3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Dienstag, 31. Januar 2023, Nr. 26
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro

Vom Zweck des Gaskriegs

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
Lucas_Zeise_Logo.png

Unsere allseits hochgelobte Außenministerin Annalena Baerbock hatte erst vor einer Woche die Außenministerinnen und Außenminister der G7-Staaten nach Münster, eine der beiden Städte des Westfälischen Friedens, geladen und mit ihnen beschlossen, dass die versammelten Mächte des Westens Russland weiter ruinieren oder, wie es im Kommuniqué hieß, »wirtschaftliche Kosten auferlegen« wollen. Auch Japans Außenminister Yoshimasa Hayashi unterschrieb diesen Text. Und nun stellt sich folgendes heraus: Nur wenige Stunden vor der Erklärung der G7-Außenminister hatte die japanische Öl- und Gasentwicklungsgesellschaft Sodeco Russland gebeten, sich weiter an dem Erdölprojekt »Sachalin I« beteiligen zu dürfen, also die Sanktionen zu unterlaufen.

Sachalin ist die große russische Insel unmittelbar nördlich der japanischen Hokkaido. Seit 2005 wird vor der Nordostküste Sachalins Öl gefördert und zu großen Teilen nach Japan exportiert. Geführt wurde das Projekt von dem US-Ölgiganten Exxon (Anteil 30 Prozent). Die halbstaatliche japanische hielt auch 30, die russische Staatsgesellschaft 20 Prozent. Exxon hatte sich nach den Sanktionsbeschlüssen des Westens aus dem Projekt zurückgezogen, weshalb es vom russischen Staat direkt übernommen wurde. Wir haben es also mit einer direkten Kooperation des russischen und japanischen Staates bei der sanktionierten Ölförderung zu tun. Als Beispiel für ähnlich skandalös friedfertiges Verhalten fällt einem da nur die Kooperation der USA mit Russland bei der Raumstation ISS ein.

Oder aber ein weiterer japanischer Sachalinfall: Schon im Sommer dieses Jahres hatte die japanische Regierung die Gaslieferverträge mit Russland von der Insel Sachalin erneuert und dafür auch die Erlaubnis, sogar das Verständnis des großen Partners USA und der anderen G7-Staaten erhalten. Das Gas aus Sachalin deckt etwa neun bis zehn Prozent aller Gasimporte Japans ab. Die russische Regierung hatte im Juni angekündigt, dass alle Anteile an der Betreibergesellschaft »Sachalin 2« auf eine neue Gesellschaft nach russischem Recht und mit Sitz in Russland übertragen werden müssen. Das bisherige Betreiberkonsortium residierte rechtlich in der Steueroase der Bermudas. Es bestand aus der russischen Staatsgesellschaft Gasprom (50 Prozent plus eine Aktie), den beiden traditionsreichen japanischen Handelshäusern Mitsui & Co. (12,5 Prozent) und Mitsubishi Corp. (zehn Prozent) sowie dem derzeit drittgrößten Ölkonzern der Welt, Shell (27,5 Prozent).

Genug der Details. Es muss festgestellt werden, dass hier das Sanktionsregime des solidarischen Westens unterlaufen wird. So kann aus dem Plan nichts werden, Russland zu ruinieren. Noch eine andere Schlussfolgerung liegt nahe: Vielleicht haben ja doch diejenigen recht, die behaupten, der Wirtschaftskrieg gegen Russland habe den vorrangigen Zweck, den europäischen Markt für den aus den USA stammenden teuren Frackingstoff zu öffnen. Demnächst lösen die USA Russland nicht nur als wichtigsten Energielieferanten ab, sondern nehmen für den EU-Gasmarkt mit einem Importvolumen von 40 Prozent dieselbe dominante Rolle ein wie Russland vor dem Ukraine-Krieg.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Klaus-Jürgen Hügel aus Kehl (14. November 2022 um 12:46 Uhr)
    Lucas Zeise zeigt, dass sogar G7-Staaten nationale Interessen nicht völlig ignorieren, Sanktionen hin oder her. Anderen »wirtschaftliche Kosten auferlegen« ist kein Monopol der G7-Staaten mehr. Ob Annalena Baerbock dies nicht erkennt oder nur so tut als ob oder den Auftrag erfüllt, die Sanktionspropaganda strikt zu vertreten, wird vermutlich nicht zu klären sein.
    Baerbock ist die zweite grüne Außenministerin in der zweiten Bundesregierung mit Beteiligung der Grünen. Sie steht nach eigener Aussage »auf den Schultern« der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright, wie seinerzeit Serbien- und Kosovo-Krieger Joseph Fischer. Grüne US-U-Boote scheinen bevorzugt im Außenministerium aufzutauchen.

Ähnliche:

  • Einem Gas- oder Ölboykott Russlands wurden »schädliche Auswirkun...
    06.09.2022

    Alle Fragen offen

    »Ölpreisdeckel«-Beschluss der G7 ist nur eine Absichtserklärung. Kritik europäischer Schiffsversicherer
  • Außergewöhnlich hoch: Der Preis für ein Barrel Brent lag am Donn...
    08.07.2022

    Pokern ohne As im Ärmel

    Der Öl- und Gasmarkt hat keine Reserven. Aber westliche Politiker und Linke-Spitze träumen von einem Käuferkartell

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Startseite Probeabo