75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 3. / 4. Dezember 2022, Nr. 282
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 12.11.2022, Seite 1 / Ausland
Krieg in der Ukraine

Russland räumt Cherson

Truppen verlassen Stadt und sprengen Hauptbrücke. US-Stabschef Milley für Verhandlungen
Von Reinhard Lauterbach
imago0193548541h Kopie.jpg
Ein ausgebranntes Auto in einem Dorf nahe Cherson (Iwaniwka, 9.11.2022)

In der Ukraine haben russische Truppen die Stadt Cherson in der Nacht zum Freitag aufgegeben. Russische Korrespondenten veröffentlichten Videos, auf denen Radfahrzeuge in langsamem Tempo über die beschädigte Antonow-Brücke aus der Stadt rollten. Schwereres Gerät sei mit Fähren über den Dnipro gebracht worden. Es kam offenbar zu keinen Angriffen von ukrainischer Seite. Nach dem Abzug sprengten die russischen Truppen die vierspurige Autobahnbrücke. Am Vormittag begannen ukrainische Truppen in die Stadt einzudringen. An öffentlichen Gebäuden wurden blau-gelbe Fahnen gehisst, Bewohner begrüßten die Soldaten. Die offiziellen Stellungnahmen aus Russland sind nach wie vor wortkarg. Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte nur die Tatsache des Abzugs und erklärte, es bleibe dabei, dass das Gebiet Cherson ein Teil Russlands sei. Für alle weiteren Fragen verwies er an das Verteidigungsressort.

In der Nacht gab es offenbar weitere russische Angriffe auf Ziele der Energieversorgung in Kiew und anderen Teilen der Zentralukraine. In der Hauptstadt wurden die geplanten Stromabschaltungen am Morgen durch Notabschaltungen ersetzt. Mittags gab es weiterhin keinen Strom, allerdings wieder »planmäßig«. Sollte sich die Energieversorgung in Kiew weiter verschlechtern und damit insbesondere auch die Wasserversorgung ausfallen, schließt die Stadtverwaltung unter Witali Klitschko auch eine völlige Evakuierung der Dreimillionenstadt nicht aus.

Unterdessen sprach sich der Stabschef der US-Streitkräfte, General Mark Milley, für Verhandlungen über einen Waffenstillstand aus. Bei einer Veranstaltung in New York warnte er am Donnerstag vor einem Szenario wie im Ersten Weltkrieg mit Grabenkämpfen ohne strategische Entscheidungen, aber mit Millionen »sinnloser Toter«. Er erklärte, beide Seiten hätten jeweils etwa 100.000 Soldaten durch Tod oder Verwundung verloren, dazu kämen 40.000 getötete ukrainische Zivilisten. Die offizielle Linie des Weißen Hauses lautet, die Entscheidung über Verhandlungen Kiew zu überlassen.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (14. November 2022 um 10:38 Uhr)
    Russland vollzog den Abzug seiner Truppen aus der Westuferseite des Dnjepr und gibt sogar die Bezirkshauptstadt Cherson auf, was der Kreml als ein Teil Russlands betrachtet!?! Es ist kaum zu glauben, dass die russischen Truppen die Stadt einfach so aufgeben, obwohl die Russen auch schon Moskau für Napoleon vorübergehend geopfert haben. Die Militärstrategen in Russland denken in westlichen Maßstab und nicht »rationell« – und sorgen damit immer für Kopfzerbrechen. Für Moskau ist strategisch von größter Bedeutung der Kachowka-Staudamm am Dnjepr, der die Halbinsel Krim mit Wasser versorgt. Darum betrachte ich die mit ihren ukrainischen Bewohnern zurückgelassene Stadt Cherson als Bauernopfer, für die Sicherheit des Staudammes, damit dieser von der Ukraine nicht gesprengt werden kann.

Mehr aus: Ausland

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk