, sich in den Machtkämpfen des Westens gegen Russland und China auf eine Seite zu schlagen. Sie sprechen sich zwar seit je entschieden dagegen aus, die Souveränität und die territoriale Integrität von Staaten zu verletzen, nehmen jedoch – Ausnahme: Singapur – bis heute nicht an den transatlantischen Russland-Sanktionen teil. Was ihre Haltung zu China anbelangt, ist in Phnom Penh mit starkem Interesse vermerkt worden, dass vor zwei Wochen Nguyen Phu Trong, Generalsekretär der KP Vietnams, Beijing besuchte und sich für gedeihliche Zusammenarbeit aussprach. Vietnam ist eines der Länder, deren traditionelle Rivalität mit China sich die Vereinigten Staaten gerne zunutze machen würden. Hanoi hat nun mit Trongs Aufenthalt in dem nördlichen Nachbarland klargestellt: Sich von Washington gegen Beijing einspannen zu lassen – dazu ist es nicht bereit.

Zweitens zeigt sich: Die Vereinigten Staaten treten in Südostasien mit großspurigem Gehabe auf, das allerdings Interesse und Stärke mehr vortäuscht als beweist. Ein Beispiel: China wird sein Freihandelsabkommen mit der ASEAN intensivieren. Die USA, aufgrund – berechtigter – innerer Widerstände nicht zu einem Ausbau ihres Freihandelsnetzes in der Lage, versuchen es mit einem alternativen Handelsvertrag (Indo-Pacific Economic Framework, IPEF), der aber Chinas weiter wachsenden Wirtschaftseinfluss in Südostasien kaum abbremsen können wird. Dass US-Präsident Joseph Biden Ende dieser Woche das wichtige Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) in Bangkok schwänzen will, nehmen ihm viele in der Region übel: Der US-Präsident misst seiner Anwesenheit bei der Hochzeit seiner Enkelin größeres Gewicht bei als seiner Präsenz bei zentralen Weichenstellungen in der Asien-Pazifik-Region. Das spricht aus südostasiatischer Sicht Bände. Nicht wirklich besser wurden die Dinge, als Biden am Wochenende Kambodschas Regierungschef Hun Sen als »Premierminister Kolumbiens« ansprach.

Drittens schließlich fiel in den vergangenen Tagen auf, wer in Phnom Penh nicht vertreten war, als sich dort Repräsentanten großer Mächte und einflussreicher Pazifikanrainer von den USA über China, Russland und Indien bis zu Japan und Korea die Klinke in die Hand gaben: die Bundesrepublik und die EU. Das absteigende Europa, dessen Eliten sich vielleicht mehr denn je als Avantgarde des globalen Fortschritts fühlen, ist dort, wo künftig die Musik der Weltwirtschaft und der Weltpolitik spielt, bei einem mehrtägigen Gipfelreigen nicht präsent. Es stimmt: Die EU wird im Dezember ihr eigenes Gipfeltreffen mit der ASEAN haben; Kanzler Olaf Scholz verhandelte am Sonntag in Vietnam und führt heute in Singapur Gespräche. In Phnom Penh aber konnte man anderes wahrnehmen: das Marginalwerden Europas, das sich noch stark mit Belehrungen hervortut, aber immer weniger mit realer Präsenz.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (14. November 2022 um 15:39 Uhr)
    Wenn man berücksichtigt, wer auf dem ersten Stuhl des Außenamtes und des Wirtschaftsministeriums sitzt, dann ist die fehlende Präsenz der BRD in Südostasien nachvollziehbar. Die beiden Fehlbesetzungen sollten wohl keine Gelegenheit erhalten, dieses Land noch mehr zu blamieren, als es der Scholzomat bereits getan hat. Hat der doch den vietnamesischen Präsidenten zur Verurteilung Russlands aufgefordert und das mit der Bedrohung größerer Länder gegenüber kleineren begründet. Er vergaß dabei selbstverständlich, dass die BRD genau dieses unterlassen hat, als die USA das kleine Vietnam überfallen, in die Steinzeit zurückgebombt und seine Bewohner mit Agent Orange vergiftet hat, das darüber hinaus auch noch mit der deutschen Firma Bayer produziert wurde. Kann man sich als deutscher Kanzler noch mehr blamieren und als peinlicher Oberlehrer in die Geschichte eingehen?
    • Leserbrief von Rainer Robert Klee aus Bad Kreuznach (21. November 2022 um 18:22 Uhr)
      1. Laut meinen Informationen aus diplomatischen vietnamesischen Kreisen wurde in Hanoi der BRD-Kanzler empfangen und auch so bezeichnet. Die untergegangene DDR wurde im Nebensatz erwähnt! 2. Agent Orange wurde in den USA hergestellt. Wichtige Komponenten dafür nicht bei Bayer, sondern bei Böhringer Ingelheim. Geschäftsführer und Wissender von den Einsatzbedingungen von Agent Orange war der spätere Bundespräsident der BRD Richard von Weizsäcker! 3. Der Stadtrat von Ingelheim hat damals nach harter Diskussion zugestimmt, um die Gewerbesteuern zu bekommen, die noch heute im Überfluss quellen!
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (14. November 2022 um 11:11 Uhr)
    Der richtige Titel wäre: »Im Namen des Westens täuscht Biden vor«. Lawrow und Biden nahmen auf dem Gipfel nur als Gäste teil. Im Ringen um ihren Einfluss in Asien hofierten beide bloß die ASEAN-Staaten. Die USA beabsichtigen »die Militarisierung dieser Region mit einem offensichtlichen Fokus auf der Eindämmung Chinas und der Eindämmung russischer Wirtschaftsinteressen im Asien-Pazifik-Raum«. Russland will als Reaktion auf die westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Kriegs die Beziehungen nach Asien ausbauen. Die Gäste sind also mit stark konträren Positionen angetreten und wirken eher als Störfaktoren. Der indonesische Präsident Joko Widodo, der im kommenden Jahr die ASEAN-Treffen ausrichten wird, warnte aber auch, dass die Region mit Blick auf die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China zwischen die Fronten geraten könnte. Die ASEAN müsse eine friedliche Region und Anker für globale Wirtschaftsstabilität und Wachstum bleiben, das ist das Mindestziel!

Ähnliche:

  • »Strategische Partner«: Chinas Ministerpräsident Li Keqiang (M.)...
    12.11.2022

    Kampf um Einfluss

    ASEAN-Gipfel: China und südostasiatische Staaten weiten Wirtschaftsbeziehungen aus. USA wollen dagegenhalten
  • Die USA geraten in der Region ins Hintertreffen. Außenminister A...
    16.12.2021

    Von Washington umworben

    US-Außenminister auf Südostasienreise: Angriffe auf Beijing und Versprechungen. China und Russland aus Region jedoch nicht wegzudenken

Mehr aus: Ansichten

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk