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Aus: Ausgabe vom 11.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Nachvollziehbar

Russlands Rückzug aus Cherson
Von Reinhard Lauterbach
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Kein Zweifel, die Entscheidung Russlands, die Stadt Cherson und den ganzen Brückenkopf westlich des Dnipro-Unterlaufs zu räumen, ist Ausdruck einer strategischen Niederlage. Die zuletzt etwa 20.000 russischen Soldaten, die diesen Brückenkopf zu halten versuchten, litten nach der Zerstörung der Brücken unter Versorgungsengpässen. Ein behelfsmäßiger Fährverkehr mit Nachschub und Verpflegung auch für die Bevölkerung einer Großstadt wäre im Winter nur unter Schwierigkeiten aufrechtzuerhalten gewesen. Abgesehen von der Gefahr ukrainischen Beschusses dieser Fähren – die auch nur in endlicher Zahl zur Verfügung standen – ist im Winter Eisgang zu erwarten, der die Schiffahrt erschwert bis ausschließt. Insofern ist die Entscheidung des Oberkommandierenden nachvollziehbar. Dass sie ihm und der politischen Führung in Moskau nicht leichtgefallen ist, kann man ihm glauben.

Mit dem Abzug aus Cherson ist die Option einer erneuerten russischen Offensive auf Odessa oder sogar bis nach Transnistrien offenkundig vom Tisch. Damit ist auch das Kriegsziel der Eroberung des gesamten Küstenstreifens am Schwarzen Meer außer Reichweite geraten, und die Ukraine droht nicht mehr vom Schwarzen Meer abgeschnitten zu werden.

Die russische Darstellung, die in den letzten Tagen – offenbar unter Mithilfe von eingezogenen Reservisten – vorbereiteten Abwehrstellungen am Ostufer des Dnipro seien einfacher zu verteidigen, mag stimmen, aber sie trifft die Lage nur zum Teil. Das ukrainische Verteidigungsministerium frohlockte bereits, mit der Rückeroberung von Cherson gerieten mehrere Straßen auf die Krim, über die auch der Nachschub für die Truppen an der Cherson-Front abgewickelt wird, in Reichweite seiner Raketen. Das bedeutet, dass es für Russland nicht einfacher wird, die im Frühjahr eroberten Gebiete entlang der Küste zwischen Cherson und Mariupol zu halten.

Der Verlauf des russischen Abzugs wird zeigen, was an den Gerüchten über einen angeblichen, geheimen Deal zwischen Russland und den USA und einen bevorstehenden Waffenstillstand dran ist. Zweifel sind angebracht. Die Ukraine hat unter der Bedingung, dass sie sich die Rückeroberung von Cherson als Sieg zuschreiben kann, kein Interesse daran zu verhandeln. Sie wird versuchen, mehr herauszuholen. Zwar hat Wolodimir Selenskij zuletzt nicht mehr den Rücktritt von Wladimir Putin zur Vorbedingung aller Gespräche gemacht. Aber alles andere hat er wiederholt: die Forderung nach einem völligen Rückzug Russlands aus der Ukraine einschließlich der Krim, Kriegsverbrechertribunale – auf die er lange warten kann – und russische Reparationen, die auch nicht realistischer zu erwarten sind. Denn, um zu paraphrasieren, was Charles de Gaulle 1940 mit Bezug auf Frankreich sagte: Russland hat eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (11. November 2022 um 09:54 Uhr)
    Schmerzliche Entscheidung, aber offensichtlich im Kontext der menschenschonenden Taktik, notwendig. Wenn man die bekannt-berüchtigte US-amerikanische Taktik der verbrannten Erde angewendet hätte, wozu Russland zweifelsohne in der Lage gewesen wäre, dann hätte man sicher einen Rückzug vermeiden können. Aber wie soll man das den Menschen erklären, zu den man eine Jahrhunderte währende Verbindung hat und die man als seine Brüder ansieht? Diese Option stand also nur theoretisch zur Disposition. Da war das ukrainische Regime des Herrn S. ganz anders gestrickt, als es seine eigenen Staatsbürger im Donbass zwischen 2014 und 2021 unter Beschuss nahm, nur weil sie eine Autonomie beanspruchten und ihre eigene Sprache sprechen wollten.
  • Leserbrief von Joán Ujházy (10. November 2022 um 22:18 Uhr)
    »Kein Zweifel, die Entscheidung Russlands, die Stadt Cherson und den ganzen Brückenkopf westlich des Dnipro-Unterlaufs zu räumen, ist Ausdruck einer strategischen Niederlage.« Was für ein Blödsinn, Herr Lauterbach. Militärische Fehleinschätzungen: ja; strategische Niederlage: (ich wiederhole) das ist Blödsinn. Da halte ich mich lieber an Militärexperten, als dass ich Herrn Lauterbach folge (…). Die jetzt abgezogenen Kräfte werden übrigens in andere Richtungen verlegt, was sich sofort erheblich auf das Kräfte- und Ressourcengleichgewicht auswirken wird. Ich denke, es ist vielleicht keine populäre Entscheidung, die der russische Generalstab traf, aber aus militärischer Sicht ist diese Entscheidung die einzig vernünftige. Und der Krieg hat gerade erst begonnen. PS: Bei so manchen Artikeln des Herrn Lauterbach habe ich das Gefühl, dass er mehr wissen will , als er wirklich weiß.
  • Leserbrief von Holger K. aus Frankfurt (10. November 2022 um 21:18 Uhr)
    Es ist nur schwer nachzuvollziehen, warum auf einmal der zusätzliche Einsatz von 300.000 russischen Reservisten keinen militärischen Durchbruch verheißt, schlimmer noch, Russland befindet sich in der Defensive, muss wichtige Gebiete aufgeben. Ist es der möglicherweise schlechte Ausbildungsstand, eine geringe Kampfmoral der Soldaten, die dieses militärische Debakel erklären lässt oder verfügt Moskau einfach über zu wenig Waffen oder dauert es einfach noch lange, bis all die zusätzlichen Truppen vor Ort sind? Wie auch immer, dieses Land steht nun gedemütigt da, wenn es nicht baldigst das Blatt zum Wenden bringen sollte, wonach es aber nicht aussieht.

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