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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Britische Pflegerinnen stimmen für Streik

Erster Ausstand in der Berufsgruppe seit mehr als hundert Jahren beschlossen, Auftakt noch 2022
Von Dieter Reinisch
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Das einst so vorbildliche britische Gesundheitswesen wurde im Zeichen des Neoliberalismus konsequent zerstört (London, 8.1.2022)

Erstmals werden Krankenpflegerinnen im gesamten Vereinigten Königreich in den Streik treten. In mehr als der Hälfte aller Krankenhäuser Großbritanniens haben sich die Pflegerinnen und Pfleger bei einer wochenlangen Abstimmung für die Kampfmaßnahme entschieden, wie die größte Gewerkschaft für diese Berufsgruppe, das Royal College of Nursing (RCN), am Donnerstag mitteilte. Die Notversorgung werde während des Ausstandes gewährleistet, betonten die Gewerkschafterinnen.

In Schottland und Nordirland stimmten die Pflegerinnen in sämtlichen Gesundheitseinrichtungen für den Streik. In Wales gab es eine einzige Einrichtung, in der sich das Personal gegen die Kampfmaßnahme aussprach. In England schließlich werden sich Pflegerinnen in mehr als der Hälfte der Einrichtungen des National Health Service (NHS) beteiligen.

Der Streik wird von der Vereinigung der Ärzte unterstützt, wie die Irish News am Donnerstag berichtete. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Berufsgruppen innerhalb der NHS-Einrichtungen werden sich beteiligen. Die Kampfmaßnahmen werden noch in diesem Jahr beginnen und können mit dem nun erhaltenen Mandat bis zu sechs Monate dauern.

Zudem läuft derzeit eine Abstimmung über einen Streik bei 15.000 Rettungsfahrern, die in der großen Gewerkschaft der »General and Municipal Workers« (GMB) organisiert sind. Das Ergebnis soll am 30. November veröffentlicht werden. In Nordirland haben GMB-Gesundheitsangestellte bereits mit 86 Prozent für Streiks gestimmt, wie GMB-Sprecher Jim Donley am Dienstag bekanntgab.

Die Kampagne »Fair Pay for Nursing« fordert neben Gehaltserhöhungen von fünf Prozent über der Inflationsrate, die aktuell bei zwölf Prozent liegt, Maßnahmen gegen unbezahlte Überstunden. Ein erstes Angebot der Gegenseite im Sommer wurde abgelehnt. Das RCN bezeichnete es damals als »Beleidigung«. In England und Wales wurde den NHS-Angestellten damals eine Lohnerhöhung von durchschnittlich 4,75 Prozent angeboten. In Schottland lag eine Erhöhung um acht Prozent für Berufseinsteiger auf dem Tisch. In Nordirland gab es keine Verhandlungen, da es dort seit Februar keine funktionierende Regierung gibt.

Nach Einschätzung des RCN ist die schlechte Bezahlung der Pfleger ein »Schlüsselfaktor für den akuten Personalmangel im Vereinigten Königreich«. Der wiederum beeinträchtige maßgeblich die Patientensicherheit. Das RCN hat landesweit 300.000 Mitglieder. Es ist der erste Streik in der 106jährigen Geschichte dieser Gewerkschaft.

Die RCN-Direktorin für Nordirland, Rita Devlin, erklärte gegenüber der Irish News, die Entscheidung zum Ausstand sei nicht leichtgefallen: »Niedrige Bezahlung hat es sehr schwierig gemacht, Pflegepersonal zu halten, und wenn es nicht rasch eine Lösung gibt, werden die Arbeitsbedingungen sich weiter verschlechtern«, betonte sie.

Tom Black, Vorsitzender der nordirischen Ärztekammer, erklärte, im gesamten Land hätten Ärzte ihren pflegenden Kollegen Unterstützung und Solidarität angeboten: »Es ist ein schreckliches Spiegelbild unseres Systems, dass Krankenschwestern keine andere Möglichkeit sehen, als solche Kampfmaßnahmen zu ergreifen.«

Willie Howard, Organisator der Gewerkschaft Unite, zeigte sich im Gespräch mit jW erfreut über das Votum: »Das sind unglaubliche Neuigkeiten. Seit über einem Jahrhundert hat es in Großbritannien keinen Streik der Krankenpflegerinnen gegeben. Es ist eine große Eskalation in der aktuellen Streikwelle in allen Branchen und ein deutliches Zeichen, dass die Gesundheitspolitik der Regierung gescheitert ist.«

Howard betonte: »Pflegerinnen gehören zu den am meisten respektierten Arbeitern in Großbritannien, aber die Bedingungen haben sich für sie so sehr verschlechtert, dass sie in Scharen kündigen. Zum Teil gehen sie zum Arbeiten in andere Länder, weil sie hoffen, ihren Job dort in Würde machen zu können. Das Beste für das NHS, für die Patienten und für uns alle wäre ein Gesundheitssystem, das seine Mitarbeiter respektvoll behandelt.«

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