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Aus: Ausgabe vom 04.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Musik

Solange wir noch lachen

Die Liedermacherin Bettina Wegner wird an diesem Freitag 75
Von F.-B. Habel
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In der Wohnung mit Gitarre: Bettina Wegner (1974)

Eine Weile hat Bettina Wegner damit gehadert, dass sie auf ihren Welthit reduziert wurde, den sie im Konzert mit Joan Baez gemeinsam sang und den die US-Amerikanerin in ihr Repertoire aufnahm: »Sind so kleine Hände«. Schließlich hat sie auch viele andere Lieder geschrieben, von denen viele auch in die heutige Zeit der Emanzipation passen: »Ach, wenn ich doch als Mann auf diese Welt gekommen wär, das, was ich sag’ und denke, würde ernstgenommen …«

Die Berlinerin hat einen ungewöhnlichen Weg von West nach Ost nach West genommen: von Lichterfelde über Pankow und Mitte nach Frohnau. Dort lebt sie nun schon seit fast 40 Jahren.

Geboren wurde sie vor 75 Jahren als Tochter eines kommunistischen Ehepaares in Lichterfelde im amerikanischen Sektor. Da war es gesünder, dass die Familie bald nach Berlin/DDR umzog. Bettinas Vater Karl-Heinz Wegner arbeitete als Redakteur, u. a. als Chef der Illustrierten Freie Welt, er galt als einer der besten Kenner Berlins und seiner Geschichte. Damals war Bettina noch eine kindlich-glühende Anhängerin Stalins. Nach dem Abitur zog es sie auf die Bühne, und von 1966 bis 1968 studierte sie an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Schöneweide. Zu dieser Zeit wurde sie Mitbegründerin des Hootenanny-Klubs in der Karl-Marx-Allee, wo mit dem Kanadier Perry Friedman ungezwungen Musik gemacht wurde. Als die lose Gruppe in Oktoberklub umbenannt und stärker politisiert wurde, trennte sich Bettina Wegner von ihr. Von der Schauspielschule exmatrikuliert wurde sie, als sie 1968 Flugblätter gegen die Besetzung der CSSR verteilte. Dass sich die junge Mutter anschließend in der Produktion »bewähren« musste, machte sie krank.

Zu Beginn der 70er Jahre konnte sie am Zentralen Studio für Unterhaltungskunst Gesang studieren. Schon zuvor war sie im DFF als Sängerin aufgetreten und konnte jetzt zwei Titel bei Amiga unterbringen und außerdem viele Konzerte geben. Doch nach ihrem Protest gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976 wurden ihre Auftrittsmöglichkeiten eingeschränkt. Dass sie bald im Westen auftreten durfte, brachte der DDR einerseits Devisen, andererseits hoffte man wohl, sie würde vielleicht ganz wegbleiben. Dünnhäutig geworden, tat sie der DDR-Kulturpolitik 1983 diesen Gefallen.

Seither war sie musikalisch produktiv, oft zusammen mit Konstantin Wecker oder Karsten Troyke, ehe sie sich 2007 eine Zwangspause verordnete. Lutz Pehnert, Journalistenkind wie Wegner auch, hat 2021 den sehenswerten Porträtfilm »Bettina« mit ihr und über sie gedreht, der im Umfeld ihres Geburtstages in vielen Programmkinos aufgeführt wird.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Jürgen H. ( 4. November 2022 um 09:19 Uhr)
    Zur Würdigung des politischen Wirkens von Bettina Wegner nach der Rückwende gehört, dass sie sich viele Jahre mit einer selbstverständlichen Haltung gegen die Todesstrafe und für den von der Todestrafe bedrohten US-Bürgerrechtler und Journalisten Mumia Abu-Jamal eingesetzt hat. Wir vom »Bundestreffen der Mumia Abu-Jamal Unterstützungskomitees« haben die gute Zusammenarbeit mit Bettina und ihren Einsatz für Leben und Freiheit von Mumia sehr geschätzt. Deswegen an dieser Stelle: Bettina, was du für Mumia getan hast, bleibt unvergessen. Dafür noch mal unseren herzlichen Dank und alles Gute zum Geburtstag!

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