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Aus: Ausgabe vom 22.10.2022, Seite 8 / Inland
Antimilitarismus

»Hier wird die Vorbereitung für einen Atomkrieg geprobt«

Protest gegen NATO-Manöver »Steadfast Noon«. Sorge vor weiterer Eskalation im Ukraine-Konflikt. Ein Gespräch mit Joachim Schramm
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Belgische »F-16«-Kampfjets auf dem Flugplatz Kleine-Brogel (1.10.2021)

Aktuell läuft das NATO-Militärmanöver »Steadfast Noon«. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Die NATO gibt ihren Manövern immer blumige Namen, dieser heißt übersetzt »Standhafter Mittag«. Es handelt sich um ein im Grunde geheimes, jährlich stattfindendes Manöver, bei dem der Umgang mit den in Europa stationierten B-61-Atombomben und ihre Trägerflugzeuge im Mittelpunkt stehen. Geübt wird das Anbringen an den Bombenflugzeugen. Außerdem werden Übungsflüge absolviert, allerdings ohne die echten Bomben. Das Manöver findet jedes Jahr in einer anderen Region statt. In diesem Jahr ist ein Schwerpunkt Belgien mit seinem dortigen Atomwaffenstützpunkt Kleine Brogel, etwa 50 Kilometer von Aachen entfernt. Hier wird also die Vorbereitung für einen Atomkrieg mitten in Europa geprobt.

Wie ist die Bundeswehr an diesem Manöver beteiligt?

Das Manöver umfasst die Staaten der sogenannten nuklearen Teilhabe. Damit umgeht die NATO den Atomwaffensperrvertrag, der es zum Beispiel Deutschland verbietet, Atomwaffen zu besitzen oder zu nutzen. Die USA stellen der deutschen, belgischen, niederländischen und italienischen Luftwaffe solche Atombomben zur Verfügung, die diese dann – nach Freigabe durch Washington – im Kriegsfall mit eigenen Flugzeugen ins Ziel bringen sollen. Die Bomben in Deutschland sind auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel in der Eifel stationiert. Die dazugehörigen »Tornado«-Atombomber befinden sich zur Zeit auf dem Stützpunkt Nörvenich bei Köln, da in Büchel Umbaumaßnahmen stattfinden. Sie sind in das Manöver eingebunden. Übrigens plant auch Russland mit dem Militärmanöver »Grom« eine große Atomübung des Militärs.

Für wie akut halten Sie die Gefahr einer weiteren Eskalation des Ukraine-Kriegs?

Der Krieg eskaliert auf konventioneller Ebene immer weiter, ein Ende ist nicht in Sicht. Sowohl Russland als auch die USA und die NATO verfügen über Nuklearstrategien, die den Einsatz von Atomwaffen in Kriegen vorsehen. Auf seiten Russlands ist dabei die Gefährdung des Staates die Voraussetzung. Doch wer entscheidet, wann das der Fall ist? Auch die USA fassen die Bedingungen für den Einsatz von Nuklearwaffen sehr weit. Die Gefahr eines Atomkrieges ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Daher sind solche Übungen in dieser angespannten Situation fahrlässig. Es ist ja von außen nicht zu sehen, ob ein »Tornado« nun eine Übungsbombe trägt oder eine scharfe Atombombe, ob eine startklar gemachte russische Rakete einen Atomsprengkopf trägt. Leicht kann da eine Übung als scharfer Angriff missverstanden werden. Deshalb fordern wir die Einstellung von »Steadfast Noon« – und von der russischen Seite, ihr Manöver gar nicht erst zu beginnen.

Die EU plant eine Ausbildungsmission für 15.000 ukrainische Soldaten für zunächst zwei Jahre. Was hat es damit auf sich?

Hintergrund ist wohl, dass angesichts hoher Verluste der Ukraine ausgebildete Soldaten fehlen. Die EU tritt mit dieser Ausbildung, bei der Deutschland eine Koordinierungsrolle einnimmt, in eine neue, gefährliche Phase. Wurden bisher nur Soldaten an bestimmten Waffensystemen ausgebildet, geht es jetzt um eine allgemeine militärische Ausbildung. Auch die EU nähert sich immer mehr der Grenze an, an der die Gemeinschaft direkte Kriegspartei wird.

Die Friedensbewegung plant für diesen Sonnabend Protestaktionen. Was wollen Sie unternehmen?

Unsere belgischen Freunde haben schon vorgelegt: Sie hatten bereits am Mittwoch in Brüssel gegen das NATO-Manöver protestiert. Bei uns rufen die bundesweite Kampagne »Büchel ist überall – atomwaffenfrei jetzt«, die DFG-VK in NRW und Köln sowie die Friedensgruppe Düren zu einer Demonstration zum Luftwaffenstützpunkt in Nörvenich auf. Start ist am Sonnabend um zwölf Uhr am dortigen Schlosspark. Zum Abschluss werden wir mit einer Aktion vor dem Tor des Stützpunktes noch mal deutlich unser Nein zu den Atomwaffen und zur nuklearen Teilhabe ausdrücken.

Joachim Schramm ist Landesgeschäftsführer der DFG-VK NRW

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  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (23. Oktober 2022 um 17:30 Uhr)
    Die Welt müsse den Kreml angreifen, wenn Russland ihn attackiere, forderte Präsident Selenskij am 23. Oktober 2022. Was für ein Unsinn! Die Kommentare aus Kiew werden immer idiotischer. Exkomiker Selenskij wurde als ein »Diener des Volkes« gewählt. Nun ist er eine Marionette der US-Regierung, ein Henker des Volkes. Denn ein Präsident, der das eigene Volk für die Interessen des US-Kapitals in einem Krieg opfert, ist ein Kriegsverbrecher. Die US-geführte NATO steuert Europa damit direkt in einen Krieg. Da nützt auch das Gefasel zur Beruhigung der Bevölkerung nichts, man liefere nur Waffen, sei nicht direkt am Krieg beteiligt. Der militärische Konflikt in der Ukraine zeigt, dass der angeblich so kultivierte Westen am Frieden nicht interessiert ist. Statt das Gespräch mit Russland zu suchen, faselt man vom Selbstverteidigungsrecht und liefert Waffen. Milliarden an Staatsgeldern wurden so bereits vernichtet. Und täglich werden es mehr. Das hat dazu geführt, dass Zehntausende Menschen getötet, Hunderttausende verletzt wurden und Millionen geflüchtet sind. Objektiv betrachtet, wird Europa von unterwürfigen Idioten regiert. Unfähig, sich zivilisiert zu äußern. Wohin man schaut, alle fordern Waffenlieferungen, wollen als Möchtegernfeldherren in die Geschichte eingehen; gar die Atommacht Russland besiegen. Angezettelt wurde dieser dreckige Krieg von den USA durch die seit 1999 betriebene NATO-Osterweiterung. Das Hinterhältige ist, dass Millionen Europäer schliefen, als US-Soldaten nach Europa verlegt wurden. NATO-Truppen stehen heute direkt an Russlands Grenze. Das Vorrücken der größten Armee der Welt ist eindeutig ein Akt westlicher Aggression gegen Russland. Wer Frieden will, muss alle Länder einbeziehen und nach diplomatischen Lösungen suchen. Sonst sind Großstädte wie Berlin, London, Paris, Rom und Washington bald Geschichte. Russland wird sich das nicht gefallen lassen, dass gierige Europäer und aggressive US-Bürger wie Joe Biden sich anmaßen, ihr Land zu erobern.

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