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Aus: Ausgabe vom 31.10.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Krieg und Frieden

Nur noch Bekenntnisse

Humanistischer Appell: Daniela Dahn beharrt in ihrem neuen Buch darauf, Ursachen für den Krieg in der Ukraine untersuchen zu dürfen
Von Arnold Schölzel
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Bei Kriegsverbrechen mit schlechtem Beispiel vorangegangen: US-Truppen im Irak (Mossul, 8.3.2006)

Die Schriftstellerin und Publizistin Daniela Dahn vereint in ihrem neuen Band »Im Krieg verlieren auch die Sieger« Essays aus den vergangenen fünf Jahren. Sie hat sie zum Teil mit einführenden Kommentaren versehen; der erste Beitrag des Buches (»Vom Wirbel des Krieges gepackt. Lasst euch nicht in den Ruin führen – das Menschenrecht auf Leben verteidigen«) und der abschließende sind mit September 2022 datiert. Letzterer trägt den Titel »Frieden für das hungernde Afrika«. Das deutet an: Hier wird ein Themenfeld gesichtet.

Dahn besteht darauf, die Vorgeschichte des Ukraine-Krieges zu erforschen, etwa im NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999. Sie tut das mit erhellenden Fakten. März 2022: »Doch den schrecklichen, nach ukrainischen Angaben 1.800 Luftangriffen im ersten Monat des Krieges stehen in den 78 Tagen NATO-Krieg unvorstellbare 38.000 Luftangriffe gegenüber – hauptsächlich gegen zivile Ziele in Serbien.« Dahn verteidigt Peter Handke und Julian Assange, klagt die »Grenze der Schande zwischen Polen und Belarus« an und fragt: »Die DDR – eine Utopie, an die sich anknüpfen lässt?«

Die Autorin gehörte zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefes an Bundeskanzler Olaf Scholz, der am 22. April 2022 in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. In ihm wurde die russische Intervention in der Ukraine verurteilt, aber gleichzeitig ein Stopp aller Waffenlieferungen in das Kriegsgebiet und die Bemühung um einen Waffenstillstand gefordert. Das Echo war nicht nur, aber vor allem verheerend. Dahn zitiert aus Stellungnahmen etwa von Sergij Schadan, der jüngst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt: Die Verfasser hingen einem »falsch verstandenen Pazifismus« an, »der nach zynischer Gleichgültigkeit stinkt«. Sie legitimierten »die Putinschen Propagandanarrative, die besagen, dass die Ukraine kein Recht auf Freiheit« habe.

Dahn fragt zurück, von welcher Freiheit Schadan spreche. Laut IWF sei der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij »Führer einer korrupten Regierung«, 2020 habe das US-Außenministerium berichtet, dass letztlich sechs Milliardäre die Wirtschaft und damit die Politik der Ukraine kontrollierten. Als der Generalstaatsanwalt in Kiew 2015 Korruptionsuntersuchungen einleitete, habe der damalige US-Vizepräsident Joseph Biden »handstreichartig erreicht, dass er entlassen wird«. Es gebe schlimmste Formen von Kinderarbeit, Millionen Menschen hätten das Land lange vor dem Krieg aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, die Kommunistische Partei und regierungskritische Medien seien verboten worden usw. Ausgerechnet jetzt habe das Parlament eine »Arbeitsmarktreform« beschlossen, die alle Beschäftigtenrechte zerstöre, insbesondere in Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern. Vorbild sei, zitiert sie jW-Autor Reinhard Lauterbach, die Deregulierung nach dem Pinochet-Putsch 1973 in Chile.

In einem Text, der zum 100. Geburtstag des SPD-Politikers Egon Bahr (1922–2015) in der Wochenzeitung Der Freitag erschien, kommt Dahn zum Kern ihrer Überlegungen: »Krieg – ein Jahrhundertfehler«. Der Kreml, schrieb die Autorin, habe »allen Grund, sich verraten, bedroht und erbittert zu fühlen, aber nicht den geringsten Grund, noch so berechtigte Sicherheitsinteressen durch Kriegsverbrechen durchzusetzen.« Doch selbst beim Zerbomben ganzer Städte seien die USA etwa im irakischen Mossul mit schlechtem Beispiel vorangegangen: »Das ist keine Rechtfertigung, sondern das Bestehen darauf, Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln.« Für Bahr sei »ursächliches Denken« elementar gewesen, derzeit aber obsiege »eine Quasi-MacCarthy-Stimmung, in der nur noch Bekenntnisse zählen«.

Wohl wahr. Im pandemischen Kriegswahn des Westens gilt die Frage nach Gründen als Verrat. Bahr bezeichnete die NATO-Osterweiterung als »Jahrhundertfehler«, der heutigen SPD-Führung gilt das als Dolchstoß in den Rücken. Dahn gehört zu den wenigen, die wie einst Bahr in der Emanzipation von den USA die Voraussetzung einer europäischen Sicherheitsordnung sehen. Dem Konzept gebührt Respekt, aber: Sicherheit will auch die SPD heute als NATO-Diktatfrieden gegen Russland durchsetzen. Das ist mehr als ein Jahrhundertfehler und sollte die Frage veranlassen: Welche Ursachen hat dieser Wiederholungszwang, Weltkatastrophen anzustiften? Dahns Buch ist ein humanistischer, aufklärerischer Appell, an der Beantwortung zu arbeiten, aber einsam. Das sagt alles über die Zustände.

Daniela Dahn: Im Krieg verlieren auch die Sieger. Nur der Frieden kann gewonnen werden. Rowohlt, Hamburg 2022, 221 Seiten, 16 Euro

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