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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Das Ich wischt den Boden

Der Porträtfilm »Elfriede Jelinek« muss leider ohne seine Hauptfigur auskommen
Von Hannes Klug
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In allem, was sie sagt und tut, radikal wahrhaftig: Elfriede Jelinek

Wer den Widerstand spüren will, mit dem sich Elfriede Jelinek der Sprache entgegenstemmt, der wird in frühen Aufnahmen ihrer Lesungen fündig: Beim Vortrag ihrer Texte setzt die Autorin die Pausen genau dort, wo sie am wenigsten hingehören. Wie mit einem Beil zerschlägt sie das Satzgefüge und erfindet einen neuen – ihren eigenen – Sprachrhythmus, der all das, was wie selbstverständlich vorgegeben scheint, verweigert. Nein, die Worte sind ihr keine schlichten Dienstleister, sie sind ihrem Sinn immer schon entfremdet. Also werden sie gewendet, auch gegen sich selbst, werden befragt, umfunktioniert und Elemente einer Kunstsprache: autonom, spielerisch, anarchisch.

Es ist auch für den Dokumentarfilm »Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen« ein Glück, dass es diese alten Aufzeichnungen gibt. Nicht nur, weil man so der jungen Dichterin, die mit Anfang 20 als Wunderkind gehandelt wurde, bei frühen Auftritten zuhören und zuschauen kann. Als die Schriftstellerin 2004 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ging ein Aufschrei von Empörung durch Österreich, und sie wurde heftiger denn je als Nestbeschmutzerin denunziert. Damals zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück, und so stand sie naturgemäß auch für diesen Film nicht zur Verfügung.

Wo das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist (und vielleicht nicht mal »der Hausmeister, der die Böden des Bodenlosen wischt«, wie es in einem Jelinek-Text heißt), ist Regisseurin Claudia Müller durch Jelineks Abwesenheit notgedrungen darauf angewiesen, nach dem Found-Footage-Prinzip mit Archivmaterial zu arbeiten, das zwischen 1969 und 2004 entstand und vielfach aus Fernsehbeiträgen stammt. Das ist aber nur eine von vielen Ebenen, die der Film übereinander legt. Er bedient sich freimütig am Nachrichtenstoff – etwa zu den Studentenprotesten, aber auch zu Auftritten postfaschistischer österreichischer Politiker wie Jörg Haider und Kurt Waldheim – oder an alten Super-8-Aufnahmen aus der Steiermark, wo die meisten von Jelineks Romanen spielen. Auch Ausschnitte aus dem indizierten Nazipropagandafilm »Heimkehr« mit Paula Wessely werden gezeigt – einer Schauspielerin, die später im Wiener Burgtheater Berühmtheit erlangte. Was Jelinek nicht nur aufs Schärfste angeprangerte, sondern was auch mit dazu führte, dass sie sich von der Spielstätte abwandte und es sich einmal mehr mit dem Kulturestablishment verscherzte.

Elfriede Jelinek ist in allem, was sie sagt und tut, radikal wahrhaftig. Sie nimmt keine Rücksicht, nicht auf sich selbst zudem, erzählt ehrlich von ihren Zusammenbrüchen und ihrer Angst­störung, die es ihr nicht erlaubt zu reisen, weshalb sie auch den Nobelpreis nicht selbst in Empfang nahm.

Doch aus der Fülle an Material, das dieser Film assoziativ aneinanderreiht, will sich nur schwer ein Ganzes ergeben. Vieles wirkt disparat und beliebig. Oft sind die Quellen nicht ersichtlich, und manchmal bleiben die Bilder komplett rätselhaft. Sie sollen das Gesagte unterstreichen und es doch nicht illustrieren, aber allzu oft tun sie genau das. Und während Schauspielerinnen wie Sandra Hüller, Ilse Ritter oder Sophie Rois im Off Jelineks Texte rezitieren, gleiten wir immer wieder geduldig durch verschneite Landschaften, die von einem atmosphärischen Klangteppich untermalt sind. In seiner Montage vielfältigen Materials und neu gedrehter Szenen will dieser Film sich der experimentellen Lust von Jelineks Sprachkunstwerken anverwandeln, leidet dabei aber an fehlender Schärfe und Transparenz. So stiftet ausgerechnet das bravste aller dramaturgischen Mittel den großen Erzählbogen – die lineare biographische Nacherzählung.

Der Mündigkeit des Zuschauers wäre es entgegengekommen, hätte diese Produktion ihr filmisches Dilemma thematisiert und sich mit ihm offen auseinandergesetzt, anstatt es möglichst bildgewaltig zu verschleiern.

»Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen«, Regie: Claudia Müller, BRD 2022, 96 min., bereits angelaufen

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