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Aus: Ausgabe vom 09.11.2022, Seite 2 / Ausland
Repressionen gegen Frauen

»Ich bin Guerillera – wie viele Frauen in Kurdistan auch«

Internationale Frauenkonferenz in Berlin: Gemeinsamkeiten zwischen indigenen und kurdischen Befreiungskämpfen. Ein Gespräch mit Lolita Chavez
Interview: Annuschka Eckhardt
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Die 2. Internationale Frauenkonferenz »Women Weaving Future« am 5./6. November 2022 in Berlin

Was bedeutet die 2. Internationale Frauenkonferenz »Women Weaving Future«, übersetzt »Frauen weben die Zukunft«, die vergangenes Wochenende in Berlin stattfand, für Sie?

Es ist eine Vernetzung, in der wir Frauen uns von verschiedenen Kontinenten verbinden. Angelehnt an das Motto der Konferenz, wollen wir unsere Kämpfe gegen Unterdrückung verweben. Abya Yala ist unsere Selbstbezeichnung für die Amerikas, denn »Amerika« ist der Begriff der Kolonisatoren für unser Land. Wir Frauen wollen unsere Zukunft gestalten und müssen unsere Territorien verteidigen. Von Abya Yala bis Kurdistan.

Sie waren eine Sprecherin beim Eröffnungspodium. Welche Bedeutung hat es für Sie, Teil der Konferenz zu sein?

Hier zu sein ist eine Quelle der Inspiration. Ich bin Maya aus Guatemala. Teil dieser Konferenz zu sein, schenkt mir Hoffnung, eine gemeinsame Erinnerung zu schaffen. In unseren Dörfern gibt es viel Druck und Zwang von außen. Mit diesem Lichtblick schaffen wir Wege, wie wir Frauen es aushalten können, so häufig unter Gewalt und Folter zu leiden. Wir Frauen ertragen Kriege, werden als Kriegssteuer und als Kriegswaffe benutzt. Bei der Konferenz sind wir nicht alleine, wir sind zusammen hier. Uns zu vereinen ist die Stärke, die ich brauche, denn ich wurde in Guatemala juristisch verfolgt und kriminalisiert. Es gibt Strafanzeigen gegen mich, die mich beschuldigen, Terroristin zu sein. Ich bin keine Terroristin! Ich bin Kommunistin und eine Verteidigerin unseres Territoriums.

Welche Kämpfe kämpfen Sie und Ihre Genossinnen in Guatemala?

Einer unserer Kämpfe ist die Verteidigung unseres Territoriums, wir indigenen Gemeinden gehören zu dieser Erde, wir sind diese Erde. Wir verteidigen aber auch das Wasser, die Flüsse und die Berge gegen den enthemmten Extraktivismus, der unsere Natur ausbluten lässt. Wir sind nicht nur Antiimperialistinnen, weil wir keine Invasionen der USA wollen, die auf verschiedene Weise immer wieder in unsere Territorien eindringen, wir sind auch Antikapitalistinnen. Aber vor allem sind wir antipatriarchal.

Warum steht der antipatriarchale Kampf für sie so im Vordergrund?

Weil das Patriarchat die Basis des Übels ist. Und meiner Meinung nach auch die Basis des Imperialismus. Wenn wir das Patriarchat loswerden, überwinden wir auch den Imperialismus.

Und was sind ihre konkreten Forderungen gegenüber dem guatemaltekischen Staat?

Wir fordern Autonomieregelungen für die indigenen Gemeinschaften. In Guatemala gibt es mindestens 22 Sprachen, und wir wollen mit allen Kulturen und Sprachen in der guatemaltekischen Verfassung und in der Politik berücksichtigt werden und möchten die Anerkennung der indigenen Rechte erreichen.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Kämpfen in Guatemala und den Kämpfen der Frauen in der kurdischen Befreiungsbewegung?

Ich beobachte Ähnlichkeiten in unseren theoretischen Ansätzen. Für mich ist die Jineologie, Wissenschaft aus der Perspektive von Frauen, die von den Frauen in Nordostsyrien gelehrt wird, ein alternativer Ansatz, der mit den eurozentrischen und patriarchalen Wissensstrukturen bricht. Dieser hat für mich Übereinstimmungen mit dem Konzept des »Buen vivir«, des »guten Lebens«, das in Ecuador und Bolivien in verschiedener Weise der Verfassung zugefügt wurde und die Natur als Menschenrechtssubjekt einordnet. Auch die Selbstverteidigung der Frauen verbindet unsere Kämpfe. Ich bin Guerillera – wie viele Frauen in Kurdistan auch. Wir kämpfen für unser Selbstbestimmungsrecht, das haben wir gemeinsam.

Und welche Unterschiede sehen Sie?

Natürlich gibt es große Unterschiede, zum Beispiel in der Form, wie wir entmachtet wurden. Aber genau durch diese Unterschiede können wir uns mit gegenseitigen Anregungen ergänzen.

Trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten – wie kann ein gemeinsamer, solidarischer feministischer Kampf aussehen?

Wir müssen uns verbinden. Die kurdische Bewegung spricht vom Demokratischen Konföderalismus. Wir in Guatemala sprechen vom Plurinationalismus. Wir sollten uns in unseren Systemen ergänzen. Was wir unbedingt von der kurdischen Frauenbewegung lernen müssen: Wie können wir unsere Selbstverteidigung organisieren?

Lolita Chavez ist Mitglied des Rates der K’iche’-Völker zur Verteidigung von Leben, Natur, Land und Territorium (CPK).

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