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Aus: Ausgabe vom 25.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Sound der Holznägel

Der Film »La Clave« enthüllt das Geheimnis der kubanischen Musik. Eine Begegnung mit dem Musikwissenschaftler Olavo Alén
Von Gerd Schumann
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Claves (Klanghölzer) waren ursprünglich Holznägel, die irgendwann als Schlaginstrument mit durchdringendem Sound entdeckt wurden

Zunächst sind da die Straßenbilder aus Havanna. Atmosphärisch dicht führen sie fernab touristischer Klischees mitten hinein in eine kulturelle Vielfalt, die staunen lässt. Umgehend rücken in den Mittelpunkt des Dokumentarfilms »La Clave« kubanische Klänge, Tänze und die Menschen, die sie produzieren und sich ihnen hingeben; oder besser: die sie leben und die mit ihnen leben. Den besonderen Reiz macht schließlich aus, dass die Protagonisten allesamt nicht nur zeigen, was sie machen und können, sondern auch erzählen, warum sie es tun. Kunst und deren Rezeption stehen in Wechselbeziehung zueinander, und wenn der virtuose Wirbelwind Alain Pérez (E-Bass, Gesang, Komposition, auch Keyboards) mit seinem Orchester in den Dialog mit dem Publikum tritt, werden die Schwingungen spürbar sogar im Kino Union vor kurzem bei der Berliner Premiere von »La Clave«.

Olavo Alén Rodriguez meint dazu: »Alain Pérez ist in Kuba heutzutage immer noch sehr populär, auch wenn es mittlerweile diese Konkurrenz zwischen seiner Salsa und dem Reggaeton gibt. Diese wunderbare Liveszene aus der Casa de la Musica zeigt, wie sich die Kubaner zur Musik verhalten. Das unterscheidet den Film von anderen Dokumentarfilmen. Viele zeigen die Musik, ›La Clave‹ aber zeigt auch die Reaktion darauf. Das ist einer seiner Reichtümer.« Professor Alén wohnt in Havanna und ist der wohl bedeutendste Musikwissenschaftler seines Landes. Wir trafen ihn in Berlin, wo er auf einem Symposium der Humboldt-Universität – wo er übrigens 1979 zum Musikethnologen promoviert worden war – referiert hatte.

Ein Glücksfall

Tatsächlich ist »La Clave« einerseits ein Musikfilm und lässt sich insofern durchaus mit Wim Wenders’ »Buena Vista Social Club« vergleichen, dem Klassiker zur immer weiter populären kubanischen Unterhaltungsmusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. »La Clave« ist aber zugleich auch ein Film über Musik und ihre Geschichte und Entwicklung bis heute auf der Karibikinsel. Von den Namhaften treten unter anderem auf, spielen und erzählen: Bobby Carcassés (Trompete und Gesang), die Schlagzeugerin Yissy García, ihre Kollegen Otto Santana und Enrique Plá, der Bassist Carlos del Puerto sowie der Gitarrist Carlos Emilio Morales, Miguel-Ángel García (Piano), ein junger Mann voller origineller Ideen, der Saxophonist César López mit dem Habana-Ensemble, der schon erwähnte Alain Pérez, der wie manch anderer von Chucho Valdés entdeckt wurde und bei dessen legendärer Band Irakere mitwirkte.

Der Film widmet sich, wie im Titel versprochen, dem Geheimnis der kubanischen Musik. Indem Regisseur Kurt Hartel, der über anderthalb Jahrzehnte an der Idee und deren Realisierung gearbeitet hat, den speziellen Rhythmen auf die Spur kommt, ermöglicht er einen beeindruckenden Einblick vor allem in die Musikethnologie Kubas. Als Spezialisten gewann Hartel, wie er nach der Vorstellung in Berlin erzählt, kurz vor Drehschluss im Mai 2018 Alén. Der erwies sich als ein Glücksfall: Er versteht es, die Beziehung zwischen Lebensweise und Musikentwicklung zu zeigen und die Verbindung zwischen den individuellen Darstellungen der Protagonisten, ihrer Musik und ihren Tänzen zur Geschichte plastisch zu vermitteln.

Träume und Genüsse

Zum Beispiel der Titel »La Clave«. Claves (Klanghölzer) waren ursprünglich Holznägel, 20 bis 25 Zentimeter lang, 2,5 bis drei Zentimeter dick. Sie wurden im Schiffbau auf den Werften Havannas eingesetzt und irgendwann entdeckt als Schlaginstrument mit durchdringendem Sound. Es liegt nahe, dass der Begriff durchaus auch als eine Art Schlüssel zur kubanischen Musik angesehen werden könnte, weil er nicht nur für eine differenzierte rhythmische Struktur, sondern ein Konzept steht. »Claves sind kubanisch, nicht afrikanisch und auch nicht afrokubanisch, ebenso wie die Rumba. Die Trommeln für die Rumbas waren zunächst Fässer aus Holz, Barrels, Bierfässer, Weinfässer. Man findet sie in Havanna in Geschäften. Sie dienen zum Transport von Flüssigkeiten von Europa nach Kuba und umgekehrt.« Sagt Alén, und betont wiederum die eigenständige Kulturentwicklung auf der Insel, von Menschen gemacht, die irgendwann aus Übersee zugezogen oder nach Kuba verschleppt worden waren – als Kolonisatoren aus Europa, vor allem aus Spanien, als Sklaven vor allem aus Westafrika und dem heutigen Angola.

»La Clave« zeigt viele Genres, aber nicht alle. Die verschiedenen Entwicklungen der Troba-Generationen, also der eher europäischen Einflüsse, fehlen beispielsweise. Alén dazu: »Man kann nicht die ganze Wahrheit zeigen. In Kuba gibt es ein Symphonieorchester. Und das spielt jeden Sonntag im Teatro Nacional in Havanna. Es kommt nicht vor. Es gibt Nueva Troba. Es gibt andere Orte als Havanna, wo Musik gemacht wird. Es gibt einen Club de Danson, wo die alten Leute immer noch den Son tanzen.« Es sei gar nicht möglich, die ganze Vielfalt in 90 Minuten einzufangen. Aber es werde viel gezeigt, viel Jazz auch, genauer: Cuban Jazz, »basierend auf Sonmusik, auf Bolero, auf Canzon, also auf anderen kubanischen Musiken«.

Die Begeisterung für Musik und Tanz spiegelt sich schließlich im Schulunterricht, ausgerechnet also in vermeintlich hierarchischen Strukturen. Und natürlich stehen die Lehrenden vor der Klasse, und die Schüler sitzen an Tischen. Manchmal zumindest. Das Geheimnis der Musik liegt auch in den Beziehungen zwischen Breite und Spitze. Auf die Frage, wie sich diese durch die Revolution 1959 verändert hätten, durch die Alphabetisierung und den Versuch, gleiche Chancen für alle durchzusetzen, meint Alén, es habe eine Art »Alphabetisierung der Musik« stattgefunden.

»Kuba hat diese Möglichkeit mit der Revolution geschaffen. Musiktraditionen existierten natürlich schon. Sehr starke. Sie wurden dann akademisiert, und es wurde ein höheres Level erreicht.« So Olavo Alén. Im Film wird schließlich noch sein – historischer – Kollege Fernando Ortiz (1881–1969), Begründer der kubanischen Musikethnologie, zitiert, der meinte, die Kubaner hätten mit ihrer Musik »mehr Träume und Genüsse exportiert als mit unserem Tabak, mehr Süße und Energie als mit unserem Zucker«. Afrokubanische Musik sei »Feuer, Geschmack und Rauch in einem; sie ist Honig, Lebenselexier und Halt. Sie lässt sich genießen wie edler Rum, der mit den Ohren getrunken wird und es schafft, die Leute miteinander zu vereinen.«

Bleibt zu hoffen, dass »La Clave«, der im März nächsten Jahres auch auf DVD erhältlich sein soll, ein breiteres Publikum finden kann – hierzulande und auch auf Kuba.

»La Clave – das Geheimnis der kubanischen Musik«, Regie: Kurt Hartel, BRD 2021, 86 Minuten, bereits angelaufen, Aufführungstermine unter: wfilm.de/la-clave/kinotermine

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  • Leserbrief von Klaus E. Lehmann aus München/Havanna (25. Oktober 2022 um 13:58 Uhr)
    Hola compañeros, ein sehr schöner Artikel, der allerdings ein paar kleine Fehler enthält: Das kubanische Lied heißt Canción (nicht Canzon) und besondere Formen davon sind die Trova oder die Nueva Trova (nicht Troba), und der Danzón hat sich im Osten Kubas aus dem französischen Contredanse entwickelt, hat also mit dem Son nichts zu tun!!! Mit musikalisch-solidarischen Grüßen Klaus E. Lehmann (seit 40 Jahren Mitglied der FG BRD-Kuba und Spezialist für kubanische Musik).

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