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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Die Steine konnte sie retten

»Die Frau des Dichters«: Der neue Film von Helke Misselwitz über die Künstlerin Güler Yücel
Von F.-B. Habel
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Ohne Kommentar: Güler Yücel spricht in »Die Frau des Dichters« für sich selbst

Dem Zuschauer begegnet eine Frau, die nach einem langen Leben zu ebenso einfachen wie zutreffenden Erkenntnissen kam. Güler Yücel fügt ein Stück Stein mit einer Blumenzwiebel in einer Vase zusammen: »Wer beides paart, ist ein Künstler.« Später sagt sie: »Alle Frauen sind Göttinnen – sie gebären. Sie schaffen etwas Neues, indem sie Kinder zur Welt bringen.«

Mit »Die Frau des Dichters«, ihrem ersten Film nach längerer kreativer Pause, ist Filmemacherin Helke Misselwitz ihren Themen treu geblieben. Assoziationen haben immer ihre Filme bestimmt, bei denen Frauen in ihrem sozialen Umfeld im Mittelpunkt standen. So war es mit ihren Arbeiten, die vor vier Jahrzehnten während ihres Studiums an der Babelsberger Filmhochschule entstanden, wie »Haus.Frauen« (1981) oder »Die fidele Bäckerin« (1982), so war es mit Filmen beim Defa-Dokumentarfilmstudio wie »Aktfotografie, z. B. Gundula Schulze« (1983) und ihrem künstlerischen Durchbruch »Winter adé« (1988) über Frauen in der DDR. Danach hat sie sich auch mit den Spielfilmen »Herzsprung« (1992) und »Engelchen« (1996) einen Namen gemacht. Misselwitz’ langjährige Editorin Gudrun Steinbrück ist erneut für die Montage verantwortlich, und deren Mann Thomas Plenert komplettiert das Team der Kameraleute, in dem auch die Regisseurin mitwirkte.

Wem aus der Riege ist die schöne Anfangseinstellung zu verdanken? Eine Fahrt entlang einer Felsformation am äußersten Zipfel der Ägäis. Der Film führt auf die türkische Halbinsel Datça, wo Güler Yücel viele Jahre lang mit ihrem Mann Can zu Hause war. Die Malerin hält ihre wunderbar farbigen Leporellos in die Kamera, deren Erzählkraft sei einem Film vergleichbar. Güler berichtet, dass sie aus Bosnien stammt und viele serbische Lieder gelernt hatte, ehe sie von den Eltern angehalten wurde, nur noch türkisch zu sprechen, um nicht zur Außenseiterin zu werden. Sie heiratete ihre große Liebe, den Dichter Can Yücel, einen Kommunisten, der wegen seiner wortgewaltigen politischen Lyrik zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Seine Frau arbeitete als Grundschullehrerin, um die Familie durchzubringen. Daneben entstanden farbige Alben mit Darstellungen des Lebens in Datca, Motive, denen auch die Filmemacherin in Naturbeobachtungen und Alltagsgesprächen nachspürt. Sie verzichtet auf jeglichen Kommentar. Der Zuschauer muss die Zusammenhänge selbst herstellen, wenn eine Ziegenhirtin aus ihrem Leben erzählt, eine türkische Hochzeitsfeier gezeigt oder der Markt besucht wird. Das macht das Verständnis manchmal schwierig. Das Verhältnis der porträtierten Frauen zueinander wird nicht erklärt.

Güler Yücel erzählt, dass die Grabstätte ihres vor mehr als 20 Jahren verstorbenen Mannes von Faschisten zerstört wurde, sie aber viele Steine retten konnte. Als sie eine Zeitlang in Kanada lebte, lernte sie dort die chinesische Kunst kennen, was sie beeinflusste. »Ich gehöre wohl zu jenen, die in den Westen ziehen, um den Osten zu entdecken«, meint sie verschmitzt.

Helke Misselwitz lässt in ihrem Film allzu vieles offen. Gern hätte man mehr von den Lebenswegen dieser Malerin erfahren, die nicht nur die Frau eines Dichters war. Die Chance ist vorbei. Im Abspann erfährt der Zuschauer, dass Güler Yücel nach den Dreharbeiten mit 85 Jahren gestorben ist.

»Die Frau des Dichters«, Regie: Helke Misselwitz, BRD 2022, 94 min., bereits angelaufen

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