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Aus: Ausgabe vom 24.10.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Gewalt in Nahost

Generalstreik in Westbank

Trauer und Proteste nach Erschießung eines 22jährigen Palästinensers. Sein Konterfei ziert Straßen in besetzten Gebieten
Von Gerrit Hoekman
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Nach dem Tod Udai Tamimis: Generalstreik am Donnerstag auch in Gaza

Die Spirale der Gewalt dreht sich in Palästina immer schneller – ein Ende ist nicht in Sicht. Am Mittwoch abend wurde der 22jährige Udai Tamimi vor der jüdischen Siedlung Ma’ale Adumim von Wachposten erschossen. Zum Ausdruck der Trauer war die Bevölkerung im Westjordanland und Ostjerusalem am Donnerstag zu einem spontanen eintägigen Generalstreik aufgerufen. Geschäfte, Betriebe, Schulen und Universitäten blieben geschlossen, Busse fuhren nicht, meldete die amtliche Nachrichtenagentur WAFA.

Udai Tamimi lebte im palästinensischen Flüchtlingslager Schu’afat am Stadtrand von Ostjerusalem. Sehr wahrscheinlich erschoss er am 8. Oktober die 18jährige Soldatin Noa Lazar an einem Checkpoint der israelischen Militärpolizei am Eingang des Lagers und verletzte einen weiteren Soldaten schwer. Am Tag zuvor hatte die Armee in Dschenin zwei Männer im Alter von 24 und 18 Jahren erschossen. Noch einen Tag früher starben in Kalkilia und bei Ramallah zwei weitere Jugendliche, 14 und 17 Jahre alt.

»Treibstoff für Wut«

Zehn Tage lang fahndeten die israelische Armee, Polizei und der Inlandsgeheimdienst Schin Bet nach Tamimi und riegelten Schu’afat von der Außenwelt ab. Aber erst am Mittwoch abend tauchte Tamimi plötzlich wieder auf. Ein zahlreich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter geteiltes Video einer Überwachungskamera zeigt, wie er sich vor dem Eingang zur 1975 völkerrechtswidrig auf der Westbank errichteten Siedlung Ma’ale Adumim – mit über 30.000 Einwohnern die drittgrößte jüdische Siedlung im Westjordanland – verletzt am Boden liegend mit seiner Pistole einen Schusswechsel mit den Wachen liefert. Als ihm die Munition ausgeht, wird er tödlich getroffen.

Am Donnerstag machte in den sozialen Netzwerken ein handschriftliches Testament die Runde. »Meine Operation am Schu’afat-Checkpoint war ein Tropfen auf dem tosenden Meer des Kampfes«, heißt es dort. »Ich weiß, dass ich früher oder später den Märtyrertod erleiden werde, und ich weiß, dass ich Palästina durch diese Operation nicht befreit habe. Ich habe sie mit dem primären Ziel ausgeführt, dass der Ertrag der Operation Hunderte junger Menschen sein werden, die nach mir den bewaffneten Kampf weitertragen.« Ob Tamimi das Testament selbst verfasst hat, ist nicht zweifelsfrei zu klären.

Das Video und das Testament verleihen Tamimi in den besetzten Gebieten einen Heldenstatus. Im Internet verbreiteten sich am Donnerstag zahlreiche Zeichnungen und Fotomontagen, die ihn preisen. Mit »Bis zum letzten Atemzug!« ist eines der Bilder unterschrieben. In den Straßen der Westbank und in Ostjerusalem hing an vielen Stellen sein Konterfei. Frauen, Männer und sogar Schulkinder hielten inne, um vor den Plakaten zu salutieren. »Was er für das Land getan hat, macht uns stolz«, sagte ein maskierter palästinensischer Kämpfer in einem Beitrag des TV-Senders Al-Dschasira am Freitag.

»Udais Blut und das Blut der Märtyrer Palästinas sind Treibstoff für die Wut«, teilte die militante Gruppe »Höhle des Löwen« (Arin Al-Usud) am Donnerstag in einer Erklärung mit. Sie ist erst seit August 2022 vor allem in der Altstadt von Nablus und dem Balata-Flüchtlingslager aktiv. »Die Mehrheit der Mitglieder ist zwischen 18 und 24 Jahre alt, säkular und nimmt keine Befehle lokaler religiöser Führer entgegen«, schrieb die israelische Tageszeitung Haaretz am 18. Oktober über die Gruppe.

Nachdem sich am Mittwoch abend die Nachricht von Tamimis Tod in den besetzten Gebieten verbreitet hatte, zogen mehrere hundert Menschen zum Haus seiner Familie. In den frühen Morgenstunden des Donnerstags griffen palästinensische Kämpfer Stellungen der israelischen Armee in Nablus und Dschenin an, meldete WAFA. Die Auseinandersetzungen zogen sich bis in die Nacht zum Freitag hin. Dabei wurde in Dschenin der 19jährige Salah Al-Barki von Soldaten der Besatzungsmacht angeschossen. Er erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen, berichtete das palästinensische Gesundheitsministerium. Die israelische Armee war auf der Suche nach vermeintlichen Terrorverdächtigen in die Stadt eingedrungen und stieß dabei anscheinend auf erheblichen Widerstand.

Nur wenige Stunden nach Tamimi starb auch Mohammed Fadi Nuri, 16 Jahre alt. Der Jugendliche war vor drei Wochen in Beitunia nahe Ramallah durch eine israelische Kugel in den Unterleib schwer verwundet worden. Am Donnerstag morgen erlag er in einem Krankenhaus seinen Verletzungen. Nuri hatte am 28. September an einer Demonstration anlässlich des Todes von vier Palästinensern in Dschenin teilgenommen – keiner der Getöteten war älter als 30 Jahre.

Angriffe von Siedlern

Am Sonnabend wurde in Kalkilia erneut ein 32 Jahre alter Palästinenser erschossen. Im Ostjerusalemer Stadtviertel Scheich Dscharach wurde am selben Tag der 16jährige Mohammed Abu Kutaisch durch israelische Soldaten schwer verletzt, meldete WAFA. Er soll, so die Armee, wenige Minuten vorher einen israelischen Siedler mit einem Messer angegriffen haben. Im Anschluss stürmten Soldaten das Haus der Familie und verhafteten den Vater und den Bruder des Jungen.

Auch radikale israelische Siedler greifen zunehmend in die Auseinandersetzung auf der Westbank ein. Haaretz zählte 100 Angriffe in den vergangenen zehn Tagen. Sie brennen Olivenhaine nieder, stehlen palästinensischen Bauern die Ernte oder bewerfen Autos mit Steinen. Samstag abend blockierten Siedler die Landstraße zwischen Nablus und Kalkilia, berichtete WAFA.

Hintergrund: Zara-Boykott

Israelische Palästinenser rufen im Internet zum Boykott der spanischen Modekette Zara auf. Der Grund: Der kanadisch-israelische Franchisenehmer von Zara Israel, Joey Schwebel, empfing am vergangenen Donnerstag abend in seinem Haus bei Tel Aviv den antipalästinensischen Hetzer und Knesset-Abgeordneten der ultranationalistischen Partei Otzma Jehudit (Jüdische Stärke), Itamar Ben-Gvir, zu einem politischen Gespräch.

Ben-Gvir würde nach den Parlamentswahlen am 1. November nur zu gern eine entscheidende Rolle in der israelischen Regierung spielen. Noch ist er jedoch ein politischer Paria, mit dem kaum eine Politikerin oder ein Politiker zu tun haben will. Manche Meinungsumfragen sagen seiner Partei, die aktuell nur ihn als Abgeordneten hat, deutliche Gewinne voraus.

Am Sonnabend erließ Scheich Mahmud Al-Habasch, der oberste Scharia-Richter in Palästina und offizielle Berater der Autonomiebehörde in religiösen Angelegenheiten, eine Fatwa, also eine religiöse Handlungsvorschrift, die allen Musliminnen und Muslimen den Handel mit Zara und den Kauf seiner Produkte solange verbietet, bis das spanische Unternehmen den Franchisevertrag mit Schwebel aufkündigt. Das berichtete die amtliche Nachrichtenagentur WAFA. Im Internet luden Palästinenser Videos und Fotos hoch, auf denen sie beim Verbrennen von Kleidung zu sehen waren, die sie bei Zara gekauft hatten.

»Unsere Haltung gegenüber Läden wie diesen, die den Faschismus unterstützen, muss klar sein«, sagte der arabische Bürgermeister der israelischen Stadt Rahat, Fais Abu Sahiban, laut der Internetzeitung Times of Israel am Freitag. Ein Video zeigt ihn, wie er ein Hemd der Modekette verbrennt. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter lieferte sich Ahmed Tibi, der Vorsitzende der arabisch-israelischen Ta’al-Partei, ein verbales Duell mit Ben-Gvir. Tibi sprach von der »Hässlichkeit von Zara Ben-Gvir Israel«. Der extrem Rechte antwortete umgehend: »Zara, wunderbare Kleidung, wunderbare Israelis.« Das Büro von Joey Schwebel wollte sich dem israelischen TV-Sender Channel 12 zufolge zu »privaten Familienangelegenheiten« nicht äußern.

Bereits im Juni 2021 gab es in den sozialen Medien einen Boykottaufruf gegen Zara. Damals geriet Vanessa Perilman, die Chefdesignerin des Unternehmens, mit dem in Ostjerusalem geborenen und aufgewachsenen ersten männlichen Model aus Palästina, Kaher Harhasch, aneinander. Harhasch hatte Israel auf Instagram »bösartig« genannt. »Wenn Ihre Leute gebildet wären, würden sie vielleicht nicht die Krankenhäuser und Schulen in die Luft jagen, die Israel in Gaza mitfinanziert hat«, antwortete Perilman, die aus Israel stammt. Nachdem das Unternehmen Inditex, zu dem Zara gehört, die Äußerung öffentlich verurteilt hatte, entschuldigte sich Perilman bei Harhasch. (gh)

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