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Aus: Ausgabe vom 07.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Übliche Verdächtige

Angriff auf Stauanlage bei Cherson
Von Reinhard Lauterbach
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Russische Soldaten an der Staumauer in Kachowka (20.5.2022)

Es ist schon auf der Oberfläche der Agenturmeldungen seltsam: Im ersten Absatz wird unter Berufung auf russische Quellen berichtet, die Ukraine habe die Staumauer des Wasserkraftwerks von Kachowka mit »Himars«-Raketen angegriffen. Das kann in der Sache stimmen oder auch nicht, aber darauf kommt es nicht in erster Linie an. Wichtig ist die Botschaft des zweiten oder dritten Absatzes: Die Ukraine beschuldige Russland, den Staudamm vermint zu haben, um ihn im Falle eines erzwungenen Rückzugs aus Cherson sprengen zu können. Eine Gebetsmühle ist abwechslungsreich dagegen.

Logisch ist das nicht im geringsten: Russland würde, wenn es jetzt den Damm sprengte, seine eigenen in Cherson stehenden Truppen von Rückzugsmöglichkeiten und Versorgungswegen abschneiden. Und wenn Russland den Brückenkopf in Cherson tatsächlich räumen sollte? Dann gäbe es erstens eine Überschwemmung, und zwar wegen des flachen Geländes exakt auf dem linken Dnipro-Ufer, dem, das russisch kontrolliert ist und das Russland selbst im Falle, dass es sich aus Cherson zurückziehen müsste, wahrscheinlich zu halten versuchen würde. Zweitens würde der Wasserspiegel im Stausee sinken und damit die Wasserzufuhr in den aus diesem abzweigenden Nord-Krim-Kanal in Gefahr geraten. Dieser Kanal sichert die Süßwasserversorgung der Krim, und seine Kontrolle war eines der wesentlichsten russischen Kriegsziele, nachdem ihn die Ukraine 2014 gesperrt hatte. Drittens würde dem AKW Saporischschja das Kühlwasser ausgehen, damit stiege das Risiko eines Störfalls. Wohin würde der Wind den Fallout blasen? Eben, nach Osten. Auch die Ukraine liegt in dem geographischen Bereich, in dem westliche Winde vorherrschen. Wer also hätte etwas von den Langzeitfolgen? Mit Sicherheit nicht Russland. Aber die Ukraine, wenn sie insgeheim für den Fall eines für sie territorial ungünstigen Friedensschlusses planen sollte. Dann hätte so ein Angriff seine Logik.

Vielleicht sollte man »Putins« Strategen auch dann, wenn man ihnen böse Absichten unterstellt, nicht den Verstand absprechen. Genau dies tun die Kiewer Propaganda und die Medien, die ihr jeden Vorwurf abkaufen, systematisch mit ihren Adressaten. Sie setzen auf Unkenntnis der faktischen Verhältnisse im breiten Publikum und auf das Schweigen der Expertengemeinschaft, die sich nicht dem Vorwurf der Putin-Versteherei aussetzen will. Denn das ist im Zeitalter der Cancel Culture ein Karrierekiller. Letzter Punkt: Die Ukraine setzt mit einigem Erfolg auf etwas, das sie in der westlichen Medienöffentlichkeit vorgefunden hat – den Trend zur Emotionalisierung von Themen anstelle der sachlichen Analyse von Interessen und Potentialen. Im Kopf soll der Katastrophenfilm ablaufen, egal wie unplausibel der Plot ist. Dagegen hilft nur, mit Kant zu sagen: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover ( 8. November 2022 um 00:35 Uhr)
    Dass die Kontrolle über den Nord-Krim-Kanal »eines der wesentlichsten russischen Kriegsziele« gewesen sei, ist mir aus keiner einzigen offiziellen russischen Äußerung bekannt. Man sollte deshalb besser vom russischen »Interesse« an der Kontrolle über diesen Kanal reden. Medwedew hat kürzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass u. a. das ukrainische Streben nach nuklearer Aufrüstung maßgeblich die Entscheidung zur Vornahme einer militärischen Sonderoperation in der Ukraine bedingt hatte. Die von Selenskij auf der Münchner Sicherheitskonferenz angedeutete Idee, den Donbass mit Atombomben zurückzugewinnen, ist einfach nur aberwitzig. Genauso aberwitzig wie das westliche Schweigen zu diesem Wahnsinn. Wie Recht Putin doch hat mit seinem Wort vom westlichen Lügenimperium.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam ( 7. November 2022 um 06:30 Uhr)
    Wo kein Verstand ist, kann man sich seiner auch nicht bedienen. Die westlichen Medien im Auftrage der politischen Elite haben seit ihres Bestehens alles daran gesetzt, ihren Konsumenten den Verstand zu vernebeln. Das wurde nach dem Ausbrechen des Ukraine-Konfliktes nochmals verschärft. Mit einigem Erfolg, wie die jüngsten Wahlergebnisse in diesem Land gezeigt haben. Die Demagogie hat ihre Ernte eingebracht und die Kriegstreiber dieses Landes in ihrem zerstörerischen Handeln bestätigt. Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selbst, möchte man den Mainzelmännchen*frauchen zurufen. Und da sind wir wieder beim Verstand, von dem bei vielen nichts mehr übrig ist.
  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude, Russland ( 7. November 2022 um 03:40 Uhr)
    R. Lauterbach schreibt in seinem Artikel: »Vielleicht sollte man ›Putins‹ Strategen auch dann, wenn man ihnen böse Absichten unterstellt, nicht den Verstand absprechen. Genau dies tun die Kiewer Propaganda und die Medien, die ihr jeden Vorwurf abkaufen.« In diesen Medien sitzen Leute mit Köpfchen. Die kaufen das nicht ab. Sie tun so – als ob und handeln im jeweiligen Auftrag ihrer Vorgesetzten oder Geldgeber. Das macht die Sache noch schlimmer. Ich glaube nicht, dass die ukrainische Regierung oder die Massenmedien damit Putins Strategen den Verstand absprechen, aber (mit einigem Recht und Erfolg) den Konsumenten ihrer Propaganda. Wer es verbreitet, dass ein Nawalny erst durch russische Stellen vergiftet wird und diese ihn dann per Sondergenehmigung nach Deutschland zur Kontrolle des »Deliktes« ausfliegen lassen, wer verbreitet, dass Russland seine eigenen Gasleitungen und von ihm besetzte Atomkraftwerke beschießt, der glaubt sicher nicht selbst daran, hält jedoch die anderen für so blöd.

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