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Aus: Ausgabe vom 10.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Das schreit nach Krieg

Auf dem Weg zur Unterhaltungsweltherrschaft: Marvels zweiter Black-Panther-Film »Wakanda forever«
Von Peer Schmitt
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Ethnofolklore mit Düsenantrieb: Willkommen in Wakanda

Der Krebstod des »Black-Panther«-Hauptdarstellers Chadwick Boseman im August 2020 machte Disney/Marvel zunächst einen Strich durch die Rechnung mit möglichen Fortsetzungen. Bosemans letzten Auftritt als Black Panther im Marvel Cinematic Universe gab es 2019 in »Avengers: Endgame«, einem der kommerziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Im Jahr zuvor war Boseman in »Black Panther« auch nicht gerade mit schlechten Zuschauerzahlen gesegnet gewesen, ganz im Gegenteil.

Für das MCU stellte »Avengers: Endgame« einen entscheidenden Einschnitt dar. Es markierte den vorletzten Film seiner sogenannten Phase III (der letzte dann ein Supplement: »Spider-Man: Far From Home«), die 2016 mit »The First Avenger: Civil War« eingeläutet worden war und auch das Debüt der Black-Panther-Figur im MCU mit sich brachte. Es wurde bekanntlich aufgeräumt. Die Hälfte des Universums war verschwunden, es musste Abschied genommen werden.

Analog ist »Wakanda Forever – Black Panther 2« nun der vorletzte Film der Phase IV, der letzte wird das »­Guardians of the Galaxy Holiday Special« ab 26. November auf Disney+ sein, Streaming fürs Weihnachtsgeschäft. Maßgeblich für diese Phase IV ist die Einbeziehung der diversen Serien, TV/Streaming-Specials usw., die das MCU so verdammt unübersichtlich wie selbstbezüglich gemacht haben. Denn die sogenannten Phasen grenzen nicht nur die aus den Comicvorlagen bekannten Leitmotive und Storylines voneinander ab (Phase III behandelte die »Infinity Wars«, Phase IV das »Multiverse«), sie stehen zugleich auch für die Stufen der Produktions- und Distributionsverhältnisse auf dem Weg zur Unterhaltungsweltherrschaft von Marvel-Disney.

Vor den Tagen des MCU, also vor 2008 und dem ersten Iron-Man-Film, wurden die Verfilmungsrechte an den Marvel-Stoffen noch an die daran interessierten großen Studios verteilt. Mit der Monopolisierung der Studiowelt durch Disney wurde auch die Marvel-Welt Schritt für Schritt zu einem großen Komplex zusammengeführt. Nach praktisch vollendeter Monopolisierung folgt mittlerweile die multimediale Diversifizierung. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Diese Filme handeln vornehmlich von ihren ökonomischen und technischen Herstellungsbedingungen. Das nennt man Inhaltsangabe (ähnlich wie bei Lebensmitteln). Nebenbei sprengen kostümierte Figuren irgend etwas – Städte, Kontinente, Galaxien. Das nennt man dann Krieg.

Im Krieg, sagen die Spezialisten, gibt es zwangsläufig Friktionen. Manchmal hat ein tragender Darsteller genug Geld verdient und keine Lust mehr (­Downey Jr.), verklagt die Firma (­Scarlett ­Johansson) oder stirbt tragischerweise erst 43jährig wie Chadwick Boseman. Und dann steht man plötzlich ohne Black Panther da, zumindest wenn man, wie hier geschehen, die Entscheidung getroffen hat, den Darsteller mit einem simplen Drehbuchtrick nicht einfach durch einen anderen zu ersetzen oder gar digital zu reanimieren.

Eine Erscheinung aus dem Reich der Toten wäre für das Kino wahrlich nichts Neues. Nicht einmal der Anschein, dass das Kino als solches bereits aus dem Reich der Toten sendet, wäre mehr etwas Neues. Geisterscheinungen, gute Ratschläge seitens offenbar bereits Verstorbener, schamanische Beschwörungen, halluzinogene Getränke usw. spielen auf der Handlungsebene von »Wakanda Forever« zwar jeweils ihre kleine Rolle, aber das soll nicht davon ablenken, dass diese Fortsetzung mit dem Tod des Königs – der König von Wakanda: T’Challa, der Black Panther (Boseman) – beginnen muss. Das ist schon kein kleines Wagnis, ein »Black-Panther«-Film (zunächst) ohne einen Black Panther. Anders gesagt, in »Wakanda Forever« geht es um die dynastische Nachfolge. In der Sprache der Comicverfilmungen: Es ist versteckt eine weitere »Origin story«, wer wird wohl Panther anstelle des Panthers? Für Comicleser dürfte es dabei wohl kein großes Geheimnis sein, dass T’Challas Schwester Shuri (Letitia Wright) diesbezüglich die Favoritinnenrolle zukommt.

Der König muss freilich zunächst beerdigt werden. Das dauert. »Wakanda Forever« enthält in sehr elaborierter Form zwei veritable Beerdigungssequenzen. Erst die des Königs, dann die seiner Mutter und zwischenzeitlichen Nachfolgerin Ramonda (Angela ­Bassett), die bei einer Schlacht ertrinkt. Auf den Beerdigungen wird viel geweint und viel getanzt. Das assoziierte Filmgenre ist gewissermaßen das Musical, die Bildform wiederum die Postkarte. Die Totalen der Stadt- und Tempellandschaft Wakandas wirken mit ihren in die digital animierten Kulissen gepfropften tanzenden Kostümfiguren seltsam flächig. Aus dem MCU der Bilder eines in Scherben liegenden Kaleidoskops ist stellenweise wieder ein Kino der schlichten Grabinschriften geworden: Fortsetzung folgt.

Wakanda ist natürlich kein wirkliches afrikanisches Land. Es ist Ethnofolklore mit Düsenantrieb. Der Kollisionskurs zwischen »alter Zivilisation« (Stammesgesellschaft, Königreich) und afrofuturistischer Technologie ist bereits den popkulturellen Moden der späten 60er und frühen 70er vorgezeichnet, denen sich die Erfindung des Comic-Black-Panther verdankt. Die Personifikation dieser Widersprüche ist augenscheinlich die Shuri-Figur. In den Comics eine gemeingefährliche Cholerikerin, im Film eine ambitionierte junge Wissenschaftlerin und schließlich rachsüchtige Thronerbin. Der Wissenschaftlerin wird noch ein technisches Bastelgenie vom MIT an die Seite gestellt: Die Studentin Riri Williams (Dominique Thorne), die demnächst als »Ironheart« eine eigene Serie bekommt.

Dynastische Nachfolge und Maschinenbastelei. Das schreit nach Krieg. Tatsächlich lockt das Machtvakuum in der Beerdigungsgesellschaft diverse auswärtige Kontrahenten an. Der CIA will an das sagenhafte Vibranium (gleichsam Wakandas Düsenantrieb) für die Waffenproduktion des US-Imperialismus. Wichtiger aber noch – mutmaßlich vor allem für Phase V – meldet mit Namor (Tenoch Huerta), König des Unterwasserreiches Talocan, ein weiterer Machtjunkie seine Ansprüche an. In den Comics war Namor so etwas wie die Marvel-Entsprechung zu Aquaman, ein Mutant, der plötzlich in Atlantis das Sagen hatte. Die Filmversion bekommt eine koloniale Maya-Mythologie der göttlichen gefiederten Schlange angedichtet (frei nach besoffenem D. H. Lawrence in Mexiko). Mit ihm und seinem blauhäutigen Kriegsgefolge kommt ein weiteres flächiges Element in den Film: das Wasser. Auch als Bildelement der Seeschlacht ist es nicht zu vernachlässigen.

Der Film endet dann symbolträchtig am Strand in einem seltsam idyllischen Haiti. Das Auswärtige Amt warnt da aktuell nicht grundlos: »Protestaktionen und gewalttätige Auseinandersetzungen krimineller Banden sind an der Tagesordnung und haben sich auch auf bisher als sicher geltende Stadtteile im Großraum Port-au-Prince ausgedehnt. Im Zusammenhang mit der fortdauernden politischen Krise und mit den nun für Ende 2022 angestrebten Wahlen dürfte sich die Situation weiter verschärfen.«

»Black Panther: Wakanda Forever«, Regie: Ryan Coogler, USA 2021, 162 min., bereits angelaufen

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