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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Absolute Macht und unerwarteter Widerstand

Der Allmachtswahn des Westens wurzelt in Kolonialismus und Sklaverei. Domenico Losurdo schrieb 2016 über heutige Konflikte
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Afrikanische Sklaven werden in die Vereinigten Staaten verschleppt (Grafik von 1881)

Indem der Westen sich das Recht anmaßt, einen Krieg auch ohne Autorisierung durch den UN-Sicherheitsrat zu entfesseln, beansprucht er de facto auf internationaler Ebene eine Macht, die keiner Kontrolle unterliegt. Indem sie das Prinzip der Achtung staatlicher Souveränität für obsolet ansehen, ja dies sogar proklamieren, jedoch ausschließlich sich selbst das Recht vorbehalten, die Souveränität dieses oder jenes Staates für überholt zu erklären, schreiben sich die Großmächte des Westens, allen voran sein Führungsland, eine über das eigene Staatsgebiet ­hinausgehende, erweiterte Souveränität zu, eine imperiale Souveränität.

Auf einer streng militärischen Ebene ist uns das Bestreben der Vereinigten Staaten bekannt, ein De-facto-Monopol für Atomwaffen zu erlangen, das heißt, in der Lage zu sein, sie ohne Angst vor Vergeltung einzusetzen. Beherzigt man das Motto von Lord (John) Acton (1834–1902, britischer Historiker, gemeint ist sein Ausspruch »Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut«, jW), drängt sich eine Schlussfolgerung sofort auf: Unabhängig von der Persönlichkeit des im Weißen Haus sitzenden Präsidenten, wie demokratisch seine Ideen und Einstellungen auch sein mögen, würde die absolute Macht über Leben und Tod, über die er auf planetarischer Ebene verfügte, »absolut« korrumpieren, und zwar absoluter denn je. Aus der Sicht von Acton ist dies eine höchst bedenkliche Situation. Der liberale Westen und seine angesehensten Denker äußern jedoch die gegenteilige Besorgnis: Sie zeigen sich unruhig und alarmiert durch die Tatsache, dass die von Washington beanspruchte absolute Macht durch den unerwarteten Widerstand, auf den das Imperium in verschiedenen Ecken der Welt gestoßen ist und noch stößt, durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die die Aufrechterhaltung und Entwicklung eines solchen Mammutmilitärapparats behindern, und durch den Aufstieg der Schwellenländer und insbesondere Chinas in die Krise gerät.

Die absolute Macht hat im weitgehend unangefochtenen Westen tatsächlich katastrophale Folgen gehabt. Das zeigt sich besonders deutlich im Mittleren Osten. Nach Hunderttausenden von Toten, Millionen von Verwundeten und Millionen von Flüchtlingen, materieller Zerstörung in großem Ausmaße und dem Entstehen der Hölle des Konzentrationslagers Abu Ghraib ist die Realität für alle sichtbar. (…)

Hat die Sache der Demokratie wenigstens einen bescheidenen Schritt nach vorne gemacht? Am Ende des Krieges gegen Jugoslawien (der, wie gesagt, ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrates entfesselt wurde) veröffentlichte die einflussreiche International Herald Tribune einen Artikel, der einer in den Vereinigten Staaten und in der EU weit verbreiteten Euphorie und einem Allmachtswahn Ausdruck verlieh: »Was Gutes aus dem Kosovo hervorgeht, sollte die Welt jetzt zur Kenntnis nehmen; die NATO kann tun, was immer nötig ist, ihre vitalen Interessen zu verteidigen.« (…)

Tatsache ist, dass die Sache des Friedens nicht von der Sache der Demokratisierung der internationalen Beziehungen trennbar ist. Es war eine Vision, über die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs die gesamte internationale Gemeinschaft einig zu sein schien: Was war das »Dritte Reich« gewesen, wenn nicht der Versuch, die koloniale Tradition wiederaufzunehmen und zu radikalisieren, die »kolumbianische Epoche« zu verlängern und zu erneuern – unter dem Banner der überwältigenden »Überlegenheit der Kräfte« des Westens, als deren Vorkämpfer sich Hitler gegenüber den Kolonialvölkern, zu denen auch die »Eingeborenen« Osteuropas zählten, aufschwang? Ähnlich, nur in einem völlig anderen geographischen Kontext, verhielten sich das Reich der aufgehenden Sonne und das von Mussolini. (…)

Der Kampf um dieses Prinzip ist jedoch noch lange nicht zu Ende. Kehren wir zu Lord Acton zurück. Es ist wahr, dass man ihm das zu Recht berühmte Motto verdankt, das vor dem Missbrauch von Macht warnt. Es ist jedoch erwähnenswert, dass er anlässlich des Bürgerkriegs in den Vereinigten Staaten mit großer Sympathie und sogar Bewunderung auf die Sache des sezessionistischen und sklavenhaltenden Südens blickte. Mit anderen Worten, er machte das Prinzip der Begrenzung der Macht nur innerhalb der weißen, zivilisierten Gemeinschaft geltend, während er sich nicht über die absolute Macht empörte, die von weißen Herren über ihre schwarzen Sklaven ausgeübt wurde. Es ist diese Tradition, die es dem liberalen Westen erlaubt, sich nicht im Widerspruch zu sich selbst zu fühlen, sondern mit sich selbst im reinen zu sein, wenn er sich unter Umgehung der UNO den Anspruch anmaßt, mit seinen Armeen und seiner Kriegsmaschinerie in jedem Winkel der Welt eigenmächtig zu intervenieren.

Auszug aus Domenico Losurdo: Eine Welt ohne Krieg. Die Friedensidee von den Verheißungen der Vergangenheit bis zu den Tragödien der Gegenwart. Aus dem Italienischen von Christel Buchinger. Papy­rossa-Verlag, Köln 2022, 28 Euro, Seiten 401–404

Wir danken dem Papy­rossa-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck

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