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Aus: Ausgabe vom 04.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Klare Verhältnisse

Faschisten stützen Israels Regierung
Von Moshe Zuckermann
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Auf dem Weg zur Macht: Der Chef der Jüdischen Kraft, Itamar Ben-Gvir (Jerusalem, 2.11.2022)

Nun ist es soweit: Die »einzige Demokratie im Nahen Osten« hat sich demokratisch den Faschismus zurechtgewählt, den Kahanismus und seinen klerikal-rassistischen Verbündeten als drittstärkste Partei Israels nicht nur legitimiert, sondern zum dezidierten Tonangeber des israelischen Parlamentarismus erkoren. Das Wehgeschrei der »Linken« bzw. der »linken Mitte« – allesamt Rechte im Ökonomischen und in der israelischen Palästinenserpolitik – ist lächerlich. Man hat nicht nur nichts unternommen, um das nunmehr Entstandene zumindest taktisch zu verhindern, sondern man ist letztlich selbst gar nicht so sehr entfernt von dem, was man plötzlich beklagen zu sollen meint. Denn der Alltagsrassismus, die Faschisierung und Klerikalisierung der israelischen Gesellschaft sind nicht neu; der Apartheidstaat ist nicht erst in den letzten Wochen entstanden; die Barbarei der Okkupation, die Wonnen des militaristischen Machtgefühls, die systematische Ausblendung des Vergehens gegen das Menschen- und Völkerrecht durchwirken die jüdische Bevölkerung Israels schon seit Jahrzehnten.

Man mag heute noch so heuchlerisch die »taktischen Fehler« der »Araber« und der »zionistischen Linken« für das Desaster und die Nichtverhinderung dessen, was nun gekommen ist, verantwortlich machen; was es im wesentlichen materiell wie ideologisch zu verhindern galt, kam den jetzt Jammernden jahrzehntelang gar nicht erst in den Sinn. Man wollte »den Konflikt verwalten« (Netanjahu)? Nun hat man plastisch vor Augen, was dies zeitigen musste. Man wollte die Palästinenser wie selbstverständlich schikanieren, schinden, der Legitimität ihres nationalen Anspruchs berauben und gegebenenfalls töten? Dann möge man nun die zwangsläufige Auswirkung dieser Ausrichtung nicht »überrascht« und »entsetzt« beweinen. Denn letztlich hat der Wahlausgang vom Dienstag gezeigt, was die jüdische Bevölkerung Israels zum großen Teil wirklich will: den Rassismus als Identitätsbooster, den Faschismus als nicht mehr gescheute politische Haltung, den Nationalchauvinismus als endlich konsensuell an die Macht gelangtes Selbstverständnis.

Gewiss, die Nomenklatur musste stimmen. Als »Judonazis«, wie von Jeschajahu Leibowitz apostrophiert, wollte man nicht gelten. Juden können doch keine Nazis sein. Wirklich? Es kommt darauf an, ab wann der Nazismus zum Maßstab des Schreckens erhoben wird. Es muss nicht erst bei Auschwitz beginnen. Leibowitz meinte aber genau Itamar Ben-Gvir, Bezalel Smotrich und ihresgleichen, als er sich seinerzeit angesichts der Verkommenheit der Siedlerpraxis entsetzte. Was er aber damals noch als Exzess verurteilte, ist nunmehr zur israelischen Politnorm herangewachsen. Kahanistische »Judonazis« (und ihre Förderer) sind an die israelische Regierungsmacht gelangt.

Professor Moshe Zuckermann ist Soziologe und Historiker. Er lebt in Tel Aviv

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