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Aus: Ausgabe vom 08.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Kein Eis in Katar

Aufregung vor Fußballweltmeisterschaft
Von Arnold Schölzel
Protest von Dortmunder Fußballfans am Sonntag
Protest von Dortmunder Fußballfans am Sonntag

Wertegeleitet und regelbasiert saß Wirtschaftsminister Robert Habeck im März wegen Betteln um Ersatzerdgas beim Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani. Die Sportsfreunde kamen schnell vom Brot, das es in der Bundesrepublik auch ohne russisches Gas geben soll, auf Spiele. Den Fürsten interessierte, ob der Deutsche denn zur Fußballweltmeisterschaft (WM) kommen werde. Habeck habe kurz gezögert, berichtete der Spiegel am Sonntag, und dann gemeint: »Wenn es ein Spiel zwischen Deutschland und den Niederlanden gibt, dann komme ich.« Woraufhin Al Thani, der für die WM mehr als 200 Milliarden Euro ausgegeben haben soll, lebhaft vom WM-Spiel zwischen beiden Ländern 1990 zu erzählen begann, als Frank Rijkaard dem Rudi Völler ins Haar spuckte. Spiegel: »Das Eis zwischen den beiden Männern war gebrochen.« Obwohl da nichts aufzutauen war. Überliefert ist von der Reise ein Foto, auf dem Habeck mit Kratzfuß, vielleicht auch Kniefall nach der Hand eines aufrecht stehenden katarischen Potentaten greift.

Seit damals war klar, dass die WM ungestört stattfinden wird – von ein paar Meckereien vorab abgesehen. Mit denen wurde von Regierungsseite Habecks Kollegin, Innenministerin Nancy Faeser beauftragt, die in der vergangenen Woche in Katar nicht zum Emir, aber zu einem anderen Al-Thani-Scheich vorgelassen wurde. Sie hatte zuvor bei »Monitor« gerügt, dass bei der Vergabe der WM an Katar offenbar nicht »an die Einhaltung der Menschenrechte, an Nachhaltigkeitsprinzipien« gedacht worden sei, und behauptet, »dann wäre es besser, dass das nicht in solche Staaten vergeben wird«. In Katar wurde der deutsche Botschafter einbestellt, später durfte Faeser verkünden, ihr sei zugesagt worden, alle Fußballfans seien sicher, »egal, an wen man glaubt, wen man liebt, wo man herkommt«. Kein Eis in Katar, nur Friede und Freude. Am 23. November fliegt Faeser erneut hin.

Bis zur WM-Eröffnung am 20. November ist noch Zeit, also ging das Werte- und Regelpingpong am Montag weiter. Fußballfans durften am Wochenende in den Bundesligastadien großflächig zum WM-Boykott aufrufen und anprangern, dass bei den Bauarbeiten etliche tausend Menschen gestorben sind. Der Deutsche Fußballbund antwortete FIFA-Chef Giovanni Infantino, der aufgerufen hatte: »Konzentrieren wir uns jetzt bitte auf den Fußball«, mit einem Brief ohne Inhalt. Was zählt: Infantino will bei der teuersten WM aller Zeiten für seinen Verband den höchsten Gewinn aller Zeiten einfahren – geschätzt um die sieben Milliarden US-Dollar.

Ebenfalls am Montag wetterte der katarische Außenminister im FAZ-Interview über deutsche »Doppelmoral« und »Fehlinformationen« durch Regierungsmitglieder, was besagt: Das Geschäft findet statt, bei Gas wie im TV. Habeck will zwar nicht mehr zur WM fahren, wird aber nicht mehr benötigt. Die Sache lief seit der Vergabe 2010 sicher ab: In Katar befindet sich die größte US-Basis im Nahen Osten.

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  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (12. November 2022 um 11:06 Uhr)
    Nur die arabische Welt kann das feudale Parasitentum Katars beseitigen! Der Aufstieg Katars beruht nicht auf der persönlichen Arbeitsleistung der 300.000 Kataris. Bei der Basis der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung handelt es sich um die im Territorium vorhandenen natürlichen Rohstoffe. Die repräsentierte Bautätigkeit und die äußere Fassadenmalerei sind vor allem ein Ergebnis der Arbeitsleistung westlicher Techniker, Ingenieure und Architekten und der zurzeit mehr als zwei Millionen ausländischer und migrantischer Arbeitskräfte sowie Haussklaven. Die Mehrheit der Kataris befindet sich geistig-tiefenpsychologisch noch im Altertum und im Feudalismus; feudal-religiös, im 6. und 7. Jahrhundert. Selbst in vergangenen Jahrhunderten war in ihrer Gesamtheit die arabisch-islamische Welt den Kataris und Saudis um Jahrhunderte (…) voraus. Das inhumane feudale Parasitentum lässt sich nur durch einen blutigen Bürgerkrieg der arabischen Welt gegen die Golfmonarchien beseitigen. Der natürliche und vorhandene Reichtum muss allen arabisch-islamischen Völkern zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zur Verfügung stehen!
  • Leserbrief von gregorogin aus Halle (11. November 2022 um 12:17 Uhr)
    Für diese ehrenwerten Herren gilt: Geld stinkt nicht.

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