3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Dienstag, 31. Januar 2023, Nr. 26
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 09.11.2022, Seite 7 / Ausland
IS-Anschlag

Von außen geplant

Iran präsentiert ausländische Täter für Massaker in Moschee. Hintergründe jenseits IS-Reklamation weiter unklar
Von Knut Mellenthin
7.JPG
Zu Grabe getragen: Abschied von den 13 Getöteten in Schiras (29.10.2022)

Iranischen Angaben zufolge soll es sich ausschließlich um Nichtiraner aus Aserbaidschan, Tadschikistan und Afghanistan handeln. Am Montag wurden im Zusammenhang mit dem Terrorangriff auf eine Pilgerstätte in der südiranischen Stadt Schiras am 26. Oktober 26 Personen verhaftet, die an der Tat beteiligt gewesen sein sollen. Dies teilte das für die Nachrichtendienste zuständige Ministerium in Teheran mit.

Der Anschlag war von nur einem Mann ausgeführt worden, der das unter dem Namen Schah-Tscheragh-Schrein bekannte schiitische Heiligtum mit einem Schnellfeuergewehr betreten und um sich geschossen hatte. Er tötete mindestens 15 Menschen, darunter eine Frau und zwei Kinder, und verletzte 19 weitere, bevor er niedergeschossen oder -geschlagen wurde. Der Täter, nach Angaben des Ministeriums ein Staatsbürger Tadschikistans, starb später im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Iranische Stellen hatten in ersten Meldungen von zwei oder drei Mordschützen gesprochen. Der wirkliche Tathergang ist aber durch die Überwachungskameras eindeutig dokumentiert.

Nicht überzeugend

Im Bericht des Nachrichtendienstministeriums vom Montag wird außerdem ein Afghane genannt, der »Unterstützung« bei dem Angriff geleistet habe. Worin diese bestanden haben soll, wurde bisher offenbar nicht erläutert. Der wichtigste »Koordinator« vor Ort war dem Ministerium zufolge ein Bürger Aserbaidschans, der mit dem Flugzeug aus dessen Hauptstadt Baku gekommen sei und mit dem internationalen Terrornetzwerk »Islamischer Staat« (IS), im Iran meist »Daesch« genannt, kommuniziert habe.

Die insgesamt 26 »Takfiri«-Terroristen – ein weiterer im Iran üblicher Begriff, wo selbstverständlich nicht von »Islamisten« gesprochen wird – seien in verschiedenen Provinzen des Landes aufgespürt worden, während andere beim Versuch, über die Ostgrenzen zu flüchten, festgenommen worden seien. Ob diese nach Turkmenistan, Afghanistan oder Pakistan wollten, wurde in der Mitteilung des Ministeriums nicht erläutert.

Unklar bleibt außerdem, warum und in welcher Weise mindestens 26 Ausländer aus drei Staaten an einem Anschlag beteiligt gewesen sein sollen, der praktisch von nur einem einzigen Mann durchgeführt wurde. Auch die Annahme, dass es keine iranischen Unterstützer gegeben habe, wirkt nicht überzeugend.

Weiterer Anschlag geplant?

In der Darstellung, die das Teheraner Ministerium am Montag veröffentlichte, heißt es ferner, einige der Verhafteten – weder deren Zahl noch konkrete Details wurden dabei erwähnt – hätten einen weiteren Terroranschlag in Zahedan, der Hauptstadt der südöstlichen Provinz Sistan und Belutschistan, geplant. In der Provinz, die an Afghanistan und Pakistan grenzt, gibt es immer wieder Zwischenfälle sowohl mit bewaffneten Separatisten als auch mit Banden von Drogenschmugglern.

Der IS veröffentlichte über seinen Nachrichtenkanal »Amaq« eine Stellungnahme, mit der das Terrornetzwerk den Angriff auf den Schrein in Schiras für sich reklamierte. Ein Video zeigte den Mordschützen vor der Tat. Die Anschläge des »Islamischen Staates« richten sich nahezu ausschließlich gegen Teile der islamischen Weltgemeinschaft, insbesondere Schiiten, die von den Fanatikern als »Ungläubige«, »Ketzer« und »Renegaten« angesehen werden. Die letzte große Operation vor dem jetzigen Anschlag war ein Doppelangriff am 7. Juni 2017 in Teheran, der sich gleichzeitig gegen das Parlamentsgebäude und gegen das Mausoleum des ersten »Revolutionsführers« Ruhollah Chomeini richtete. Beteiligt waren damals fünf bewaffnete Männer. Sie töteten 17 Menschen und verletzten 43 weitere.

Vor der Mitteilung des Nachrichtendienstministeriums vom Montag hatten mehrere iranische Politiker den Anschlag in Schiras einerseits mit den anhaltenden Protesten nach dem Tod der 22jährigen Mahsa Amini im Polizeigewahrsam in Zusammenhang gebracht und zugleich eine direkte Drahtzieherrolle der USA und Israels konstruiert. Davon ist jedoch im Bericht des Ministeriums nicht die Rede.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Die Universität Kabul am Dienstag nach dem Angriff
    05.11.2020

    Anschlag auf Studenten

    »Islamischer Staat« in Afghanistan reklamiert Terrorangriff auf Universität Kabul für sich
  • Partnerschaft auf Augenhöhe? Die Kämpfer der kurdischen YPG erfr...
    13.11.2017

    Great Game

    In Syrien wie im ­gesamten Nahen Osten ringen Regional- und Großmächte um Einfluss. Die Position der USA ist dabei ­schwächer geworden
  • Ob »Tomahawks« nach Syrien oder die »Mutter aller Bomben« nach A...
    15.04.2017

    Der Irre mit der Bombe

    Drohgebärde gegen Iran und Nordkorea: Kriegsherr und US-Präsident Donald Trump lässt Massenvernichtungswaffe über Afghanistan abwerfen
Startseite Probeabo