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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Komödie in der Ecke

Krieg ist, wenn man trotzdem lacht: David O. Russells Geschichtspanorama »Amsterdam«
Von Manfred Hermes
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Bestens darstellergestützt: Geschichtspanorama »Amsterdam« (Christian Bale (l.), Margot Robbie, John David Washington)

Das Einheiraten in die New Yorker Oberschicht hatte sich Burt (Christian Bale) anders vorgestellt. Beim Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg drängen ihn die Eltern seiner Frau, sein patriotisches Opfer zu bringen und sich freiwillig zu melden. Das sähe einfach besser aus. Burt überlebt diesen Krieg, aber ein Auge ist weg. In einem belgischen Lazarett lernt er mit Freund Harold (John David Washington) Valerie kennen (Margot Robbie), eine abenteuerlustige Frau, die sie als Krankenschwester betreut.

Einerseits zerstört der Krieg die Städte, verroht die Menschen und zerfetzt ihre Körper, andererseits ist er ein Inkubator gesellschaftlicher Veränderungen, da er produktive Vermischungen auslösen und persönliche Befreiungen ermöglichen kann. In einem früheren Leben war Burt Arzt, Harold Anwalt, bei Valerie weiß man nicht genau, was sie auf das europäische Kriegstheater verschlagen hat. Sie verstehen sich gut, wollen Freunde fürs Leben bleiben und ziehen nach Kriegsende ins liberale Am­sterdam. Der gleichnamige Filmtitel nimmt den Namen als Synonym für ein neues Leben im lustigen Zustand der Bohème, die von der in den USA herrschenden Enge und Normen weit entfernt ist.

Illusion des Aufstiegs

Für Harold, der in Europa erkennen musste, nicht mal einer Uniform der US-Armee würdig zu sein (Afroamerikaner mussten die der französischen Alliierten tragen), bedeutet das vor allem: Urlaub von dem harten Alltag der Segregation. Valerie hingegen verliebt sich in ihn und nimmt ihre künstlerische Arbeit wieder auf. Sie macht Filme, Collagen und Objekte aus Schrapnelltrümmern, die aus der Kriegserfahrung schon die Dadalektion der grotesken Verhässlichung abgeleitet haben.

Das Gelübde ewiger Freundschaft hält aber nicht lange, die Wege trennen sich wieder, führen sie aber alle an die Ostküste der USA zurück. Burt wird dort auch gleich aus der Illusion des sicheren gesellschaftlichen Aufstiegs gerissen. Seine Ehefrau (Andrea Riseborough) ist ihm gegenüber stark abgekühlt und lässt seine Drift an den Rand der Gesellschaft geschehen.

An dieser Stelle schlägt auch David O. Russells Komödie einen Haken. Über eine ohnehin schon reiche Themenpalette (Körperhorror und plastische Chirurgie, Ornithologie und Pharmazie), auf der sich, wie es einmal im Film gesagt wird, alles mit allem überlappt, strickt er jetzt noch eine Krimihandlung.

Eigenartig verkugelt

Burt wird in zwei Morde und eine falsche Beschuldigung verwickelt, Zug um Zug blättern sich dadurch aber Zusammenhänge von einer viel größeren Reichweite auf: Teile in der US-Wirtschaft planen einen Staatsstreich, bei dem ein im Weltkrieg ausgezeichneter General (Robert De Niro) als Führer einer autoritären Regierung eingesetzt werden soll.

Mitgemeint sind dabei die Rückkopplungen, die diese (historisch belegte, pophistorisch aber wenig verankerte) Geschichte der großen faschistischen Konspiration mit den totalitären Versuchungen von heute ermöglicht. Russells Drehbuch denkt hier das Faschistoid-Werden der Republikanischen Partei mit ein, die Bürgerkriegsphantasien diverser rassistischer Milizen oder die Verrohung des medialen Raums auf den Plattformen der Internetkonzerne.

Das ist groß gedacht und wiegt natürlich schwer, trotzdem ist nicht ganz klar, ob diese Seite des Sinns und der Bedeutung durch das Distanzmittel der Komik mit Screwball-Anteilen gewinnt. Oder ob dieses Geschichtspanorama, das knapp zwei Jahrzehnte bis 1933 überspannt, ein ganzes Jahrhundert impliziert, umfangreiche Vor- und Rückblenden erfordert und unter dem Freiheitsrubrum »Amsterdam« steht, nicht vielmehr das Komödiantische in die Ecke treibt. Die Gelenke des Films scheinen jedenfalls eigenartig verkugelt zu sein.

Aber diese Diskrepanzen fallen um so weniger ins Gewicht, als »Amsterdam« zahlreiche unmittelbare ästhetische Qualitäten aufweist, von denen viele im übrigen darstellergestützt sind. So kommt es, dass der Spaß, den selbst die immer etwas zu glatte Robbie, der oft leicht fade Washington, der nicht selten übereifrig intensive Bale hier hatten (der sich für den Film in dem Maße runtergehungert hat wie für »American Hustle« zugefüttert), sich direkt auf das Publikum überträgt. Russells Virtuosität fürs Schauspielerische zeigt sich dabei insbesondere bei der Besetzung seiner langen Liste von Nebenrollen und den zahlreichen und sehr vielfältig großartigen Einzelleistungen auf.

»Amsterdam«, Regie: David O. Russell, USA 2021, 134 Min., bereits angelaufen

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