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Aus: Ausgabe vom 07.11.2022, Seite 1 / Titel
Krisenstaat BRD

Millionen in Not

»Tafeln«: Massenandrang bei Ausgabestellen. Kinder besonders betroffen. Verbände fordern Sozialgipfel von Kanzler Scholz
Von Oliver Rast
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Immer mehr soziale Notlagen, immer dichteres Gedränge (Nürnberg, 8.9.2022)

Es reicht einfach nicht. Nicht einmal für den Grundbedarf an Lebensmitteln. Rund zwei Millionen Personen in Deutschland gehen aktuell zu einer der etwa 960 Ausgabestellen der Tafeln, twitterte der Dachverband der Lebensmittelretter am Sonnabend auf seinem Account. Seit Anfang des Jahres ein Anstieg von 50 Prozent.

Und: Auf Essensspenden sind längst nicht nur mehr ALG-II-Bezieher, Rentner und Geflüchtete angewiesen, wurde der Tafel-Vorsitzende Jochen Brühl am Sonnabend via Deutsche Presseagentur zitiert. Immer häufiger stünden Geringverdiener in der Warteschlange, die Ende des Monats keine Geldreserven mehr hätten, blank seien.

Das weiß auch Michaela Engelmeier. »Abermillionen hierzulande sind gerade in Not«, empörte sich die Vorstandsvorsitzende vom Sozialverband Deutschland (SoVD) am Sonntag gegenüber jW. Viele von ihnen wüssten nicht, »was morgen auf dem Teller liegen soll«. Eine Folge der Massenverarmung: Ein Drittel der Tafeln ist überlastet, musste bereits einen Aufnahmestopp verhängen. Bedürftige an der Pforte abweisen müssen, sei für die Zehntausenden Helferinnen und Helfer der Tafeln psychisch enorm belastend, so Brühl.

Was macht der Staat? Vielerorts einen Rückzieher. Statt dessen müsste er seiner Verantwortung stärker gerecht werden »und sich nicht länger auf ehrenamtlichem Engagement ausruhen«, kritisierte Engelmeier. Schlimmer noch: Sozialämter und Jobcenter schickten Menschen immer wieder ohne Absprache zu den Tafeln, obwohl sie ein freiwilliges, spendenbasiertes Angebot und keine staatliche Einrichtung seien. Brühl ist ob dieses Behördenversagens leicht konsterniert: »Wir können nicht auffangen, was der Staat nicht schafft.«

Dauerkunden bei den Tafeln sind ferner »sehr viele Kinder«, sagte Uwe Kamp, Pressesprecher vom Deutschen Kinderhilfswerk, am Sonntag zu jW. Jedes fünfte hierzulande lebe in Armut. In der Corona- und Energiekrise habe sich die Situation beim Familiennachwuchs weiter extrem verschärft. »Mit unfassbarer Wucht.« Um die Krisenfolgen abzumildern, müsse eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung her, forderte Kamp. Die vorgesehenen Sätze beim künftigen Bürgergeld seien viel zu niedrig »und werden uns bei der Bekämpfung der Kinderarmut keinen Schritt weiterbringen«. Das sieht die Tafel genauso – und verlangt, die 502 Euro für Alleinstehende auf 678 Euro anzuheben. Nur so sei einigermaßen ein »armutsfestes Leben« denkbar.

Ein weiteres Problem: Die Spendenbereitschaft von Supermärkten, Bäckereien und Lebensmittelherstellern sinkt nach Angaben der Tafeln spürbar. Im Kontrast dazu: Jährlich werden in Deutschland dem Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) zufolge elf Millionen Tonnen – oft halt- und verzehrbarer – Lebensmittel sprichwörtlich in die Tonne gekloppt, weggeschmissen, berichtete der Evangelische Pressedienst am Sonnabend. Aber: Containern, also das Einsammeln von Essbarem aus dem Müll von Einkaufsläden ist weiterhin strafbar.

Was bleibt als Fazit? Der Krisentrend dürfte anhalten, die Armut weiter zunehmen. Ein Beleg: 2020 besuchten etwa 1,1 Millionen Personen die Tafeln, hieß es jüngst in einer Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus Berlin. Nun sind es beinahe doppelt so viele. Ein Bündnis von Sozialverbänden hatte »schon vor längerer Zeit Bundeskanzler Scholz aufgefordert, einen Sozialgipfel einzuberufen«, erinnerte Engelmeier vom SoVD. Resonanz? Null.

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  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg ( 7. November 2022 um 15:10 Uhr)
    Immer weitere Steigerungen bei den Preisen wie bei Waren des täglichen Bedarfs werden immer mehr Menschen finanziell zur Verzweiflung bringen! Die diversen Hilfsprogramme der Bundesregierung sind dabei auch nur ein kalter Tropfen auf dem heißen Stein und so werden immer mehr Menschen in die Armutsfalle kommen, einer der letzten Auswege sind dann die Tafeln. Und diese wissen nicht mehr, wie sie diesen Ansturm aushalten sollten. Diese aktuelle Entwicklung hat soviel sozialen Sprengstoff in sich, dass man sich wirklich fragen muss, wann das Fass hier am überlaufen ist. Es ist sowieso schon mehr als traurig, dass es solche sozialen Einrichtungen wie die Tafeln hier geben muss, aber ich glaube, dass wir hier das Ende der sozialen Spaltung noch nicht erreicht haben. Schon jetzt ist es bei vielen Menschen so, dass am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist und man nicht weiß wie es weitergeht und ja ich weiß, wovon ich rede!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland W. aus 08280 Aue ( 7. November 2022 um 13:44 Uhr)
    »Tafeln«, Millionen in Not, mangels Lebensmitteln – warum hat die Nachkriegs- bis zur »Wende«-Generation Ost das nie erfahren? Antwort geben Lautsprecher, Vertreter dieses Staates nicht. Wie wir 40 Jahre gelebt haben sollen, ist täglich aus heutiger Medienwelt zu erfahren. »Aufarbeiter« sind damit beschäftigt, uns zu erzählen, wie grau, grausam unser Leben gewesen sei. Trabant mit 12 Jahren Wartezeit, eingeschränkte Reisewelt, (Bananen-)Mangelwirtschaft, Stasi, Mauer, Unfreiheit, Diktatur, die stereotypen Leidensberichte. Armentafeln aufzusuchen, entwürdigende Szenarien in elementaren Menschenrechten, unwürdigen Arbeitszwang, Hunger- und Billigjobberei kommt nie in vergleichendem Aufarbeiter-»Kontrastprogramm«. Armentafeln gelten wie soziale Daseinsfürsorge. Wem stellt sich die Frage, wie sich Menschen fühlen, die Armut ,Bedürftigkeit an Tafeln zwingt? Was empfinden »Tafelkunden« verschämt,versteckt an Ladenorten fern pulsierendem Lebens? Warum Erinnerungskultur des Schreckens und Mangels noch heute und länger im Tafelland gebraucht wird, versteht sich von selbst. Tausende Menschen gehen auf die Straßen. Es geht um existentiellere Nöte. In den Köpfen muss jede DDR-Legende über die Lebenswelt täglich genährt werden, hier und heute scheint so erträglich. Kinder, Enkel dürfen nichts wissen von lebenswertem DDR-Sozialismus. Vom Land der Eltern, Großeltern darf nur Diktatur, Mauer, Stasi, Wartezeit fürs Auto, Unfreiheit im Bewusstsein existieren. Das ist erwünschtes, gefordertes Bild, Horizont der Meinungsfreiheit. Gehobenes Niveau darf wissen, in der DDR waren alle arm. Marktwirtschaft hat Reiche und Superreiche, damit nicht alle arm sein müssen wie im Sozialismus. So simpel ist Denken, wenn es an eigenem Denken mangelt. Wohlstand kommt von Fleiß, jeder ist seines Glückes Schmid, Markt regelt alles allein und gerecht. So einfach ist die Welt verbürgerlichter freiheitlicher Individualisten. Auf dem Berge wohnend, blicken sie herablassend auf die im Tal.
  • Leserbrief von Dr. Jürgen Enseleit aus Schwetzingen ( 7. November 2022 um 10:01 Uhr)
    Wenn die weggeworfenen/vernichteten Lebensmittel den Tafeln zur Verfügung stehen würden, wäre keines der beiden Probleme gelöst! 1. die zunehmende Spaltung in arm und und; und 2. die sinnlose Überproduktion von Lebensmitteln mit den damit verbundenen Folgen für Umwelt/Natur/Klima! Es geht nicht um die Linderung von Symptomen, sondern um die Beseitigung von Ursachen!

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