75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 30. November 2022, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 12 / Geschichte
Kalter Krieg

Zerstörerische Weltpolitik

Vorabdruck.Schlaglichter der imperialistischen Praxis der USA in den Zeiten des Kalten Krieges
Von Vijay Prashad
12-13.jpg
Mit US-amerikanischer Hilfe wurden im südkoreanischen Kwangju 1980 Tausende Menschen ermordet, die sich gegen die Militärdiktatur auflehnten

In den kommenden Tagen erscheint im Kasseler Mangroven-Verlag die deutsche Übersetzung von »Washington Bullets«. Darin stellt Vijay Prashad heraus, wie die USA seit 1945 im globalen Süden immer wieder die Hoffnung auf eine gerechte Wirtschaftsordnung zerstört und reaktionäre Bewegungen wie den Islamismus gestärkt haben. Wir veröffentlichen daraus einen Auszug aus dem zweiten Teil und danken Autor wie Verlag für die Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Im August 1951 traf in Washington ein merkwürdiges Schreiben aus Taipeh mit dem Titel »Vorschlag zur Vereinigung der demokratischen Nationen und der islamischen Welt zu einer antikommunistischen Kraft« ein. Das Memorandum war von Colonel David Barrett, US-Soldat und Militärattaché bei der nationalistischen Regierung in Taiwan, nach Washington geschickt worden. Verfasst hatte es Haji Yusuf Chang, der später als Islamwissenschaftler in China wirkte und 1976 die Islamische Bildungsstiftung (Islamic Education Cultural Foundation) in Taiwan gründen sollte. Chang stellte in seinem Schreiben fest, dass es drei ideologische Strömungen gebe, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg miteinander konkurrierten: Demokratie, Kommunismus und Islamismus. Die Demokratie und der Kommunismus befanden sich gerade mitten in einem gefährlichen Krieg in Korea.

Der Islamismus, der sich zwischen dem Suezkanal und Sumatra erstreckte, würde sich, so Chang, entweder mit den Kräften der Demokratie oder dem Kommunismus verbünden, weshalb die Vereinigten Staaten den Islam rasch ihrer antikommunistischen Mission unterwerfen sollten. Im Februar 1951 hatte John Playfair Price, ein britischer Diplomat, der zuletzt als Generalkonsul der Briten in Khorasan, Sistan und dem persischen Belutschistan, einem Randgebiet des Iran, gedient hatte, geschrieben: »Die Antwort auf den Kommunismus liegt in der Hoffnung auf eine islamische Wiederbelebung, bei der Pakistan für eine Führungsrolle gut qualifiziert wäre. Persien könnte sich durchaus als Brücke zur islamischen Einheit erweisen. Die islamische Welt ist ein Kraftspeicher. Der Kommunismus kann durch einen Glauben aufgehalten werden, der stärker ist als der eigene, und dieser Glaube findet sich im Nahen Osten.«

Diese Aussage imponierte Chang stark. Er schlug daher vor, dass die US-Regierung einen Drei-Punkte-Plan finanziere, der folgendes enthielt: 1. Die Gründung einer Islamic Cultural Society (Islamischen Kulturgesellschaft) an einem Ort, der der islamischen Bewegung als Zentrum dienen soll und die Aufgabe hat, einen engen Kontakt zu allen Muslimen in der Welt zu halten, insbesondere im Nahen Osten und in China. 2. Die regelmäßige Veröffentlichung von Broschüren in englischer, chinesischer, arabischer, malaiischer Sprache und auf Urdu, um die US-Amerikaner und die Muslime zu einer vereinten Front gegen den Kommunismus zu verbinden. 3. Sowohl die Kulturgesellschaft als auch das Büro, das die Broschüren herausgibt, sollten von Muslimen aus China oder islamisch geprägten Ländern geleitet werden. Es sei von größter Bedeutung, dass Außenstehenden nicht bekanntgemacht werde, dass diese Dienste von den Vereinigten Staaten unterstützt würden. Dies war die Essenz von Changs Memorandum. Barretts Notiz, die ihm beigefügt war, lobte Chang und schlug vor, ihn einzustellen und seine Richtlinien umzusetzen.

Islamisten voran

Zwei Jahre später operierte die CIA im Iran an der Seite von Ajatollah Abol-Kasem Kaschani gegen den wachsenden Einfluss und die Macht der kommunistischen Tudeh-Partei. Kaschani war ein komplexer Charakter, der noch im Jahre 1951 die Tudeh als »loyale islamische Organisation« verteidigt und von einer neuen »antiimperialistischen Organisation« phantasiert hatte. Im Anschluss an eine Reise nach Mekka aber kehrte er in den Iran zurück und war überzeugt, dass er helfen sollte, den iranischen Premier Mohammed Mossadegh zu stürzen und diesen durch General Fazlollah Zahedi zu ersetzen. Als William Warne von der US-amerikanischen Mission für technische Zusammenarbeit (U. S. Technical Cooperation Administration Mission) im August 1952 Kaschani in Teheran besuchte, sagte ihm der Geistliche, dass Elend und Verzweiflung die Menschen zum Kommunismus getrieben hätten. Der Kommunismus, so Kaschani weiter, sei »der schlimmste Feind des Iran, und um den Kommunismus zu stoppen, sollte die gegenwärtige beklagenswerte Lage der Menschen verbessert werden. Hungrige Menschen streben nicht nach moralischen Werten und Religion.« Mehr Investitionen und ein infrastruktureller Ausbau des Landes durch die Vereinigten Staaten waren also ebenso notwendig wie die Vertreibung der Kommunisten aus dem Land. Später, im November des gleichen Jahres, besuchte der US-Botschafter im Iran, Loy Henderson, Kaschani, der ihm sagte, dass die »Situation es um so wichtiger mache, dass die christlichen USA mit dem islamischen Iran kooperieren, um die Ausbreitung des militanten Atheismus zu verhindern«. Am Tag des Putsches gegen Mossadegh bevölkerten Kaschanis Truppen die Straßen; sie fühlten, dass ihr Tag gekommen war.

Kaschani zeigte sich auch bestrebt, eine panislamische Bewegung zu schaffen, aber er war nicht in der Lage, diese Mission zu erfüllen. 1949 erwogen König Abdullah von Jordanien, der Schah im Iran, der König des Irak und der Präsident der Türkei die Gründung einer panislamischen Bewegung. Sie teilten eine Antipathie gegen den Aufstieg des antikolonialen Nationalismus und des Kommunismus. Ein Beamter des britischen Außenministeriums schrieb in bezug auf diese Entwicklung im Oktober 1949: »Wenn es das Ziel einer modernen panislamischen Bewegung ist, eine gemeinsame Front gegen den Kommunismus zu schaffen, ist es offensichtlich, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun sollten, um dieser Bewegung zu helfen.« Keine Spaltungen wie etwa die zwischen Schiiten und Sunniten oder zwischen der Muslimbruderschaft und den Salafisten konnten diese Bewegung zurückhalten. Dass sie zunächst nicht erfolgreich war, lag nur an einem Mangel an Willenskraft.

Ein Jahrzehnt später übernahmen dann die Saudis die Führung bei der Gründung einer solchen Bewegung. Am 18. Mai 1962 eröffnete König Saud in Mekka eine Islamkonferenz, die Geistliche und Gelehrte von Algerien bis zu den Philippinen zusammenbrachte. An diesem Nachmittag gründeten die Delegierten die Islamische Weltliga (Rabita Al-Alam Al-Islami). Diese durch Petrodollars finanzierte und von der CIA geförderte Plattform präsentierte sich als philanthropische Organisation, in Wirklichkeit aber war sie ein den Islam predigendes Netzwerk, das den Kommunismus denunzierte und Zellen schuf, die junge Menschen sowohl gegen den antikolonialen Nationalismus als auch gegen den Kommunismus in den Sowjetländern und der »dritten Welt« vereinte. David Long, ein US-amerikanischer Beamter, sagte über diese Entwicklung später: »Der Panislam wurde von uns nicht als strategische Bedrohung angesehen. Es gab in dieser Bewegung Bösewichte, die den Linken wie (Ägyptens Präsident; jW) Nasser, Böses antaten. Sie kämpften gegen die ›Pinkos‹, die Linken.«

Nachdem König Saud zugunsten von Kronprinz Faisal abgedankt hatte, ging letzterer auf Welttournee, um für die panislamische Allianz zu werben. Da die Islamische Weltliga als ein Netzwerk der »zivilen Gesellschaft« galt, lud König Faisal 1969 Regierungen ein, nach Dschidda zu kommen, um die Organisation der Islamischen Konferenz (Organization of the Islamic Conference, OIC) zu gründen, die eine zwischenstaatliche Einrichtung darstellen sollte. Saudi-Arabien finanzierte Said Ramadans Islamisches Zentrum in Genf, um die Muslimbruderschaft in dieses panislamische Bündnis gegen die Linke einzubinden (Ramadan war der Schwiegersohn von Muslimbrüder-Gründer Hassan Al-Banna; jW). Es gab nun also eine zwischenstaatliche Organisation (die OIC), eine zivilgesellschaftliche Organisation (die Islamische Weltliga) und eine intellektuelle Institution (das Islamische Zentrum in Genf). Das Geld für diese Institutionen kam aus dem Ölgeschäft; die Anweisungen erfolgten von der CIA.

Saudisches Geld überschwemmte fortan jene Teile der Welt, die durch einen hohen Anteil heterodox islamischer Muslime geprägt waren und wo Kommunismus oder antikolonialer Nationalismus Einzug gehalten hatten. Moscheen wurden gebaut, Kleriker beeinflusst, Armenhilfe geleistet, Bücher und Broschüren an die Jugend verteilt – eine neue Art von kriegerischem, orthodoxem Islam begründete das, was später gegen den Sozialismus und gegen die moderne Welt antreten sollte. Die »islamische Wiederbelebung«, über die Haji Yusuf Chang in seinem Memorandum von 1951 geschrieben hatte, wurde nun von den Monarchien der arabischen Welt und der CIA in die Tat umgesetzt.

Verbrannte Erde

In den zehn Jahren vor 1979 machten die Völker der Welt immense Fortschritte, da weite Teile von Kolonialherrschaft und Kolonialkriegen erlöst wurden. In den Jahren 1974 und 1975 konnten zum Beispiel die von Portugal kolonialisierten Menschen sich aus den Klauen dieser ältesten Kolonialmacht Europas befreien: Angola, Kap Verde, Guinea-Bissau und Mosambik hatten jahrzehntelang gegen die Portugiesen gekämpft, und nun gewannen sie endlich nicht nur ihre Freiheit, sondern beendeten mit der durch sie ausgelösten Nelkenrevolution auch Portugals faschistisches Regime. Die Auswirkungen der Befreiung von Portugals Kolonien in Afrika waren sofort auch in Rhodesien zu spüren, wo die nationalen Widerstandskämpfer gestärkt wurden. Sie stürzten die Regierung von Ian Smith und riefen 1980 ein freies Simbabwe aus. 1975 hatte das vietnamesische Volk zugesehen, wie US-amerikanische Imperialisten auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon in ihre Hubschrauber stiegen. Sie hatten sich der vietnamesischen Revolution geschlagen gegeben. Die Bombardierung Vietnams durch die USA mit »Agent Orange« und Napalm hinterließ allerdings massenhaft giftige Materialien im Boden des Landes, was auch noch kommenden Generationen schaden sollte. Des weiteren erschwerte der enorme Verlust an Menschenleben einen leichten Übergang zum Sozialismus: Vietnam hatte zwar den Krieg gewonnen, blieb aber als ein Friedhof der Möglichkeiten zurück.

Drei weitere schnelle Revolutionen fanden ebenfalls in armen Ländern statt, jede als Folge von Entbehrungen der drastischsten Art und der Überzeugung, dass die jeweiligen Oligarchien die Situation nicht ändern werden: im Jahr 1978 in Afghanistan, im Jahr 1979 in Nicaragua und ebenfalls im Jahr 1979 in Grenada. Keine dieser Revolutionen aber sollte sich stabilisieren und ihre jeweilige sozialistische Agenda umsetzen können. Bevor die Demokratische Volksrepublik Afghanistan einen Kurs aus Ungleichheit und Rückständigkeit, insbesondere in den ländlichen und bergigen Gebieten, einschlagen konnte, gingen die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten ans Werk, die intern gespaltene kommunistische Bewegung zu untergraben.

In Nicaragua wiederum verminten die USA sämtliche Häfen und initiierten eine Reihe schmutziger Kriege nicht nur gegen die sandinistische Regierung in diesem Land, sondern auch gegen jede progressive Kraft in El Salvador und Guatemala. In Grenada schließlich stachelten die USA die kleinen Missstände innerhalb der New-Jewel-Bewegung an, sahen zu, wie Maurice Bishop von seinen ehemaligen Kameraden hingerichtet wurde, und drangen dann in das Land ein, um alles zu demontieren, was die Bewegung hervorgebracht hatte.

Das, was von all dem wirklich sichtbar wurde, waren die Putsche – in Bangladesch (1975), Tschad (1975, 1978), Pakistan (1977), Irak (1978), Südkorea (1979) und in der Türkei (1980). All dies waren Ereignisse mit sehr lokalem Bezug: Beim Putsch in der Türkei ging es zum Beispiel zumindest teilweise um den Kampf zwischen der säkularen Bourgeoisie von Istanbul samt dem kemalistischen Militär auf der einen Seite und dem islamistischen Kleinbürgertum Anatoliens sowie seinen vielen religiösen Orden auf der anderen. Der Putsch in Südkorea, der eigentlich bereits im Jahr 1961 initiiert worden war, hatte sowohl mit Erfordernissen des Kalten Krieges zu tun – nämlich Südkorea als Verbündeten der USA zu erhalten – als auch mit Interessen der südkoreanischen Kapitalistenklasse. Diese wollte die Arbeiterschaft domestizieren, um die Wirtschaft in einem Tempo wachsen zu lassen, das die extreme Ausbeutung der südkoreanischen Werkstätigen voraussetzte.

Neben diesen lokalen Kontexten der Putsche gab es eine regionale Besorgnis der US-amerikanischen Imperialisten über den wachsenden Einfluss der Sowjetunion und Chinas in Asien und Europa. Es ist wichtig, die 1972 neu geschmiedeten Beziehungen zwischen den USA und China in diesen Zusammenhang zu stellen: Jeder Versuch, eine kommunistische Einheitsfront auf dem Kontinent aufzubauen, wurde aus diesem Grund fatal geschwächt.
Am 2. Januar 1980 schrieb der Berater für nationale Sicherheit von US-Präsident Carter, Zbigniew Brzezinski, ein Memorandum an den Präsidenten über den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan. Die Hauptforderung des Memorandums war, »die Kosten für die Sowjets in die Höhe zu treiben, um so eine erfolgreiche sowjetische Machtkonsolidierung nach Möglichkeit zu verhindern«. Dazu müssten die USA »ein Sicherheitssystem im Persischen Golf aufbauen«: »Ich fordere Sie dringlichst dazu auf, diese Situation zu einem Wendepunkt zu machen«, schrieb Brzezinski an Carter.

Brzezinskis Plan

Die Kontrolle der Region durch die Vereinigten Staaten war nach der kommunistischen »Saurrevolution« (übersetzt eigentlich »Stierrevolution«, jW) in Afghanistan im April 1978 ins Wanken geraten. Obwohl diese Revolution intern angetrieben worden war mit minimaler sowjetischer Beteiligung, betrachteten die USA sie als eine Erweiterung der Sowjetmacht. Brzezinski hatte bereits auf eine US-amerikanische Intervention in Afghanistan gedrängt, indem er den extrem rechten Mudschaheddin über die Militärregierung in Pakistan (gebildet nach dem Putsch von 1977, der vollständig von Washington unterstützt worden war) Geld und Waffen zur Verfügung stellte.

Aber jetzt wollte er mehr. Der Brzezinski-Plan bestand aus vier Elementen, die schließlich von den USA exakt so übernommen wurden:

1. Ein direktes Angebot umfangreicher Militärhilfe an Pakistan. Als General Mohammed Zia-ul-Haq im September 1977 die Macht übernahm, rief er den US-Botschafter Arthur Hummel an, um ihn über sein Vorgehen zu informieren. Die USA kannten Zia bereits und unterstützten ihn voll und ganz. Als sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschierten, holte Zia seinen Gebetsteppich heraus und betete; er wusste, dass Gelder aus den USA nun sein Land überschwemmen würden und dass Afghanistan – wie Honduras im »schmutzigen Krieg« der 1980er Jahre – nun praktisch zu einer Militärbasis der US-amerikanischen Politik in der Region werden würde.

2. Die Beschleunigung des Erwerbs von Stützpunkten und eine neue einheitliche Militärstruktur für die Region. Die U. S. Rapid Deployment Joint Task Force war als Reaktion auf die iranische Revolution von 1979 gegründet worden. Sie stellte die militärische Komponente der Carter-Doktrin (1980) dar, die besagte, dass jede Bedrohung des Persischen Golfs – hauptsächlich Saudi-Arabiens – als eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten verstanden werden müsse. Jeder Angriff auf den Persischen Golf würde also durch diese Taskforce abgewehrt werden. 1983 wurde diese Taskforce zum U. S. Central Command.

3. Verdeckte Aktionen im Südjemen und in Eritrea sowie im Iran und in Afghanistan. Die CIA und der US-amerikanische Militärgeheimdienst begannen gegen die Demokratische Volksrepublik Südjemen zu operieren, die ab 1969 von der Marxistischen Nationalen Befreiungsfront regiert wurde und die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung drastisch verbessert hatte (einschließlich einer Landreform und einer Förderung der Gleichberechtigung der Frauen). Solch eine Regierung musste natürlich gestoppt werden. 1970 entstand die Eritreische Volksbefreiungsfront, eine marxistische Gruppe mit Massenunterstützung, um im Kampf für die Unabhängigkeit von Äthiopien die Oberhand zu gewinnen; auch hier versuchten die USA, dem Einhalt zu gebieten und die Schaffung einer sozialistischen Republik am Horn von Afrika zu verhindern.

Die verdeckten Operationen der USA gegen den Iran wurden wiederum fortgesetzt und hatten selbstverständlich in Afghanistan bereits in den ersten Stunden der »Saurrevolution« begonnen. Menschen wie Gulbuddin Hekmatjar, ein Fundamentalist, der Studentinnen an der Universität Kabul Säure ins Gesicht geschüttet hatte, wurden zu Hauptempfängern von CIA-Geldern durch die »Operation Cyclone« – ein CIA-Programm zur Finanzierung und Bewaffnung der Mudschaheddin gegen die afghanische Regierung. Es war dieses Programm, das Chaos verursachte und die afghanische Regierung dazu veranlasste, Hilfe bei der Sowjetunion zu suchen. »Wir haben die Russen nicht zum Eingreifen gedrängt«, sagte Brzezinski später, »aber wir haben bewusst die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es tun würden.« Oder, wie mir Chuck Hogan (CIA Chief of the Directorate of Operations in der Region) Jahre später in einem Restaurant in der Nähe der Harvard-Universität sagte: »Wir haben von Anfang an die schlimmsten Burschen finanziert, lange vor der iranischen Revolution und lange vor der sowjetischen Invasion.«

4. Ein Hilfspaket für die Türkei (das größtenteils von Bonn und möglicherweise anderen europäischen Verbündeten finanziert wurde) im Austausch für türkische Hilfe im Iran und in Pakistan. Mächtige Bewegungen der Arbeiterklasse erschütterten in den 1970er Jahren die Türkei, wobei die Gefahr drohte, dass das Land sich der revolutionären Welle anschloss, die Asien erfasst hatte. Die USA wollten alles tun, um die Möglichkeit einer Revolution zu verhindern: Ihr Waffenembargo – das verhängt worden war, als die Türkei Nordzypern besetzt hatte – endete im Jahr 1979. Im März 1980 unterzeichneten die USA und die Türkei daher einen Wirtschafts- und Verteidigungsvertrag. Sechzehn NATO-Stützpunkte in der Türkei und eine halbe Million Soldaten der türkischen Armee standen auf dem Spiel; sie mussten gesichert werden. Die Sparmaßnahmen des IWF verschärften die Probleme im Land, weshalb die US-Regierung der Weltbank und der Irving Trust Company riet, der sonst bankrotten Türkei Kredite zu gewähren.

Grünes Licht für Massaker

NATO-Kommandeur General Bernard Rogers, ein Militär der US-Armee, kam im Oktober 1980 insgesamt viermal nach Ankara, während General David Jones, Vorsitzender der U. S. Joint Chiefs, das Land im November besuchte. Der türkische Luftwaffengeneral Ali Tahsin Sahinkaya reiste nach Washington und bat dort, wie es heißt, um Erlaubnis, gegen das Chaos in der Türkei vorzugehen. Am 12. September 1980 gab Washington grünes Licht für das türkische Militär, die Macht zu ergreifen (ein CIA-Dokument ist in bezug auf diese Angelegenheit weniger eindeutig, es besagt nur, dass das US-Militär »vor der militärischen Machtübernahme alarmiert wurde«).
General Kenan Evren übernahm die Macht und setzte Turgut Özal als stellvertretenden Premierminister ein, um den Zugang zu den IWF-Mitteln aufrechtzuerhalten. Er entsandte außerdem Panzer, um die Rebellion der Arbeiterklasse niederzuschlagen, und beschleunigte die Durchführung einer NATO-Militärübung namens »Anvil Express«. Dadurch machte er der NATO seine Unterstützung deutlich. Die türkischen Geheimdienste (MIT), die CIA und die faschistische MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung) hatten bereits seit 1978 Kommunisten ermordet; dies verschärfte sich in den Monaten nach dem Putsch. Die Türkei war bereit, ein militärischer Haudegen des US-amerikanischen Imperialismus gegen die Ausbreitung der revolutionären Welle zu werden. »Die Türkei war nicht wie Argentinien«, sagte Brzezinski gegenüber Özal, da sie mit ihrer militärischen Führung mehr Glück habe. Die USA konnten sich darauf verlassen, dass sie der US-amerikanischen Linie voll und ganz folgen würde.

Es ist auffällig, dass Brzezinski in diesen vier Punkten Südkorea nicht erwähnt. Bei einem Besuch dort im November 1980 sagte Brzezinski jedoch, dass die US-amerikanisch-südkoreanischen Beziehungen »vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Europa und am Persischen Golf« zu verstehen seien. »Afghanistan und der Iran stellen mittlerweile im Nahen Osten keine Pufferstaaten mehr dar«, meinte er gegenüber Kim Kyong Won, dem Sonderberater des südkoreanischen Präsidenten für internationale Beziehungen. Die Militärdiktatur eines mehr und mehr »isolierten« Park Chung Hee, die von 1961 bis zu seiner Ermordung durch den eigenen Geheimdienstchef im Oktober 1979 andauerte, hätte – dank bereits militanter Arbeiter- und Studentenunruhen – zu einer breiten Revolution führen können. Genau das teilte Kim Brzezinski mit. Die Angelegenheit wurde mit einem weiteren Militärputsch beigelegt, der von jungen Offizieren angeführt wurde, insbesondere von General Chun Doo Hwan, der schließlich dank dieses Putsches zum Präsidenten avancierte. Chuns wahnhafter Antikommunismus, der im antikommunistischen Nationalen Sicherheitsgesetz von 1948 begründet und von der Polizei sowie den inneren Sicherheitskräften Südkoreas institutionalisiert wurde, führte zur Verhaftung und Folterung Hunderter von Aktivisten. Nur das habe Südkorea daran gehindert, so Kim, zu einem »weiteren Iran« zu werden.

Wichtig ist, dass Brzezinski im November 1980 mit Kim sprach. Im Mai desselben Jahres entbrannte in der südlichen Stadt Gwangju ein Volksaufstand gegen die Chun-Diktatur. Chun schickte am 18. Mai das Militär, das das Feuer eröffnete und Hunderte – wenn nicht Tausende – Menschen tötete. Chun verteidigte seine Aktion und sagte, er verhindere einen von Nordkorea angestifteten kommunistischen Putsch. Am 23. Mai fand im CIA-Hauptquartier eine Diskussion statt, in der Richard Lehman – der Leiter des National Intelligence Council – bekräftigte, dass »es in Nordkorea keine Anzeichen für Unannehmlichkeiten gibt«. Was er damit meinte, war, dass Nordkorea nicht hinter dem Aufstand steckte. Auch US-Botschafter William Gleysteen schrieb im Mai an Washington, dass der Gwangju-Aufstand eine »interne Bedrohung« sei, an der mindestens 150.000 Menschen beteiligt waren.

Nichts davon beeindruckte Washington, wo man am 30. Mai bei einem Treffen im Weißen Haus zu dem Schluss kam, dass »die Wiederherstellung der Ordnung in Kwangju durch die koreanischen Behörden mit minimalem Einsatz von Gewalt oberste Priorität hat, so dass keine Keime für spätere, weitreichende Unruhen gelegt werden«. Die US-Regierung hatte zur Mäßigung geraten, »aber die Anwendung von Gewalt nicht ausgeschlossen, falls die Koreaner sie anwenden müssen, um die Ordnung wiederherzustellen«.

1997 wurde Präsident Chun wegen seiner Rolle beim Massaker von Gwangju zum Tode verurteilt (später wurde die Strafe in einem Berufungsverfahren in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt). Die Vereinigten Staaten waren nicht Teil des Verfahrens, obwohl das »grüne Licht« der USA definitiv hätte untersucht werden müssen (erst 2018 wurde bekannt, dass Südkorea von den USA bereitgestellte Hubschrauber – »MD 500 Defender« und »UH-1 Iroquois« – bei dem Massaker eingesetzt hatte; Waffenverkäufe nach Südkorea wurden nach 1980 unverdrossen fortgesetzt). Die US-Regierung hatte mit dem Vorgehen in Südkorea kein wirkliches Problem. Es war viel besser, das südkoreanische Militär tödliche Gewalt anwenden zu lassen, als einen »weiteren Iran« tolerieren zu müssen. Und es war ebenfalls begrüßenswert, Südkorea als vorgeschobene Einsatzbasis für weitere Ambitionen des US-amerikanischen Imperialismus zu erhalten.

Vijay Prashad ist ein indischer Historiker, Journalist und Schriftsteller. 2021 nahm er an der von junge Welt veranstalteten XXVII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin teil.

Vijay Prashad: Washington Bullets. Geschichten über die CIA, Verschwörungen und Auftragsmorde. Mangroven-Verlag, Kassel 2022, 164 Seiten. Vorbestellung unter mangroven-verlag.de

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (11. November 2022 um 17:01 Uhr)
    Wie wichtig solche Artikel sind, merke ich immer wieder in aktuellen Diskussionen. Auch kluge Menschen erinnern sich nicht an die Blutspur, die der US-amerikanische Imperialismus seit über 70 Jahren über die Welt zieht. Sie fallen auf die Selbstbeweihräucherungen der »bedeutendsten Demokratie der Welt« herein, die angeblich ein Hort der Menschenrechte ist. Aggressiv sind alle anderen. Die USA und die NATO sind es nie gewesen und sind es auch heute nicht. Manchmal kann man erreichen, dass Menschen nachdenklich werden, wenn man sie an die konkreten Schandtaten erinnert, die auf dem Schuldkonto dieser »lupenreinen Demokraten« stehen. Genau dann sollten wir diese auch parat haben. Dabei hilft ein solcher Artikel enorm.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (11. November 2022 um 13:11 Uhr)
    Vielen Dank auch für diesen unbedingt lesens-, speicherns- und verbreitenswerten Vorabdruck, »Schlaglichter der imperialistischen Praxis der USA in den Zeiten des Kalten Krieges« – von Vijay Prashad«.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Diese westdeutsche Partei, die sich »KPD« nannte, sah im »russis...
    04.08.2022

    Der schlimmste Feind

    Chinas »Drei-Welten-Theorie« und die »K-Gruppen«. Wie der deutsche Maoismus lernte, die Bombe zu lieben, und bei den Grünen landete
  • Proteste außer Kontrolle. Das von Demonstranten in Brand gesetzt...
    08.01.2022

    Postsowjetische Pulverfässer

    Russlands zentralasiatische Südflanke ist ein Hinterland voller Risiken. Stabilisieren kann Moskau die Region nur an der Seite Chinas
  • Kalter oder bald heißer Krieg? US-Marines simulieren am 7. Febru...
    07.03.2018

    In Zeiten des Vorkriegs

    Vorabdruck. Die Gefahr eines militärischen Konflikts in Korea ist ein Resultat der Politik des Westens im vergangenen Vier­teljahrhundert

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk