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Aus: Ausgabe vom 31.10.2022, Seite 12 / Thema
Kaputter Kapitalismus

Beschleunigte Zerstörung

Eine gleichgültige Classe politique tritt den Marsch in den Abgrund an. Über den Krieg in der Ukraine, über Bellizismus und die Zukunft des Kapitalismus
Von Karl-Heinz Dellwo
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Zerstörung der Welt als lebensfreundliches Terrain. Seit den 1970er Jahren ist bekannt, dass das fortwährende ökonomische Wachstum zu Klimaveränderungen mit katastrophalen Folgen für die Menschheit führen wird

Der folgende Text von Karl-Heinz Dellwo erscheint in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift Crisis and Critique (www.crisiscritique.org). Wir veröffentlichen an dieser Stelle eine vom Autor selbst gekürzte Fassung. (jW)

In keinem Land scheint der Russenhass so schnell aktivierbar zu sein wie in Deutschland¹, das nun zum fünften Mal daran beteiligt ist, Russland vom Westen her seinem Europa zu unterwerfen.² Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, gab direkt nach Beginn des russischen Krieges in der Ukraine die alte Naziparole aus, nach der die russische Industrie zu vernichten und Russland zu einem Agrarland zu machen sei.³

Krieg als Befreiungsschlag

Diese Schnelligkeit, mit der hier altnazistische Parolen aktiviert werden und mit der eine politisch mehr oder weniger unbeleckte neue Politik- und Medienkaste, die gerade noch das Loblied des »grünen Kapitalismus« sang, in den Kriegsmodus schalten konnte, verweist auf eine historische Fäulnis des Bisherigen und weckt seltsame Assoziationen zur Vorkriegszeit und zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als der 1914 begann, öffneten sich alle gesellschaftlichen Schleusen. Schnell waren alle politischen Unterschiede eingeebnet: Bis auf eine marginale Minderheit wollte sich jeder am Krieg beteiligen. Die Sozialdemokraten liefen zum Kaisertum über (und haben sich von diesem Verrat inhaltlich nie wieder erholt). Der Kaiser kannte bekanntlich keine Parteien mehr, sondern nur noch deutsche Vaterlandsverteidiger. Die Jugend orientierte sich an der national-idealistisch mystifizierten Schlacht in Langemarck im November 1914, eine vom deutschen Heer militärisch dümmlich organisierte Kriegsaktion ohne jede Relation zu den erreichbaren Zielen, aber mit großen Opfern – Futter für den verlogenen Patriotismus.

Die 20 Jahre vor Beginn des Ersten Weltkrieges erinnern an die 20 Jahre vor Beginn des neuen Bellizismus heute. Der imperialistische Kaiserstaat dümpelte vor sich hin, die Gesellschaft war öde, eingemottet. Eine Antwort auf die Frage, wie sich die Zukunft gestalten ließe, gab es nicht, da eine Änderung des auf der Dreifaltigkeit von Gott, Kaiser und Vaterland beruhenden Systems hin zu einem modernen Kapitalismus ausgeschlossen schien und sich keine Akteure fanden, um diese umzusetzen. Der Ausbruch des Krieges war das Resultat eines längst vorangeschrittenen Zerfalls. Mariupol ist nur geographisch von Langemarck in Belgisch-Flandern entfernt. Bezogen auf die verlogene Mystifizierung, diesmal nicht durch eine Oberste Heeresleitung, sondern eine NATO-affine Journalistenbrigade in der Etappe, liegen die Orte fast deckungsgleich aufeinander, wobei es gar nicht so leicht ist, aus den Bandera-Faschisten und den aus verschiedenen Ländern hinzugeströmten Rechtsradikalen und Neofaschisten eine politisch-moralisch ansehnliche Kampfgruppe zu machen.

Goebbels’ »Eintopfsonntag«

Hier zeigt sich vielleicht ein anderer Hintergrund für die offenkundige Kriegsgeilheit eines Teils der neuen politischen und medialen Kaste: Sie sind allem überdrüssig. Sie sehnen sich danach, von der Unmöglichkeit erlöst zu werden, das systemimmanent Nichtänderbare als unter ihrer Kontrolle stehend darzustellen und ins Glückliche wenden zu können. Die neue Liebe zum Bellizismus und zum Traum vom militärischen Sieg gegen konkurrierende Systeme enthüllt ebenso: Es gibt keine Lösung für ihr postuliertes Projekt des plötzlich vom Menschen und nicht mehr vom abstrakten Wert ausgehenden Kapitalismus. Sie wissen es längst: All ihre Versprechungen werden unerfüllt bleiben. Sie werden wie in der Vergangenheit jede soziale, ökologische und politische Position räumen, die politisch oder ökonomisch den Gesetzen der Marktlogik widerspricht.

Längst ist schon wieder möglich, was gestern für immer verworfen und ad acta gelegt worden war: Atomkraft, Weiternutzung der fossilen Energieträger Kohle, Öl bis hin zum Gasfracking, Zentralverwaltung der Energiewirtschaft als Teil einer neuen Kriegswirtschaft, und statt Winterhilfswerk für die Wehrmacht: »Frieren für den Sieg!« Der Verzicht wird von oben propagiert. Die öffentlich hochgehaltene Moral der Entbehrung offenbart seltsam zutreffende Analogien, beispielsweise zum »Eintopfsonntag«⁴, zu dem die Naziführung ab Oktober 1933 die Bevölkerung anhielt. Diese neue, von oben propagierte gesellschaftliche Pflicht, verbunden mit der Aufforderung, jeweils 50 Pfennige für das Winterhilfswerk zu spenden, war als gemeinschaftsbildende Aktion gegen den Feind gedacht. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurde der »Eintopfsonntag« dann noch religiös aufgeladen, indem er zum »Opfersonntag« umdefiniert wurde.

Die Politik hat sich längst in zwei völlig voneinander geschiedene Sphären geteilt: Es gibt die Politik des An-die-Macht-Kommens, und es gibt die Politik vom Standpunkt der Macht aus. Beide haben am Ende nur wenig miteinander zu tun. Vor allem aber: Keine besitzt Souveränität gegenüber der Ökonomie. Ihre Aufgabe scheint es zu sein, im Sinne von Roland Barthes »das Leben abzuführen« und der Herrschaft der Verwertung alle Macht zu übertragen.

»Grüner Kapitalismus«

Seit den 1970er Jahren weiß die Welt, dass das fortwährende ökonomische Wachstum zu Klimaveränderungen mit katastrophalen Folgen für die Menschheit führen wird und dass die industrialisierten, auf hohen Konsum ausgerichteten Gesellschaften, wie sie in den westlichen Staaten seit über eineinhalb Jahrhunderten das Leben der Menschen prägen, nicht übertragbar sind auf den Rest der Welt, ohne enorme Zerstörungen nach sich zu ziehen. Gesagt wurde viel, getan wurde wenig. Der vernichtende Zug des Kapitalismus gegen die Natur führt zu Rückwirkungen, die Ereignischarakter haben und losgelöst und eigenständig gegenüber den normalen Prozessen in den Gesellschaften sind. Die Schranken, die dem System und seinen Gesellschaften gesetzt werden, erscheinen als von außen kommend, als wären es Folgen nicht beherrschbarer Naturkatastrophen. Sie sind nicht Produkt einer inneren Gestaltung, sondern unkontrollierte und verselbständigte Folgen, die alle betreffen und alle einem Paradigma unterwerfen, das sie zwingt, ihr bisheriges Leben zu ändern. Die Pandemie der letzten zwei Jahre war ein solches Ereignis.

Alles spricht dafür, dass sich solche Ereignisse weiter häufen werden. Das kann man auch mit Hoffnung besetzen, allerdings ändert das nichts an der negativen Erfahrung.⁵ Es sind aber nicht nur die Rückwirkungen aus der Naturzerstörung, die dem weltweiten kapitalistischen System sabotageähnlich Eisenstangen ins Räderwerk werfen. Auch die Gesetze innerhalb der Ökonomie verweisen immer offenkundiger auf ihre inneren Schranken. Schon seit Jahren zeichnet sich ab, dass das Kapital, das neues Kapital zu erzeugen gezwungen ist, nicht mehr weiß, wo es sich im produktiven Sektor weiter vermehren kann, weshalb das überschüssige Kapital in Spekulationsmodelle eingesetzt wird. Auch Kriege, Missernten, Hungersnöte und Naturkatastrophen lassen sich finanzialisieren – und sei es nur durch Währungsspekulation. Die Spekulationsdelle 2001 im IT-Bereich war Ausdruck davon, noch mehr aber die toxischen Finanzprodukte, die 2008 zum Börsencrash führten.

Zur Lüge des »grünen Kapitalismus« gehört der nicht auflösbare Widerspruch zwischen der Entwicklung der Mikroelektronik und der mit ihr verbundenen Roboterisierung der Arbeitsprozesse mit der Folge eines wachsenden Ausstoßes der Menschen aus diesem Arbeitsprozess. Diese Prozesse finden global statt. Die Unmöglichkeit eines »grünen Kapitalismus« spiegelt sich vor der Haustür Europas in den Zehntausenden ertrunkenen Flüchtlingen wider, die sich geweigert haben – so wie Massen weiterer Menschen sich weigern werden –, sich dem Schicksal der Surplusbevölkerung hinzugeben, jenes immer größer werdenden Teils der Menschheit, der für die verselbständigte Ökonomie des Kapitalismus nutzlos ist und weder als Arbeitskraft noch als Konsument benötigt wird.

Der Kapitalismus war nie ein soziales Projekt, jedoch verhieß er zu Anfang, dass alle von ihm profitieren und nach und nach die Lebensbedingungen der Menschheit verbessert würden. Dies ist längst Schnee von gestern. Ausschluss ist das Gebot der Stunde. Dazu hat man an den eigenen Grenzen Frontex und jenseits davon Lager wie in Libyen. Mit steigender Produktivität wird der zu verteilende Kuchen immer kleiner. Dieses Paradoxon erklärt sich aus dem, global gesehen, geringer werdenden Einsatz lebendiger Arbeitskraft und der Steigerung des konstanten Kapitals im Produktionsprozess.

Das Fell des Leoparden

Die Unfähigkeit des Kapitalismus, irgendein größeres soziales Problem in der Welt zu lösen, ist seit langer Zeit unübersehbar. Die politisch-militärische Kaste kann auch keine politische Ordnung mehr durchsetzen. Mit hohem Blutzoll gelang ihr das noch in den 1960er und 1970er Jahren, aber in Vietnam scheiterten die USA erstmals eindeutig, was zu veränderten Militär- und Machtstrategien führte. Diese Schranke des Übertragens der eigenen politischen Ziele auf andere Kulturen mittels Machteinsatz zeigte sich zuletzt im Scheitern des 20jährigen NATO-Krieges in Afghanistan, eines Krieges, der viele Jahre nicht »Krieg« genannt werden durfte, was an die Sprachregelung des russischen Krieges in der Ukraine erinnert. Das Modell »grüner Kapitalismus« basiert auf einer vom Westen ausgehenden Neuordnung der Welt, die dem Muster des Leopardenfells gleicht: Die schwarzen Punkte auf diesem Feld sind die Zentren in der Welt, in denen der bisherige Wohlstand verteidigt und aufrechterhalten werden soll, während der Rest des Fells die Zonen ökologischer und ökonomischer Zerstörung darstellt, in denen es keine humane Lösung mehr geben wird.

Das hat auch eine militärische Komponente: Das hochtechnisierte westliche System schickt aus seinen gesicherten Zentren weitgehend gefahrlos Drohnen in den gelben Bereich, um im Namen einer absolut verlogenen Moral und einer rechtlichen Selbstlegitimation »Feinde« zu töten oder die, die man als solche verdächtigt hat. Das Ergebnis sind Tausende von Toten – sogenannte Kollateralschäden –, was den Hass und die Hoffnung auf den Untergang des Westens bei Millionen von Menschen fast schon exponentiell steigert.⁶ Über die Folgen dieser Zerstörung der Welt als lebensfreundliches Terrain braucht man sich keine Illusionen zu machen: Die Zukunft wird bestimmt sein von Abermillionen Flüchtenden, die 50 Grad Hitze und mehr nicht mehr ertragen können, deren Regionen verbrannt, vertrocknet oder überflutet sind und die, nachdem sie jede Lebensgrundlage verloren haben, gezwungen sein werden, mit aller Gewalt in andere Regionen zu flüchten und sich dort ihren Platz zu erkämpfen. Gegen diesen Prozess, der mit Sicherheit keiner nach links ausgerichteten Orientierung folgen wird, haben die westlichen Staaten wie in Afghanistan erfolglos versucht, korrupte Stellvertreterregime zu etablieren, die ihre Interessen exekutieren, ihnen die Massen vom Halse halten und ihren grünkapitalistischen Wohlstandszonen in den alten Zentren der Welt einen weiteren Aufschub vor dem historisch unabwendbaren Zerfall verheißen sollten.

Zerstörung der vorgeblich zivilen Ausrichtung des europäischen Systems beschleunigt sich rasant. Die Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine erklärt sich nicht allein durch das Entsetzen, dass die Kriege, die der Westen, in der Regel unter der Führung der USA, in die Welt getragen hat, auf sein eigenes Terrain zurückkehren. Die Wendung der innerimperialistischen Konkurrenzkämpfe zwischen den – derzeitigen – drei Großmächten hin zu militärischen Auseinandersetzungen verweist auf ein neu aufgekommenes Endzeitbewusstsein, das wiederum das Bewusstwerden über den längst eingetretenen Zerfall der eigenen Stellung in der Welt aufzeigt. Wenn Nancy Pelosi ihre Reise nach Taiwan zum Kampf zwischen »Autokratie und Demokratie« politisch hochjubelt, dann lässt sich erkennen, dass die Weichen gestellt sind zu einer finalen Konfrontation, mit welcher der Westen, der bereits am 11. September 2001 mit der Zerstörung seiner symbolischen ökonomischen Zentrale in New York seine äußere Unbesiegbarkeit vor den Augen der restlichen Welt verloren hatte, seinen Niedergang aufhalten möchte.

Der nach dem Zerfall der Sowjetunion übriggebliebene Hegemon ist inzwischen selbst Opfer des Prozesses der kapitalistischen Globalisierung geworden. Schon Trumps »Make America Great Again« war der aggressive Versuch, die Gnadenlosigkeit des verselbständigten Weltmarktes vom eigenen Land abzuschütteln oder doch zumindest weitgehend auf andere Länder abzuwälzen. Die Biden-Regierung verfolgt die gleichen Ziele, stellt der ökonomischen Potenz jedoch deutlich aggressiver die militärische zur Seite und versucht den eigenen Niedergang durch die Erneuerung des atlantischen Bündnisses zu kompensieren. Russlands Trennungskrieg gegen den Westen wird auf der einen Ebene zweifellos seinen Erfolg haben: Die Trennung ist historisch gesetzt und schafft eine neue Weltlage. Die Ausrichtung des Blicks der Milliardenmassen auf den Westen wird sich grundlegend verändern. Unter der neuen Hegemonie der Nichtsubjektivität des globalisierten Marktes, die anstelle der Dominanz der bipolaren Welt des 20. Jahrhunderts getreten ist, bleiben zersplitterte einzelne Blöcke zurück, deren aktuelle Aggressivität für die Menschheit sich daran messen wird, ob sie aufsteigend oder absteigend sind. Absteigend ist der Westen, Russland wahrscheinlich auch, denn nach der etablierten Trennung bleibt das Land technologisch zweit-, wenn nicht drittrangig.⁷ Russlands Sieg im Trennungskrieg wird ein Pyrrhussieg sein, der mit anderen Konzessionen auf dem Weltmarkt bezahlt werden muss und aus Russland etwas anderes machen wird als das, was es nach den Plänen seiner Elite werden soll. Das gilt für das NATO-System allerdings auch. Die Kriegsendlage ist meistens eine andere als jene, die die Akteure zu erzielen geplant hatten.

Angriff aus der Defensive

Es geht, wenn ich hier den Westen attackiere, nicht darum, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als zweitrangig zu setzen. Die Ursachen dieses Krieges sind vielschichtig. Sie liegen weit vor dem nun ausgebrochenen Krieg. Die USA und Teile ihrer europäischen Verbündeten haben die Ukraine aufgerüstet und die durch und durch korrupte ukrainische Elite aufgehetzt, um das Land als einen weiteren Vorposten gegen Russland zu nutzen. Erinnert sei hier auch an Barack Obamas Einschätzung aus dem Jahr 2014, Russland sei eine »Regionalmacht«, die er in Reaktion auf die Krim-Besetzung traf und in der er Russlands Vorgehen als Akt »nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche« definierte.

Ausreichend scheinen mir solche Erklärungen allein jedoch nicht zu sein. Mit dem Zerfall der Sowjetunion war Russland in die Defensive geraten. Dieser Trennungskrieg ist ein Krieg aus der Defensive mit ungeheuren Folgen für Millionen Menschen. Wie jeder Krieg, so ist auch dieser Krieg als Verbrechen zu bezeichnen. Sein allgemeiner Hintergrund ist der Zerfall der bisherigen Weltordnung mit dem Abstieg der USA als scheinbar siegender Hegemon nach dem Untergang der Sowjetunion. Dieser Zerfall wird jedoch durch keine militärische Operation aufzuhalten sein. Im Unterschied zum Zweiten Weltkrieg wird es in diesem Krieg keine Sieger geben, egal wer ihn nominell »gewinnt«. Deswegen halte ich, und ich bin gewiss kein Pazifist, jedes militärische Auskämpfen dieses Konflikts, den sowohl der Westen als auch Russland unterhalb der Schwelle eines Atomkrieges halten müssen (weshalb niemand als Sieger vom Feld gehen wird), für die barbarischste Variante, an deren Ende die Ukraine so zerstört zurückbliebe wie der Libanon nach seinen diversen Kriegen.

Hier teile ich nicht die Haltung meines Freundes Slavoj Zizek, der im Juni 2022 die Alternative »Stärkung der NATO versus Pazifismus« formulierte – unter dem Hinweis, dass »wir eine stärkere NATO (brauchen) – aber nicht als Verlängerung der US-Politik« (»we need a stronger NATO – but not as a prolongation of the US politics«).⁹ Was soll das sein? Die NATO existiert nur als Verlängerung der US-Politik! Besser einen falschen Weg gehen, als einzugestehen, dass alle Entwicklung derzeit über uns hinwegrollt und wir mit leeren Händen dastehen? Ist Handeln um des Handelns willen eine Option, einen Ausweg zu finden, wenn dieses Handeln von denen bestimmt wird, die eine falsche Welt vertreten und verlängern wollen?

Anmerkungen

1 Hier zeigt sich auch, wie tief verwurzelt und virulent dieser ideologische Topos des Nazireichs noch in der Gesellschaft steckt, gerade auch bei den Angehörigen der dritten Generation nach Hitler.

2 Eine Kontinuität von drei Jahrhunderten: 1707 (Karl XII.); 1812 (Napoleon); 1914 (Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn); 1941 (Deutsches Reich).

3 »Ursula von der Leyen sagt ganz offen: Es geht darum, die indus­trielle Basis des Landes zu zerstören.« FAZ, 25.2.2022

4 Vgl.: Eintopfsonntag, de.wikipedia.org/wiki/Eintopfsonntag

5 Vgl. Alain Badiou/Fabien Tarby: Die Philosophie und das Ereignis, Wien 2017, S. 17 ff. Für Badiou ist das Ereignis verbunden mit dem Eröffnen von Möglichkeiten: »Ein politisches Ereignis ist etwas, das eine Möglichkeit auftauchen lässt, die der Kontrolle über das Mögliche durch die herrschende Macht entrinnt.« Ebd., S. 19

6 Angemerkt sei hier Madeleine Albright, US-Außenministerin, die auf die Frage der Journalistin Lesley Stahl am 12. Mai 1996: »Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sind (wegen der Sanktionen gegen den Irak)« antwortet: »Ich glaube, das ist eine sehr schwere Entscheidung – aber der Preis, wir glauben, es ist den Preis wert.« www.youtube.com/watch?v=uJtSpev8zWk

7 Als aufsteigend ist China zu bezeichnen, das aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke, die noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht hat, keine Strategie der militärischen Aggression verfolgen muss, um so mehr aber vom Westen aus als neuer zentraler Feind definiert wird.

8 Vgl. als Beispiel für viele: »Ukraine-Krise. Obama verhöhnt Russland als Regionalmacht«. In: www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-krise-obama-verspottet-russland-als-regionalmacht-a-960715.html

9 Pacifism is the wrong response to the war in Ukraine, The Guardian, 21.6.2022, www.theguardian.com/commentisfree/2022/jun/21/pacificsm-is-the-wrong-response-to-the-war-in-ukraine

Karl-Heinz Dellwo schloss sich Mitte der 1970er Jahre der RAF an. Er ist Filmemacher und war bis 2020 beim Laika-Verlag tätig. 2019 gründete er mit Gabriella Angheleddu die Galerie der abseitigen Künste in Hamburg.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (31. Oktober 2022 um 13:12 Uhr)
    Das Wort vom russischen »Angriffskrieg«, das Dellwo aus dem Suhltopf des westlichen Massakers an der Wahrheit gefischt hat, disqualifiziert ihn in meinen Augen. Bevor man so einen Propagandabegriff verwendet, sollte man eine triftige Antwort auf die entscheidende voranzustellende Frage gefunden haben: Warum haben aus westlicher Sicht nur die angreifenden westukrainischen Nationalisten ein Selbstverteidigungsrecht, nicht aber die angegriffenen ostukrainischen Donbass-Russen? Sollte das Selbstverteidigungsrecht nicht vielmehr auf seiten des Angegriffenen stehen? Die Antwort auf diese Frage bleibt Dellwo schuldig. Er sagt – soweit ich seinen Text diagonal gelesen haben – nichts zur massiven Eskalation des Donbass-Krieges ab Mitte Februar dieses Jahres und zu den westukrainischen nuklearen Kriegsplänen, was beides mitursächlich für den russischen Eintritt in den Krieg war. Statt dessen wirft Dellwo mit dem nebulösen Begriff vom »Trennungskrieg« um sich. Das wirkt auf mich wie ein ziemlich unreflektiertes Rumgeballere mit Wortgeschossen. Ist mit dem Wort »Trennungskrieg« nun die Sezession des Donbass von der Ukraine gemeint? Oder die Abkopplung Russlands vom Westen? Die Unterstützung der Sezession war durchaus die russische Konsequenz aus der westlichen Missachtung der Minsker Abkommen. Die Abkopplung vom Westen hätte dagegen keines Krieges bedurft, Russland wollte diese Abkopplung auch gar nicht, sondern vielmehr wünscht Russland einen Westen, der seine deklarierten eigenen Werte nicht verrät. Was westliche Aufrüstung und Aufstachelung der Ukraine gegen Russland betrifft, hat Dellwo zwar auch ein paar halbwegs korrekte Gedanken zu Papier gebracht. Ich kann mich aber des Verdachts nicht erwehren, dass es auch seine RAF-Mitgliedschaft war, die ihm zwei Zeitungsseiten in der jW eingebracht hat. Immerhin wissen wir so, dass er die jahrzehntealten Knicke in seiner Optik offenbar noch nicht ganz ausgebügelt hat.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (31. Oktober 2022 um 10:00 Uhr)
    Sehr gut zusammengefasst. Zizek vertritt eine Strömung linksliberaler Intellektueller, die sich an den NATO-Strohhalm klammern, weil sie es nicht aushalten können, dass ihr linksliberales Weltbild zerstört wird, in dem sie sich so behaglich eingerichtet haben. Er hat den »Kriegskrediten« ja schon zugestimmt. Insofern ist er ein Verlorener.

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