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Aus: Ausgabe vom 10.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Quellenkritikerin des Tages: Evelyn Zupke

Von Nico Popp
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Traut den Akten nicht: Evelyn Zupke (Berlin, 16.6.2022)

Zu den Quellen, »ad fontes«, war in der Renaissance die Losung von Leuten, die Geschichtsschreibung nicht mehr als Sammlung von Mythen betreiben wollten. Ein halbes Jahrtausend später waren linke Historiker bei der Einsicht angekommen, dass ein Arrangement von Aktenstücken und »Fakten« nicht hinreicht, um beim Begriff einer Sache zu landen.

Dann kam Joachim Gauck. Der hat als Methodenlehrer der Geschichtswissenschaft Epoche gemacht, als er ehedem die Behörde, die den Aktenbestand der DDR-Staatssicherheit hütete, zur Auskunftei für DDR-Geschichte machte – die »Stasi-Akten« fungierten als zeitgeschichtlicher Universalschlüssel für die »Aufarbeitung«. Nebenbei wurden Ostdeutsche bei Bewerbungen oder beim Eintritt ins Rentenalter »gegauckt« und Personen des öffentlichen Lebens, die nicht ganz auf Linie waren, nach allen Regeln der Kunst demontiert. Wer war IM? Wer war es nicht? Und warum eigentlich nicht? Wer hatte welche »Kontakte«? Grundsatz: In den Akten findet sich »die Wahrheit«.

Doch das Lehrgebäude von Gauck wankt, unterminiert von ganz unerwarteter Seite: Die »SED-Opferbeauftragte« Evelyn Zupke signalisierte am Mittwoch, dass die Leute, für die sie zuständig ist, mit den Ämtern hadern. Offenbar ziehen die inzwischen routiniert alte DDR-Akten heran, um Entschädigungsanträge als haltlos abzuschmettern.

Zupke will, dass die Ämter sich nicht mehr »maßgeblich« auf »Akten aus einer Diktatur« stützen. Auch Dieter Dombrowski, »Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft«, stöhnt: »Am Ende scheitern die Antragsteller immer vor Gericht. Denn vor Gericht zählen Beweise.« Und dazu taugen die Akten am Ende doch nicht? Vorschlag zur Güte: Ab sofort wird das amtlich beglaubigte Wissen über die DDR nicht mehr aus den MfS-Akten, sondern ausschließlich aus den Erzählungen der Zupke-Klientel geschöpft. Gauck wird damit leben können.

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