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Aus: Ausgabe vom 24.10.2022, Seite 16 / Sport
Tennis

Königlicher Niedergang

Profitennisalltag eines ATP-250-Turniers: Eine Woche bei den Stockholm Open
Von Gabriel Kuhn
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Große Klappe, schneller Arm: Mikael Ymer bei den Stockholm Open

Am Ende der Saison flüchtet man in die Halle. Das älteste der aktuellen Hallenturniere der Association of Tennis Professionals, besser bekannt unter dem Kürzel ATP, findet in Stockholm statt. Erstmals aufgeschlagen wurde bei den Stockholm Open 1969. Es war lange eines der bedeutendsten europäischen Hallenturniere. Nach Reform der ATP-Tour 1990 gehörte das Turnier zu den sogenannten Super 9 (den Vorläufern der heutigen Masters 1.000). Gespielt wird in der Königlichen Tennishalle auf Djurgården, einer der Inseln, die die Stockholmer Innenstadt bilden. Dort ist sehr viel königlich. Nebenan liegt die Königliche Musikhochschule und die Königliche Bibliothek, dazwischen ein Kinderwunschzentrum.

Wer die Tennishalle in der Turnierwoche besucht, trifft am Eingang auf übereifrige Zuschauer, die das Showcar eines deutschen Automobilherstellers fotografieren. In der Halle selbst folgt man dem Flughafenprinzip. Um zu den Tennisplätzen zu gelangen, muss man durch den Verkaufsbereich: Uhren, Kleidung, Vitaminwasser, mehr Showcars. Es folgt die »Champions Lounge«, wo man für 7,50 Euro ein Bier genießen kann – das Schnäppchen im Angebot. Die einzige Zeitschrift, die neben dem Svenska Tennismagasinet ausliegt, ist Dagens Industri.

Auf dem Weg zum Pressebereich kommt man an Bildern früherer Turniersieger vorbei: Arthur Ashe, Björn Borg, John McEnroe, Boris Becker (die beiden letztgenannten mit jeweils vier Titeln die Rekordsieger). Zeugnisse einer Zeit, als das Stockholmer Turnier noch sehr hohen Status genoss. Diesen verlor es 1995 endgültig, als es auf das niedrigste Niveau der ATP-Turniere zurückgestuft wurde: Es ist ein 250er geworden. Das heißt: Der Sieger erhält 250 Punkte für die Weltrangliste. Darüber liegen die 500er (wie die Turniere in Basel und Wien diese Woche), die Masters-1.000-Serie (das letzte der Saison nächste Woche in Paris), die ATP-Finals Mitte November in Turin mit maximal 1.500 Punkten für den Sieger sowie die vier Grand-Slam-Turniere, bei denen der Sieger 2.000 Punkte für das Ranking bekommt, die allerdings nicht unter der Schirmherrschaft der ATP stehen, was immer wieder (wie dieses Jahr in Wimbledon) zu Konflikten führt.

Die Abwertung der Stockholm Open entsprach dem Niedergang Schwedens als Tennisgroßmacht. Stefan Edberg war 1992 die letzte schwedische Nummer eins, 1998 holte man den letzten Davis-Cup-Sieg. Heute sind die Brüder Mikael und Elias Ymer die bestplazierten schwedischen Spieler: Mikael liegt im Ranking auf Platz 79, Elias auf Platz 129.

Bei den diesjährigen Stockholm Open lief es für beide gut. Mikael besiegte in Runde zwei den Vorjahressieger Tommy Paul (USA), bevor er im Viertelfinale gegen die Nummer eins des Turniers, den Weltranglistenfünften Stefanos Tsitsipas (Griechenland), mit 5:7, 3:6 den kürzeren zog. Elias besiegte in Runde eins den einzigen Deutschen im Turnier, den Kölner Oscar Otte. In Runde zwei führte er gegen den Weltranglisten-17. Frances Tiafoe (USA) mit 6:3 und 4:0, verlor letzten Endes jedoch 6:3, 6:7, 6:7. An einer Sensation vorbei schrammte in Runde eins Leo Borg, Sohn des berühmten Björn: Die 19jährige Nummer 577 der Weltrangliste, die dank einer Wildcard antreten durfte, gewann gegen den Titelverteidiger Tommy Paul den ersten Satz, musste sich insgesamt jedoch mit 7:5, 4:6, 1:6 geschlagen geben.

Mikael Ymer machte vor dem Turnier Schlagzeilen, als er meinte, ein ATP-Turnier in Schweden ohne ihn sei wie »ein Salat bei McDonald’s«. Immerhin konnten die Veranstalter ihn in diesem Jahr zum Antreten bewegen. Ymer ist bekannt dafür, die schwedischen ATP-Turniere auszulassen (neben dem 250er in Stockholm gibt es noch eines in Båstad). Als Erklärung gab er einst an, dass Zlatan Ibrahimovic auch nicht in der schwedischen Fußballiga spielen würde. Der Vergleich mit Ibrahimovic kommt nicht von ungefähr. Die Eltern von Mikael und Elias Ymer kamen in den 1980er Jahren aus Äthiopien nach Schweden. Wie Ibrahimovic sind die Ymers als sportliche Aushängeschilder nicht von allen in Schweden gern gesehen.

Bei seinem Auftritt in Stockholm gab sich Mikael Ymer volksnah. Nach seinem Erstrundensieg gegen den Franzosen Quentin Halys erklärte er dem Publikum: »Es gibt nichts Besseres, als vor euch zu spielen!« Nach seinem Sieg gegen Tommy Paul streute er in das englische On-Court-Interview einen schwedischen Satz ein: »Ich würde wirklich gern Schwedisch sprechen, aber ich bekomme eine Strafe, wenn ich das tue.« Das war nicht gelogen. Die Veranstalter verpflichten die Spieler, Englisch zu sprechen, denn schließlich gilt es, ein internationales Fernseh- bzw. Streamingpublikum zu bedienen.

Wer ein 250er-Turnier auf der ATP-Tour besucht, mag nicht immer die besten Spieler und die größten Stadien zu Gesicht bekommen. Doch es gibt anderes zu erleben. Wer sich in der Turnierwoche schon vormittags in die Königliche Tennishalle aufmacht, kann den Profis aus nächster Nähe beim Trainieren zusehen. Dabei gibt es unterschiedliche Varianten. Der 19jährige dänische Senkrechtstarter Holger Rune, Viertelfinalist bei den diesjährigen French Open, tritt mit einer Entourage auf, die seit neuestem auch den französischen Startrainer Patrick Mouratoglou beinhaltet, zehn Jahre lang Coach von Serena Williams. Doppelroutiniers wie Philipp Oswald (Österreich) und Lukasz Kubot (Polen) schlagen sich währenddessen im hintersten Winkel der Halle ein, ohne jede Begleitperson. Irgendwo dazwischen erklärt ein Wichtigtuer dem Franko-Amerikaner Maxime Cressy, wie man einen Return zu schlagen hat. Die Nummer 33 der Weltrangliste lässt es geduldig über sich ergehen.

Wenn der Spielbetrieb beginnt, geht es auf den Nebenplätzen immer noch familiär zu. Eines der Erstrundenmatches im Doppel findet vor handgezählten neun Zuschauern statt. Auch der Center Court, auf dessen Holztribünen bis zu 5.000 Menschen Platz finden, ist an den ersten Turniertagen höchstens zur Hälfte gefüllt. Wer sich günstig plaziert, kann Gespräche zwischen Spielern und Betreuern mithören und die gehobenen Daumen sehen, mit denen der Stuhlschiedsrichter nach richtigen Entscheidungen die Linienrichter lobt. Die Boxen der Sponsoren bleiben trotz des gekühlten Champagners leer, der Werbeeffekt scheint am wichtigsten. Auch die königliche Box ist während der Woche nicht gut besucht, Prinz Daniel wohnt immerhin den Spielen der Ymer-Brüder bei.

Am Sonntag, beim Finale, gibt sich die königliche Familie traditionell ein Stelldichein. Das Match war bei jW-Redaktionsschluss noch im Gange, es standen sich Stefanos Tsitsipas und Holger Rune gegenüber. Tsitsipas gewann 2018 in Stockholm seinen ersten Titel auf der Tour, für ihn wäre der Sieg 2022 ein schönes Déjà-vu. Für Rune, der zum ersten Mal in Stockholm antritt, wäre er eine Genugtuung, nachdem er in Runde zwei auf einen Nebenplatz verbannt worden war. Seine Mutter und Managerin Aneke meinte dazu: »Wir dachten, es sei wichtig, die skandinavischen Turniere zu unterstützen, aber wenn wir so behandelt werden, werden wir das zukünftig in unserer Planung berücksichtigen.« Könnte also gut sein, dass auch Rune in Zukunft einen auf Zlatan macht.

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