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Aus: Ausgabe vom 02.11.2022, Seite 6 / Ausland
Menschenrechte USA

20 Jahre in Guantanamo

75jähriger Pakistaner nach unschuldig erlittener Haft aus US-Gefangenenlager freigelassen
Von Jürgen Heiser
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USA und Menschenrechte? Häftlinge im Gefangenenlager Guantanamo am 11.1.2002

Der älteste Gefangene, der je im US-Lager Guantanamo Bay festgehalten wurde, ist nach fast 20 Jahren offensichtlich unschuldig erlittener Haft in sein Heimatland Pakistan entlassen worden. Laut der Agentur Reuters bestätigte eine Pressemitteilung des pakistanischen Außenministeriums in Islamabad, dass der 75jährige Saifullah Paracha am Sonnabend, dem 29. Oktober, in Pakistan eingetroffen sei. »Wir freuen uns, dass ein im Ausland inhaftierter pakistanischer Staatsbürger endlich wieder mit seiner Familie vereint ist«, so das Ministerium.

Keine Anklage

Der 1947 geborene Paracha, der am New York Institute of Technology studiert hatte und als Geschäftsmann in den USA lebte, war zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 im Zuge einer verdeckten Operation der US-Bundespolizei FBI für einen vorgeblichen Geschäftsabschluss nach Thailand gelockt und dort verhaftet worden. Er wurde beschuldigt, ein Sympathisant von Al-Qaida zu sein und zur Finanzierung der Dschihadistengruppe beigetragen zu haben. Er habe Kontakte zu ranghohen Personen der Gruppe unterhalten, darunter deren Anführer Osama bin Laden und Khalid Scheich Mohammed.

Nach 14 Monaten in einem US-Militärgefängnis der Bagram Airbase in Afghanistan wurde er nach Guantanamo verlegt. Paracha hatte stets seine Unschuld beteuert. Die Vorwürfe gegen ihn wurden nie zur Anklage gebracht und gerichtlich geklärt. Im Dezember 2004 war lediglich das »Tribunal Panel 24« des US-Verteidigungsministeriums zusammengetreten und hatte Parachas Status als »feindlicher Kombattant« bestätigt.

In der Nachrichtensendung »Newshour« des britischen öffentlich-rechtlichen Senders BBC äußerte Parachas britischer Anwalt Clive Stafford Smith von der Menschenrechtsorganisation »Reprieve« sich empört darüber, dass die Freilassung seines Mandanten so lange hinausgezögert wurde. Er sei schließlich schon seit einem Jahr von den US-Behörden als »geklärter Fall« geführt worden und zur Entlassung vorgesehen gewesen. Sein Mandant habe ihm jedoch bei Besuchen im Lager Guantanamo Bay den Song »Hotel California« der Band The Eagles vorgesummt, »in dem es heißt, dass man zwar auschecken kann, aber niemals gehen darf«, so Stafford Smith in der BBC-Sendung.

»Blamage für USA«

Der Anwalt erklärte, er rechne damit, dass in den kommenden Monaten weitere Gefangene freikommen. Er vertrete in Guantanamo Bay »noch vier Klienten, die alle freigelassen werden können«, und fügte hinzu, es sei eine »Blamage für die USA«, dass immer noch 35 Personen in dem Lager festgehalten würden.

Das auch unter der Regierung des US-Präsidenten Joseph Biden gegen den erklärten Willen der kubanischen Regierung fortbestehende Gefangenenlager auf dem Gelände der US-Airbase Guantanamo Bay bestand am 1. November dieses Jahres exakt seit 7.600 Tagen, wie die Menschenrechtsorganisation »Close Guantanamo« (CG) mitteilte. Das sei »ein weiterer beschämender Meilenstein in der langen Geschichte von Guantanamo«. Das CG-Team verband mit dieser Nachricht die Bitte an seine Unterstützer, »Präsident Biden aufzufordern, das Lager zu schließen«.

Gleichzeitig kündigte CG die aktuelle Fassung einer Liste aller im Lager Guantanamo je inhaftierten Gefangenen an. Der Mitbegründer von »Close Guantanamo«, Andy Worthington, präsentiere nun »seine endgültige sechsteilige Guantanamo-Gefangenenliste«, die er erstmals 2009 zusammengestellt und zuletzt 2018 aktualisiert habe. Die auf der Website der Organisation veröffentlichte Liste enthält Informationen »aus 2.500 relevanten Artikeln über alle 779 Gefangenen«, die seit der Eröffnung des Gefängnisses vor fast 21 Jahren auf der Airbase Guantanamo Bay festgehalten wurden und werden. Es gebe »nirgendwo eine detailliertere Analyse der Geschichten dieser Gefangenen«, weder online noch in Büchern. Er hoffe, so Worthington, die Liste helfe Aktivisten, Anwälten und Wissenschaftlern in den USA und auf der ganzen Welt zu erkennen, »wie wichtig es ist, das Lager nicht nur zu schließen, sondern eines Tages auch diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die es genehmigt und all die Jahre weiterbetrieben haben«.

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