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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Arbeitsalltag der Rettungsdienste

»Wir sind die Lückenfüller«

Rassisten im Rettungswagen: Über rechte Kollegen, fehlende Konsequenzen und starke Arbeitsüberlastung. Ein Gespräch mit dem Notfallsanitäter Guido Schäpe
Von Jan Greve
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Spiegel der Gesellschaft? Auch in Rettungsdiensten arbeiten Rassisten – die über die Gesundheit von Patienten mitentscheiden

Ob in der Polizei oder der Bundeswehr: An sensiblen Stellen in diesem Staat treiben Rechte ihr Unwesen. Berichte über Chatgruppen, in denen Hitler-Bilder versendet werden, oder gar rassistische Übergriffe auf Menschen gehören zum bundesdeutschen Alltag. Jüngst wurde bekannt, dass es auch in Rettungsdiensten eine relevante Zahl von Rechten gibt. Sie selbst haben jahrelang als Notfallsanitäter gearbeitet. Wie groß ist das Problem?

Es ist sehr groß und wurde bislang weitestgehend übersehen. Auch wenn ich nur über den Bereich sprechen kann, in dem ich gearbeitet habe, weiß ich von ähnlichen Fällen auf anderen Wachen. Mit dem Jahr 2015, also der Fluchtbewegung, und dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 hat sich die Lage spürbar verschärft. Rechte Aussagen erfuhren aus der Sicht einiger mehr Akzeptanz. Das eine ist, dass bestimmte unerträgliche Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt sein mögen – das andere, dass vieles davon nicht zu dem Leitbild passt, das unseren Beruf auszeichnet, sei es christlich oder humanistisch begründet. Menschenfeindlichkeit hat da nichts zu suchen.

Nachdem Sie Erfahrungen mit rechten Kollegen auf Ihrer Wache in Köln-Mülheim machen mussten, haben Sie sich im Sommer 2020 an Ihre Vorgesetzten gewandt. Nach einigem Hin und Her war das Ergebnis, dass Ihnen gekündigt wurde. Wie konnte es dazu kommen?

All die Probleme sind der Leitung bekannt gewesen. Was ich dann getan habe, war, die Lage mit mehreren E-Mails an Verantwortliche bei den Johannitern zu dokumentieren. Die erste Reaktion war zu sagen: Das geht ja überhaupt nicht, da müssen wir etwas tun. Dann entschieden sich einige Kollegen, die sich von mir auf den Schlips getreten fühlten, eine sogenannte Petition – ich würde eher sagen: ein Pamphlet – gegen mich zu verfassen. Dort wurde ich aufs übelste diffamiert. Nachdem es zunächst vielversprechende Gespräche mit der Führung gegeben hatte, flachte das Interesse im Verlauf der Monate immer weiter ab. Ich erkläre mir das so: Da der Leitung bewusst wurde, dass auch sie für Missstände verantwortlich ist, war man an weiterer Aufklärung nicht interessiert. Ich wurde dann aufgefordert, mich nicht weiter mit der Sache zu beschäftigen. Nachdem ich auch mit einem Anwalt darauf hingewiesen hatte, dass eine Aufarbeitung stattfinden muss, auch weil sie – wie bei ähnlichen Fällen bei der Polizei oder der Bundeswehr – im öffentlichen Interesse ist, wurde mir zwei Tage später die außerordentliche Kündigung übergeben. Auch dagegen bin ich mit meinem Anwalt vorgegangen. Es wurde ausgehandelt, dass mein Arbeitsverhältnis nicht schon im Sommer 2021, sondern zum 31. Dezember vergangenen Jahres beendet wurde.

Was genau ist auf Ihrer Wache vorgefallen? Was haben Kollegen gesagt, welche Missstände haben Sie der Leitung gemeldet?

Vorweg muss ich sagen, dass in meiner Anwesenheit aufgepasst wurde, was man sagt. Für die Kollegen war ich immer der Langhaarige aus Berlin, ein Linker, ein »Gutmensch«. Dennoch habe ich einiges mitbekommen, etwa durch Gespräche mit Auszubildenden. Bei Einsätzen fielen Sprüche wie: »So etwas hätte man früher vergast.« Ein Kollege hat in einen in der Wache hängenden Kalender die Geburtstage von Hitler und anderen Nazis eingetragen. All das blieb größtenteils unwidersprochen. Besonders schockierend war, wie mit Patienten umgegangen bzw. wie über sie gesprochen wurde. Dieser Alltagsrassismus, der von vielen als völlig normal empfunden wurde – das ist das Erschreckende. Das betraf übrigens nicht nur Rettungs- oder Notfallsanitäter, sondern auch Notärzte. Sobald man da einen Patientennamen zu lesen bekam, der einen Migrationshintergrund nahelegt, gingen die Sprüche los: »Ach, der hat doch sowieso nichts« oder »Alles nur Gejammer«. Schon auf dem Weg zum Einsatz war denen also klar, dass es sich um nichts Ernstes handeln kann. Diese Vorfälle sind viel schlimmer als die Nazigeburtstage im Kalender. Das war für mich nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

In dem Zusammenhang tauchen auch die Begriffe »Morbus mediterraneus« oder »Morbus Bosporus« auf. Was hat es damit auf sich?

Das sind Scheindiagnosen – von denen einige Leute selbst in medizinischen Berufen mittlerweile glauben, dass da etwas dran ist. Morbus bedeutet Krankheit, »Bosporus« bzw. »mediterraneus« steht für die Türkei oder den »südländischen Raum«. Es wird unterstellt, Menschen von dort hätten ein anderes Schmerz- oder Krankheitsempfinden und würden zur Übertreibung neigen. Solche rassistischen Begriffe ziehen rassistisches Handeln nach sich: etwa wenn bestimmte diagnostische Maßnahmen, Therapien oder Schmerzbehandlungen nicht gemacht werden, weil man unterstellt, sie seien nicht nötig.

Werden Fälle von Polizisten, die sich Hitler-Bilder schicken oder rassistisch äußern, öffentlich, heißt es zu ihrer Verteidigung: Die Beamten seien überarbeitet und gestresst, da komme so etwas schon mal vor. Was halten Sie von solchen Erklärungen?

Auch ich habe schwarzen Humor. Die Grenze zu rassistischen Aussagen ist nicht immer leicht zu ziehen. Aber wenn aus einem Witz Ernst wird, muss man laut widersprechen. Mit dieser Grenzziehung haben uns unsere Vorgesetzten alleine gelassen. Ich habe jahrelang in Köln-Mülheim gearbeitet: Das ist ein sogenannter Brennpunkt mit hohem Migrantenanteil, mit vielen armen Menschen, mit viel Alkoholmissbrauch. Auch bei der Verarbeitung der zum Teil sehr belastenden Schichten haben wir keine Unterstützung bekommen.

Wie sah eine typische Arbeitswoche bei Ihnen auf der Wache aus?

Ich habe in Zwölfstundenschichten gearbeitet und hatte meist drei oder vier davon in der Woche. Das waren im Wechsel Tag- oder Nachtschichten. Teilweise fährt man acht, neun Einsätze in so einer Schicht, manchmal mehr. Nicht selten geht es dabei um Kleinigkeiten. Da fährt man raus wegen eines eingewachsenen Zehennagels. Dann kommt vielleicht eine Reanimation. Danach zu einer älteren Dame mit Bluthochdruck, die vereinsamt ist. Es folgt ein Einsatz bei einem Patienten mit psychischen Problemen, der droht, sich umzubringen. Als nächstes zu einem schwer alkoholisierten Obdachlosen, der abtransportiert werden muss. Und weiter: Ein Patient muss von einem Krankenhaus in ein anderes verlegt werden, weil aufgrund fehlender Kapazitäten ein Bett freigemacht werden muss. Dann ruft jemand an, weil er sich an einer Karotte verschluckt hat. Er kann zwar wunderbar atmen, hat aber Angst, dass vielleicht noch etwas passieren könnte. Auch wenn einige Arbeitstage harmlos verlaufen: So sieht nicht selten der Alltag bei den Rettungsdiensten aus. Wenn es an anderer medizinischer Versorgung mangelt, bügeln wir das aus. Viele frustriert dabei, dass wir häufig zu Einsätzen fahren müssen, bei denen wir eigentlich gar nicht gebraucht werden. Wir sind die Lückenfüller.

Mangelt es auch bei den Rettungsdiensten an Personal?

Ja, definitiv. Wir haben einen großen Personalmangel. In der Folge werden immer häufiger Leute eingestellt, denen die nötige Sozialkompetenz oder Lebenserfahrung fehlt. Wenn man sich dann danebenbenimmt, hat das fast nie Konsequenzen. Es geht da nicht mehr um ein christliches oder humanistisches Leitbild, sondern darum, die Einsatzwagen zu besetzen und den Dienstleistungsvertrag zu erfüllen. Soweit ich weiß, arbeitet der Kollege, der die Nazinamen in den Kalender geschrieben hat, immer noch auf der Wache.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit sich die Lage bei den Rettungsdiensten verbessert?

Das Aufkommen von Einsätzen muss reduziert werden, etwa indem man den Katalog an Stichwörtern verändert, bei denen die Leitstellen einen Rettungswagen losschicken. Die Rahmenbedingungen müssen besser werden, zum Beispiel durch das richtige Abrechnen von Pausen. Auch das Gesundheitsbewusstsein der Bürger muss gestärkt werden, damit sie sich selbst mehr zu helfen wissen. Wenn durch solche Maßnahmen die Einsatzzeiten reduziert werden, hätte man mehr Möglichkeiten, etwas gegen rassistische Verhaltensweisen zu tun: Trainings oder Workshops mit den Beschäftigten anbieten oder für die Mitarbeiter, die ein menschenverachtendes Weltbild an den Tag legen, ein anderes Tätigkeitsfeld suchen.

Guido Schäpe ist Notfallsanitäter und arbeitete von 2003 bis zu seiner außerordentlichen Kündigung Ende 2021 auf der Feuer- und Rettungswache 9 in Köln-Mülheim bei den Johannitern. Er engagierte sich in der Vergangenheit bei der Seenotrettung im Mittelmeer und beim Musikfestival »Fusion«

Retter im Stress

Als Bundesfinanzminister Christian Lindner im Sommer von einer »Gratismentalität« sprach, war die Aufregung groß. Der FDP-Chef hatte damit die Forderung nach einem vergleichbar günstigen Nachfolgemodell für das Neun-Euro-Ticket abzuqualifizieren versucht. Mit einer ähnlichen Wortwahl äußerte sich der Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst, Marco König, Ende Oktober. »Die vorherrschende Vollkaskomentalität können wir uns nicht mehr erlauben«, sagte er der Welt. König kritisierte, dass Rettungswagen in nicht notwendigen Fällen ausgeschickt bzw. in Anspruch genommen werden. Notarzteinsätze seien lediglich bei zehn bis 15 Prozent der Fälle gerechtfertigt. Dieser Umstand, verbunden mit vermehrtem Personalausfall durch Coronainfektionen, könne zu einer Überlastung der Rettungsdienste führen, warnte der Verbandschef. Ein Problem bestehe darin, dass ein »Computerprogramm bestimmt, wann ein Rettungswagen ausgeschickt wird« – selbst wenn ein Mitarbeiter die Lage anders einschätze.

Die Arbeitssituation bei den Rettungsdiensten machte jüngst auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Thema. »Die ohnehin hohe Belastung von Beschäftigten im Rettungsdienst hat sich seit Beginn der Coronakrise nochmals deutlich verschärft«, erklärte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler Anfang Oktober. Sie bezog sich auf Ergebnisse einer von der Gewerkschaft durchgeführten Befragung von rund 7.000 Beschäftigten. Demnach können 61 Prozent der Befragten ihre gesetzlich vorgeschriebenen Pausen (sehr) häufig nicht oder nicht vollständig nehmen. 84 Prozent gingen davon aus, unter den derzeitigen Bedingungen nicht bis zum Rentenalter durchhalten zu können. Und 39 Prozent der Beschäftigten gaben an, sie würden den Beruf sofort wechseln, falls sie die Gelegenheit dazu bekämen. Bühler forderte eine Verkürzung der überlangen Arbeitszeiten.

Es ist ein anderes Thema, über das bürgerliche Medien im Zusammenhang mit Rettungsdiensten zuletzt häufig berichteten: die Übergriffe auf Mitarbeiter. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte im Februar 2021 eine Untersuchung zum Thema veröffentlicht. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt bilanzierte damals, »dass Beleidigungen, Beschimpfungen und auch körperliche Übergriffe mittlerweile zum Alltag im Rettungsdienst gehören«. Laut der nicht repräsentativen Studie kommt verbale Gewalt am häufigsten vor. Fast jeder fünfte Befragte erlebe mindestens ein- bis zweimal pro Woche Beleidigungen und Beschimpfungen. Aber auch körperliche Gewalt wie Schlagen, Treten oder Schubsen sei mittlerweile keine Seltenheit mehr. In drei Viertel der Fälle seien die Patienten selbst die Täter. (jg)

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