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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 15 / Feminismus
Buchrezension

Einsatz unter widrigsten Umständen

Nina Bakman über fünf Psychoanalytikerinnen der Generation nach Freud
Von Christiana Puschak
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Anfangs waren Frauen in der psychoanalytischen Bewegung vor allem als Patientinnen dabei

Frauen haben in der psychoanalytischen Bewegung erst mit der Zeit an Bedeutung gewonnen, waren aber von Anfang an dabei – in der Frühzeit zumeist als Patientinnen. Die ersten namentlich bekannten Psychoanalytikerinnen waren Lou Andreas-Salomé, Anna Freud, Helene Deutsch und Karen Horney.

Jetzt hat die Schweizer Psychoanalytikerin Nina Bakman ein Buch geschrieben, in dem sie Lebens- und Berufswege von fünf Analytikerinnen der Zeit nach Sigmund Freud (1856–1939) nachzeichnet. Diese, so die Autorin, stehen exemplarisch für eine Generation von Psychoanalytikerinnen, für die weder Ausbildung noch Beruf selbstverständlich waren. Was sie miteinander verbindet, ist ihr Engagement für die Psychoanalyse unter widrigsten historischen Umständen, ihr Einsatz für Mädchen und Frauen sowie ihr Kampf um Anerkennung.

Zunächst wäre Grete Bibring (1899–1977) zu nennen. Während ihres Medizinstudiums gründete sie mit anderen Studierenden, unter ihnen Wilhelm Reich, das »Wiener Seminar für Sexuologie«. Nach ihrer Promotion arbeitete sie am psychoanalytischen Ambulatorium, das eine Vorreiterrolle in der psychotherapeutischen Versorgung im Wien der Zwischenkriegszeit einnahm und Mittellosen Behandlungen anbot. Gleichzeitig hielt sie Vorträge über »die nervöse Frau« und richtete fortan ihren Fokus auf die Psychologie der Frau sowie auf die psychosexuelle Entwicklung von Mädchen. Im Exil in Boston trug sie mit einer Langzeitstudie zu einem besseren Verständnis von Krisen während der Schwangerschaft bei. Frauenspezifischen sowie jenen der weiblichen Erziehung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie galt zeitlebens ihr Interesse. Schade nur, dass Bakman die Frage nach Bibrings Aktualität weitgehend offen lässt.

Erfreulich dagegen, dass die Verfasserin Grete Obernik (1909–1989) würdigt. Sie gehörte dem »Klub jüdischer Frauen und Mädchen« an, einem von Frauen geschaffenen kulturellen Netzwerk in Prag. Und sie war Anhängerin der psychoanalytisch orientierten Reformpädagogik Siegfried Bernfelds, der Marxismus und Psychoanalyse zu verbinden suchte. Obernik ist, wie Bakman zutreffend schreibt, »eine Repräsentantin jener Frauengeneration, die aufgrund der sozialen Verhältnisse keine anerkannte professionelle Ausbildung machte«, aber nichtsdestotrotz »mit ihrer Arbeit eine bedeutende Rolle in der Verbreitung der Psychoanalyse in der Pädagogik« spielte.

Gemäß Freuds Motto, dass man die Psychoanalyse immer noch am besten versteht, wenn man ihre Entwicklung verfolgt, ist zu begrüßen, dass der zuweilen konfliktreiche Weg Fanny Lowtzkys (1873–1965), der Pionierin psychoanalytischer Anfänge in der Pädagogik in Palästina, von Bakman aufschlussreich skizziert wird.

Welchen Stellenwert die Psychoanalyse für die Pädagogik erlangte, lässt sich an dem Kapitel über die in New York geborene Eva Rosenfeld (1892–1977) ablesen. Bereits als 15jährige unterrichtete Rosenfeld Mädchen aus der Arbeiterklasse in Berlin. Später gründete sie zusammen mit Dorothy Burlingham und Anna Freud die Wiener »Hietzing-Schule« für Mädchen in Not, die psychoanalytisches Denken in einen pädagogischen Kontext zu bringen suchte, als Versuch einer Erziehung zur Realität ohne soziale Anpassung.

Eine besondere Rolle nahm die in England geborene Joan Riviere (1883–1962) ein. Nach dem Tod ihres Vaters erlitt die 16jährig einen psychischen Zusammenbruch, dem häufige Erkrankungen mit Sanatoriumsaufenthalten folgten. Bei einem längeren Aufenthalt in Gotha lernte sie so gut Deutsch, dass sie als ausgebildete Psychoanalytikerin schwierige Texte übersetzen konnte. Texte von Freud übertrug sie kreativ aus dem Deutschen ins Englische. Und sie kämpfte für das Frauenstimmrecht, für eine Scheidungsreform und verkehrte mit Intellektuellen aus dem »Bloomsbury-Kreis« um Virginia Woolf. Zu ihren Arbeiten zählen die heute noch aktuellen Texte »Eifersucht als Abwehrmechanismus« sowie vor allem »Weiblichkeit als Maske«, über die »Schutzmaske, die Frauen aufsetzen müssen, um sich in einer männlichen Berufswelt zu behaupten«.

Beeindruckend und verständlich geschrieben, hätte der Einsatz der vorgestellten Frauen für frauenspezifische Anliegen im damals männlich geprägten Psychologiebetrieb von Bakman jedoch noch stärker herausgearbeitet werden können.

Nina Bakman: Fünf Psychoanalytikerinnen, Frauen in der Generation nach Sigmund Freud, Gießen 2022, 149 Seiten, 22,90 Euro

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